Im Doping-Fall der Sprint-Olympiasiegerin Marion Jones hat es eine überraschende Wende gegeben. Die Analyse der B-Probe bestätigte nicht das positive Ergebnis des A-Tests und entlastet damit die 30 Jahre alte Amerikanerin vom Vorwurf des Blutdopings mit Epo. „Marion Jones kann zurecht empört sein“, kritisierte Helmut Digel, Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes, die öffentliche Vorverurteilung seit Bekanntwerden des A-Resultats am Donnerstag. „Wir müssen sie nun als saubere Athletin betrachten.“
Voraussichtlich wird Marion Jones, die beim World Athletics Final am Wochenende in Stuttgart startberechtigt ist, nun Schadensersatz in Millionen-Höhe geltend machen. Knapp zehn Wochen nach ihrem positiven Epo-Test bei den amerikanischen Meisterschaften in Indianapolis bekam die dreimalige Olympiasiegerin von Sydney am Mittwoch (Ortszeit) von der Anti-Doping-Agentur der Vereinigten Staaten (Usada) Entwarnung.
„Ich bin absolut ekstatisch“
In ihrer B-Probe sei kein Epo gefunden worden. Bei einer positiven B-Probe wäre sie mindestens zwei Jahre gesperrt worden. „Ich bin absolut ekstatisch. Ich habe immer gesagt, daß ich nie leistungssteigernde Mittel genommen habe“, kommentierte sie die Nachricht, „und ich bin froh, daß ein wissenschaftlicher Test nun diese Tatsache bewiesen hat. Nun kann ich es kaum noch erwarten, wieder laufen zu können.“
Bereits beim World Athletics Final in Stuttgart könnte sie antreten. „Wenn sie den Wunsch bei der IAAF äußert, kann sie nach unseren Regeln antreten“, erklärte Digel. Jones hatte sich über die IAAF-Punktewertung als Dritte über 100 Meter qualifiziert. Beim Golden-League-Meeting am 14. Juli in Rom war sie immerhin 10,91 Sekunden über 100 Meter gelaufen, ihre schnellste Zeit seit 2002.
„Es war grenzwertig, die A-Probe positiv zu nennen“
Die Wende im Fall Jones schien unterdessen auch den amerikanischen Leichtathletik-Verband USATF zu überraschen. „Wir akzeptieren die Vorgehensweise der Usada“, meinte USATF-Sprecherin Jill Creer. Am 18. August war die positive A-Probe der Sprinterin bekannt geworden. Stunden davor hatte sie ihre Teilnahme am Golden League-Meeting in Zürich abgesagt. Die B-Probe wurde im Labor der University of California in Los Angeles untersucht. Dort war auch die A-Probe analysiert worden.
„Ich bin nicht überrascht von Marions negativer B-Probe. Es war schon grenzwertig, die A-Probe positiv zu nennen“, erklärte Jones' Anwalt Howard Jacobs. „Der Fall Jones ist das perfekte Beispiel, daß das in Mode gekommene Bekanntgeben einer positiven A-Probe schlichtweg ein Horror für die Athleten ist.“ Jones erwägt wohl eine Schadensersatzklage in Millionenhöhe, die gleichzeitig ihre vermeintlich prekäre finanzielle Situation entspannen könnte - ausgelöst durch die hohen Anwaltskosten der vergangenen Jahre im Kampf gegen Doping-Verdächtigungen.
Jones in weitere Doping-Fälle involviert
Trotz der Entlastung im Epo-Fall ist das Thema Doping bei Jones noch nicht vom Tisch. Auch in die Doping-Affäre um das Betrugs-Labor „Balco“ war sie verwickelt, ohne jemals angeklagt oder überführt worden zu sein. Balco-Gründer Victor Conte hatte in einem Fernsehinterview im Dezember 2004 zugegeben, er selbst habe Marion Jones mit Dopingmitteln versorgt und gesehen, wie sie sich Wachstumshormone gespritzt habe.
Vor allem ihre Beziehungen zu überführten Dopingsündern nähren immer wieder Zweifel. Ihr ehemaliger Ehemann, Kugelstoßer C.J. Hunter, wurde gleich vier Mal positiv getestet. Im Rahmen des Balco-Prozesses hatte er ausgesagt, ebenfalls Zeuge gewesen zu sein, wie sich Marion Jones Dopingmittel injiziert habe. Zudem wurde der Vater ihres Sohnes, der ehemalige 100-Meter-Weltrekordler Tim Montgomery, im Dezember 2005 wegen Dopings zwei Jahr suspendiert.
Stichwort: Nachweis des Blutdopingmittels
Bei der Analyse von Proben auf das Blutdopingmittel Erythropoetin (Epo) kann es häufiger zu Veränderungen zwischen A- und B-Test kommen als bei Nachweisverfahren anderer verbotener Mittel im Sport. Im Fall der amerikanischen Sprinterin Marion Jones hat es diese Abweichung zu Gunsten der Athletin gegeben. Der Grund: Bei Epo handelt es sich um ein Eiweißmolekül, das sehr heterogen aufgebaut ist und sich leichter verändert als die stabilen Molekülstrukturen beispielsweise von Amphetaminen oder Anabolika. „Das Problem ist, es gibt ein Risiko im Grenzbereich“, sagte Wilhelm Schänzer, Leiter des Doping-Analyselabors in Köln, am Donnerstag.
Nach seinen Angaben liegt die Quote der Epo-Fälle, bei denen es zwischen A- und B-Probe eine Analyse-Differenz gibt, bei etwa einem Prozent. In Köln werden pro Jahr rund 150 Epo-Tests untersucht. Dabei habe es im vergangenen Jahr drei bis vier Fälle gegeben, in denen das Resultat der A-Probe nicht bestätigt werden konnte. Prominentes Beispiel ist der Olympia-Zweite über 1.500 Meter von 1996, Bernard Lagat. Der Kenianer war im August 2003 zunächst positiv auf Epo getestet worden, was aber in der Gegenprobe nicht bestätigt werden konnte.
Das direkte Epo-Nachweisverfahren über die Analyse von Urin, entwickelt vom Franzosen Francoise Lasne, ist in der Wissenschaft umstritten. Zu den Kritikern gehört auch der deutsche Doping-Experte Werner Franke, der das Verfahren mit zu vielen Fehlermöglichkeiten behaftet sieht.
Kontrollen auf das Blutdopingmittel Epo wurden erstmals bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney eingeführt. Während es 2003 noch über 50 positive Fälle gab, waren es 2004 nach der Statistik der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) 38, ein Jahr später nur noch 15.