Als sie die großen, schmiedeeisernen Tore zum ersten Mal passierte, fand sie den Eindruck fast ein wenig erdrückend. Sie habe sich erst mal zurechtfinden müssen, erzählte Annika Beck am Ende ihres ersten Abenteuers in Wimbledon. Es endete zwar nach einer kleinen Warteschleife in Runde eins der All England Lawn Tennis Championships, aber wenn nicht alles täuscht, dann werden der Premiere weitere Auftritte folgen.
Annika Beck, 18 Jahre alt, in Gießen geboren und seit Jahren in Bonn zu Hause, gehört wie Antonia Lottner, Dinah Pfizenmaier und Carina Witthöft zum Porsche-Nachwuchsteam des Deutschen Tennis Bundes, das mit besonderen finanziellen und personellen Maßnahmen gefördert wird, aber in gewisser Weise war der Auftritt in Wimbledon der erste auf einem neuen Gelände.
Vom Nachwuchs verabschiedet
Bei den French Open in Paris hatte sie sich vor etwas mehr als zwei Wochen als Siegerin des Juniorenturniers mit Glanz und Gloria vom Nachwuchs verabschiedet. Bereits in Paris hatte sie versucht, sich für das Hauptfeld bei den Großen zu qualifizieren, war aber unglücklich nach Vergabe eines Matchballs gescheitert.
Aber der Erfolg bei den Junioren wirkte wie ein Elixier. Obwohl sie kaum Zeit zur Umstellung vom Spiel auf Sand auf das völlig ungewohnte Spiel auf Rasen hatte, setzte sie sich zur eigenen Überraschung beim Qualifikationsturnier in Roehampton durch und landete damit zum ersten Mal im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers.
Und trotz der Niederlage gegen Olga Gowortsowa (3:6, 6:3, 3:6) aus Weißrussland gab es positive Ansätze bei der Premiere auf Court 8. Mit reichlich deutscher Unterstützung übrigens. Am Rande saßen die Eltern von Julia Görges ebenso wie die Mutter von Mona Barthel, und dass nicht noch mehr los war, war der Tatsache geschuldet, dass Sabine Lisicki ein paar Plätze weiter zur gleichen Zeit spielte und schließlich auch die Fortsetzung des tags zuvor abgebrochenen Spiels von Julia Görges begann.
Eine neue deutsche Tennis-Generation
Annika Beck steckte den Verlust des ersten Satzes scheinbar unbeeindruckt weg, stabilisierte ihr Spiel und gewann den zweiten. „Aber dann“, so gestand sie hinterher, „fängt man natürlich an nachzudenken, ob man das Spiel gewinnen kann. Und am Ende hatte sie einfach die größere Erfahrung, das habe ich gemerkt.“ Aber der gewonnene Satz und die fast selbstverständliche Art, mit der sie sich bei der Premiere präsentierte, passte zur Einschätzung, die Annika Beck schon in Paris mitgeteilt hatte. Da hatte sie gesagt, was sich zurzeit im Frauentennis tue, mache Hoffnung auf eine neue deutsche Tennis-Generation.
Das war eine selbstbewusste, aber keinesfalls überzogene Aussage; die Jungen fürchten sich nicht davor, Ansprüche zu wecken. Im vergangenen Jahr hatte sie das Gymnasium in Bonn mit einem Einser-Abitur abgeschlossen. Vielleicht nicht ganz überraschend angesichts der vererbten Gene - Vater und Mutter lehren als Chemiker an der Uni. Als sie in Paris vor und nach dem Finale des Juniorenturniers in der Pressekonferenz englische Fragen beantworten musste, tat sie das bemerkenswert souverän. Damit fliegt der Ball zwar nicht schneller übers Netz, aber heutzutage kommt es mehr denn je auf solche Nebengeräusche an.
Beck gehört zu den ganz Fleißigen
Bundestrainerin Barbara Rittner sagt, Beck gehöre zu den ganz Fleißigen. „Die stand schon morgens um halb sechs vor der Schule auf dem Laufband.“ Inzwischen hat das Leben eine andere Struktur. Beck trainiert zusammen mit Antonia Lottner im Tennis-Zentrum des Kollegen - das darf man ja jetzt so bezeichnen - Nikolai Dawydenko in Kerpen in der Nähe von Köln, aber sie wird in Zukunft deutlich mehr unterwegs sein als früher. Das sei jetzt dank der Förderung des Verbandes deutlich leichter als früher, sagt sie: „Ich bin wirklich froh, dass ich mich jetzt aufs Tennis konzentrieren kann.“
Sie hat sich einen interessanten Kreis von Vorbildern ausgesucht - Maria Scharapowa, Wiktoria Asarenka und die Polin Agnieszka Radwanska -, aber sie ist sich darüber im Klaren, dass es am besten ist, einen eigenen Weg zu finden. „Ich hab schon immer meinen Kopf durchgesetzt“, sagte sie in Paris.
Was sie beim ersten Auftritt in Wimbledon, beim ersten Auftritt im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers, lernte? Dass sie auf dem richtigen Weg ist, dass es mit dem Übergang von den Junioren zu den Älteren mit ein wenig Glück und einer Menge Konsequenz klappen kann. Und beinahe hätte sie bei der Premiere in Wimbledon sogar eine Frau getroffen, deren Werke sie jahrelang verschlungen hatte. Schriftstellerin Joanne K. Rowling saß als Ehrengast in der königlichen Loge, während Annika Beck, eingeschriebener Harry-Potter-Fan, auf den Beginn ihres Spiels wartete. Aber vielleicht kommt Mrs. Rowling ja im nächsten Jahr wieder; es gibt ja meist eine zweite Gelegenheit.