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Weltumsegelung Ellen und Maud

08.02.2005 ·  Die Britin Ellen MacArthur hat ihre Weltumsegelung in Weltrekordzeit beendet. Die Französin Maud Fontenoy dagegen rudert noch alleine über das Meer - noch 5.700 Kilometer bis zum Ziel.

Von Florentine Fritzen
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Die naheliegenden Vergleiche wollen alle nicht recht passen. Robinson Crusoe hatte zwar nichts als Meer um sich, aber immerhin eine Insel unter den Füßen. Er mag viele Jahre lang allein gewesen sein, aber irgendwann lernte er dann eben doch - wofür die meisten Leser Daniel Defoe im stillen erleichtert danken dürften - den Naturmenschen Freitag kennen, so daß gegen Ende des Robinson-Romans ab und zu auch einmal jemand etwas sagt.

Kon-Tiki, jener Nachbau eines prähistorischen südamerikanischen Floßes aus Balsaholz, schob sich 1947 wagemutig über den Ozean - aber auch sein Konstrukteur und Steuermann Thor Heyerdahl hatte Begleiter dabei. Und all die sportlichen Atlantiküberquerer und Pazifikfahrer, einsam in ihren Booten und Bötchen, umgeben vom weiten Wasser, mit nur einem Ziel vor den in Gischt und Sturm sich zunehmend trübenden Augen: anzukommen? Ja, sie taugen am ehesten noch zum Vergleich. Und dann auch wieder gar nicht.

Die Fläuleinwunder

Denn anders als andere Meeresabenteurer sind Ellen MacArthur und Maud Fontenoy Frauen, junge Frauen, und das macht ihre Liebe zu den brausenden Wogen und eiskalten Winden unvergleichlich - und unvergleichbar publikumswirksam. In ihren Heimatländern und über deren Grenzen hinaus gelten die beiden Sportlerinnen als Fräuleinwunder in traditionellen Männerdisziplinen, und das schon seit einigen Jahren.

Die Engländerin kam 1976, die Französin ein Jahr später zur Welt; die eine umsegelte schon als Abiturientin in Rekordzeit die Britischen Inseln, die andere war kaum ein paar Tage alt - sieben, um genau zu sein -, als ihre aus Meaux bei Paris stammenden Eltern sie mit ins Familiensegelboot hoben und sie somit zu ihrer ersten Atlantiküberquerung aufbrach. Die bislang letzte war eine Tour mit dem Ruderboot durch den Nordatlantik, die sie 2003 als erste Frau allein bewältigte.

Allein auf dem Meer

MacArthur segelt, Fontenoy rudert, und beide begegnen sie dabei keiner Seele - zumindest, wenn man zunächst einmal davon ausgeht, daß weder Containerschiffe, mit denen auf stark befahrenen Streckenabschnitten stets der Zusammenprall droht, noch Wale, Haie, Quallen, fliegende Fische oder Schildkröten eine Psyche im engeren Sinne haben. (Mit Blick auf eine junge Robbe namens Pétula und auf ihr Verhältnis zu einem Ruderboot werden an dieser These später allerdings noch Zweifel aufkommen.)

Ellen MacArthur, die Britin aus Derbyshire, ist in der Nacht zum Dienstag von einer Gewaltrundfahrt von der bretonischen Insel Ouessant zur Antarktis, um diese herum und wieder zurück in den Ärmelkanal heimgekehrt, nicht ohne dabei, wieder einmal, einen Weltrekord gebrochen zu haben: den im Einhand-Nonstop-Weltumsegeln. Die 42.000 Kilometer lange Strecke entspricht dem Erdumfang am Äquator. Im südwestenglischen Falmouth erwarteten MacArthur am Dienstag Tausende Schaulustige aus ganz Großbritannien und mehrere hundert Journalisten.

