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Wimbledon 2008 Federer oder Nadal? Es kann nur einen geben

23.06.2008 ·  Die Fachwelt scheint so gespalten wie lange nicht: Tennisprofi Roger Federer kann in Wimbledon zum sechsten Mal gewinnen. Wäre da nicht Rafael Nadal. Der Spanier hat zuletzt endgültig seiner Siegermentalität auf Gras bewiesen.

Von Thomas Klemm
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Die Kaffeesatzleserei gehört zu Wimbledon wie die Erdbeeren mit Schlagsahne. Doch das immergleiche Ritual, dass lange vor dem ersten Aufschlag an der Londoner Church Road über den kommenden Sieger spekuliert wird, hat in diesen Tagen eine neue Dynamik bekommen. Roger Federer oder Rafael Nadal, in dieser Preisfrage sind Tennisfans, englische Buchmacher und jene Champions, die in Wimbledon Geschichte geschrieben haben, so gespalten wie seit Jahren nicht.

Die Pro-Federer-Fraktion wird angeführt von den Altmeistern Pete Sampras, der seinen Schweizer Kumpel wie immer für den heißesten Grand-Slam-Titelanwärter hält, und Boris Becker, der behauptet: „Auf Sand hat Federer fast einen Nadal-Komplex, aber auf Hardcourt und Rasen ist es umgekehrt.“ Björn Borg hingegen hält seit Nadals French-Open-Triumph die Kräfteverhältnisse für völlig verschoben und sieht den Spanier im Vorteil: „Wenn Nadal die ersten Runden übersteht, dann gewinnt er Wimbledon.“ Die einzigen, die sich derzeit nicht an den Scheingefechten beteiligen, sind die beiden, hinter deren Rücken geredet wird.

„Er verliert öfter als früher, er ist nicht mehr so dominant“

Dass vor dem großen Tennis-Titelkampf kleinere Wortscharmützel ausgetragen werden, ist normal. Aber dass die Tenniswelt in diesen Tagen die Dominanz Federers auf dem Londoner Rasen anzweifelt, das ist ein Novum. Fünfmal in Folge hat der Schweizer das Turnier in Wimbledon gewonnen, mit dem sechsten Triumph würde er den Schweden Borg übertrumpfen, der von 1976 bis 1980 in London herrschte. Federer könnte eine neue Serien-Bestmarke aufstellen.

Zudem ist er auf Rasen seit 59 Matches ungeschlagen, weist dabei eine sagenhafte Bilanz von 152:16 Sätzen auf und müsste von diesem Montag an auf dem einzig natürlichen Untergrund als der einzig natürliche Favorit gelten. Doch der Weltranglistenerste hat in den vergangenen Monaten einiges von seinem Nimbus eingebüßt, bei den Beobachtern wie unter seinen Kollegen. „Er verliert öfter als früher, er ist nicht mehr so dominant - das kann der entscheidende Faktor in Wimbledon sein“, sagt der Serbe Novak Djokovic, der in diesem Jahr die Australian Open gewann und nach den beiden Führenden in der Weltrangliste als aussichtsreicher Titelanwärter in London gilt.

„Mich muss man schon auf dem Platz besiegen“

Für die Federer-Verhältnisse der vergangenen Jahre ist die Saison bislang etwas enttäuschend, aber dennoch beachtlich verlaufen; schließlich litt der Schweizer zu Jahresbeginn an Pfeifferschem Drüsenfieber, dessen Folgen er bis vor kurzem spürte. Trotzdem gewann er zwei Turniere und erreichte noch zweimal ein Endspiel. Nach dem ersten Grand-Slam-Turnier in Melbourne, wo er im Halbfinale Djokovic unterlag, hatte sich Federer erleichtert gezeigt, das „Monster“ losgeworden zu sein, das er sich durch alle seine Triumphe selbst erschaffen hatte.

Die Kehrseite könnte sein, dass die Furcht vor dem Rasenkönig Federer nicht nur bei Djokovic ein bisschen verflogen ist. Doch der Schweizer, der 2002 in der ersten Wimbledon-Runde gegen den Kroaten Mario Ancic letztmals auf Rasen verlor, lässt sich von der aufmuckenden Masse nicht beeindrucken. „Mit Glauben allein gewinnt man kein Match“, sagt der Sechsundzwanzigjährige, der sich in seinen Bewegungen wieder „geschmeidig“ fühlt: „Mich muss man schon auf dem Platz besiegen.“

Finale als „beste und zugleich schlechteste Erinnerung“

Es kann nur einen geben, der den Rasenkönig stürzt; und vieles deutet darauf hin, dass der vier Jahre jüngere Rafael Nadal der heißeste Kandidat ist. Wurde der viermalige French-Open-Sieger bis vor kurzem nur als Sandplatz-Dominator wahrgenommen, so hat er vor einer Woche endgültig seine Siegerqualitäten auf Gras bewiesen. Am selben Sonntag, an dem Federer in Halle ohne jeden Aufschlagverlust sein zehntes Rasenplatzturnier in Folge gewann, holte der Mallorquiner im Londoner Queen's Club seinen ersten Titel auf dem Grün; wobei Nadal sein Meisterstück machte, indem er nacheinander die Brachialaufschläger Ivo Karlovic und Andy Roddick sowie im Finale Djokovic besiegte.

Die Konkurrenz, allen voran Federer, hat spätestens beim letztjährigen Wimbledon-Turnier erkannt, wie versiert der Spanier mittlerweile auch auf Rasen zu spielen versteht. In jenem Finale, das Federer als „Thriller“ bezeichnete, brachte Nadal den Titelverteidiger hart an den Rand einer Niederlage, bestimmte phasenweise das Geschehen, unterlag aber nach fünf Sätzen. Das Endspiel sei seine „beste und zugleich schlechteste Erinnerung“ an Wimbledon, sagt der Spanier, der sich diesmal besser gewappnet sieht auf Rasen.

„Das kann ein Wimbledon der Superlative werden“

Er hat an seinem Aufschlag gearbeitet, er spielt seine Rückhand öfter als Slice, so dass die Bälle auf der Gegenseite flacher abspringen als beim Topspin, und er geht öfter ans Netz und sucht die Entscheidung mit einem Volley. „Durch einen verschiedenen Rhythmus macht man es dem Gegner schwerer“, hat nun auch Nadal erkannt, der zum Auftakt auf den Stuttgarter Andreas Beck trifft.

Für Nadal, der bei fünf seiner vergangenen sechs Turnierauftritte siegte, geht es darum, den Rasenkönig erstmals auf seinem Herrschaftsgebiet zu schlagen und seinen ersten Grand-Slam-Titel fernab von Paris zu feiern. Für Federer, der es in der ersten Runde mit dem Slowaken Dominik Hrbaty zu tun bekommt, geht es dagegen um alles oder nichts: Entweder ihm gelingt eine historische Bestmarke, oder seine Dominanz ist auch auf Rasen dahin. „Das kann ein Wimbledon der Superlative werden“, prophezeit John McEnroe. Der amerikanische Altmeister spricht aus berufenem Munde, war er es doch, der 1981 den Seriensieger Borg stürzte - nach exakt so vielen Wimbledon-Titeln, wie Federer derzeit hat.

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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