„Es war eine völlig unglaubliche Reise, physisch und psychisch“, sagte die Seglerin, nachdem sie die imaginäre Ziellinie zwischen Ouessant und der Südspitze Cornwalls, dem Lizard Point, am späten Montag abend um 23.29 Uhr deutscher Zeit überquert hatte. „Es wird eine Weile dauern, bis ich mich erholt habe.“ Der britische Premierminister Tony Blair beglückwünschte MacArthur zu ihrer Leistung. „Das ist ein überwältigender Erfolg“, sagte Blair. „Das ganze Land ist sehr stolz auf Ellen.“ Auch Königin Elisabeth lobte MacArthurs „bemerkenswerte und historische Leistung“. Viele Menschen in Großbritannien und der ganzen Welt hätten die Reise der jungen Frau verfolgt, „beeindruckt von Ihrem Mut, Ihren Fähigkeiten und Ihrer Ausdauer“, ließ die Königin mitteilen.

Spartanisches Reisegepäck

Die Französin Maud Fontenoy ist am 11. Januar zu einer Pazifikdurchquerung von Peru nach Polynesien aufgebrochen, wo sie im Mai ankommen möchte. Sie kopiert dabei als erste Frau die mehr als 8.000 Kilometer lange Route des Kon-Tiki-Floßes von Puerto Callao bei Lima zu den Polynesischen Inseln; ein knappes Drittel der Strecke hat sie inzwischen schon zurückgelegt. Im Reisegepäck hat sie neben Heyerdahls einstigem Bestseller auch einen Roman von Jack London - ob es der „Seewolf“ ist, ist nicht bekannt. Bei schönem Wetter rudert die 27 Jahre alte Französin allerdings bis zu zehn Stunden am Tag, da bleibt für Lektüre ohnehin wenig Zeit.

Mehr Platz als dem Lesefutter hat Maud Fontenoy im Rumpf ihres siebeneinhalb Meter langen roten Ruderbootes „Océor“ den Nahrungsmitteln im engeren Sinne eingeräumt. Achtzig Kilogramm gefriergetrockneter Gerichte - die Firma Knorr gehört zu den zahlreichen Sponsoren des Unternehmens -, Müsliriegel und „einige Naschereien für harte Augenblicke“ gingen in der peruanischen Hafenstadt mit an Bord.

Harte Arbeit

Ellen MacArthur, die auf ihrer Fahrt 5.000 Kalorien am Tag brauchte, mehr als doppelt so viele wie an Land, bevorzugte bei den Mahlzeiten in ihrem 23 Meter langen Trimaran mit Namen „B&Q“ Couscous, Linsencurry und Spaghetti bolognese. Beide Frauen haben aus Platzgründen keine Wasservorräte mitgenommen, mit Hilfe von Entsalzern wird Meerwasser auf den Booten zu Trinkwasser. Geschlafen wird an Bord nur scheibchenweise und kaum je länger als eine halbe Stunde am Stück.

Ellen MacArthur trug auf ihrer Fahrt einen sogenannten Biomonitor um den Oberarm, mit dem ihr Team von England aus ihren Körperrhythmus überwachte und sie, wenn der Schlaf zu kurz kam, auf die Pritsche schicken konnte. Dann übernahm der Autopilot die Führung. Rund siebzig Prozent der Zeit verbrachte die 28 Jahre alte Engländerin in der Koje, die nur anderthalb Meter hoch und zwei Meter breit ist, um sich zu schonen für die harten Arbeitszeiten draußen, für das Aufziehen des Segels, eine Tätigkeit, die Segler meist wenigstens zu zweit anpacken, und für Reparaturen.

Der Wille siegt

Gegen Ende ihrer Weltumsegelung schlief Ellen MacArthur nur noch wenige Minuten am Tag. Am Wochenende blies ihr ein Sturm entgegen und peitschte hohe Wellen gegen „B&Q“. Der Vorsprung vor dem Weltrekordhalter Francis Joyon, der kurz zuvor noch mehr als drei Tage betragen hatte, schrumpfte auf einen Tag und wenige Stunden zusammen. Die Erschöpfung gewann immer mehr Macht über die Seglerin. Schon Mitte Januar, sie hatte gerade das bei Seefahrern gefürchtete Kap Hoorn an der Südspitze Amerikas umschifft, hätte MacArthur einmal fast aufgegeben.

Unter Deck trafen sie herumfliegende Gegenstände so heftig am Kopf, daß sie stark blutete. Doch der Wille war stärker als die Wunde. Schließlich galt es, den Franzosen Joyon zu übertrumpfen, der seinen Rekord erst vor einem Jahr mit einer Weltumsegelung in 72 Tagen, 22 Stunden und 54 Minuten aufgestellt hatte. Jetzt, nach ihrer Ankunft im Ärmelkanal, haben ihn Ellen MacArthur und ihr „B&Q“ um einen Tag und achteinhalb Stunden unterboten. Joyon, selbst gerade auf See, gratulierte großmütig und unverzüglich.

Allein mit der Technik

Auf ihren Booten sind die beiden Frauen - auch diese Feinheit unterscheidet sie von Robinson und den Seefahrern früherer Zeiten - während ihrer Fahrten zwar physisch allein, aber mit Satellitentelefonen und GPS-Satellitenortungssystemen perfekt und nahezu lückenlos an die Außenwelt und an zu Hause angebunden.

Maud Fontenoy schreibt ein virtuelles Reisetagebuch, dessen neue Einträge unter www.pacifiqueamainsnues.com (etwa: Pazifik mit leeren Händen) täglich ins Netz gestellt werden. Die Französin berichtet dort von Sonnentagen und dicken Schneeflocken, von Schwierigkeiten beim Angeln und beim Einschlafen, von Kopfschmerzen und dem Verlangen, ein Fisch zu sein, um in die ruhige Tiefe des Ozeans fliehen zu können, statt sich an der aufgewühlten Oberfläche durchschlagen zu müssen.

„Bon courage“

Der Form nach Briefe an die Lieben daheim, eignen sich diese Berichte auch für jedermann großartig dazu, in der netten blonden Frau eine Freundin zu sehen. Auf der Internetseite www.maudfontenoy.fr strahlen die blauen Augen der Französin nur wenig schwächer als ihre knallrote Goretexjacke. Mitunter, so berichtet sie, beginne Océor, das Boot, zu murmeln oder ihr etwas Aufmunterndes zuzuflüstern: „Los jetzt, du hast noch zwei Drittel des Weges vor dir!“ Und dann ist da noch Pétula, jene schon erwähnte junge Robbe, die Maud und Océor seit Beginn ihrer Reise begleitet und manchmal sogar an Bord kommen darf. Einmal wollte Pétula Océor in den Worten Mauds „ein Küßchen auf die Wange“ geben, woraufhin das Boot „rot bis über beide Ohren“ geworden sei.

Am Anfang ihrer Reise brachte Maud Fontenoy über Tage hinweg vor Seekrankheit und Anspannung nichts herunter als eine Banane, und auch später mußte sie sich mitunter zur Aufnahme gefriergetrockneter Paella zwingen. Einmal konnte sie sich gar nicht melden, weil sie „den Rhythmus noch nicht gefunden“ hatte. So jedenfalls wurde es dem Leserkreis des Journals fürsorgend mitgeteilt. Wenn das alles nicht mehr ist als eine Geschäftsidee, dann eine sehr gute, die makellos ausgeführt wird. Daß aber viele Franzosen Maud Fontenoy tatsächlich lieben, zeigen die Einträge im virtuellen Gästebuch. „Bon courage“ heißt der Wunsch, der sich dort am häufigsten findet. Zwei Grundschülerinnen aus Mauds Heimatstadt im Departement Seine-et-Marne schrieben ihr vor einigen Tagen: „Hab keine Angst vor den Cargoschiffen, dein Boot ist so schön, daß sie es nicht zerbrechen können.“

Unterschiedliche Charaktere

Ellen MacArthur hingegen scheint es weniger mit Kindereien zu haben. Sie schrieb auf ihrer Reise nicht Tagebuch, sondern telefonierte täglich mit ihrem Team. Den Inhalt dieser stakkatoartigen Gespräche konnten alle Ellen-Fans auf der Internetseite www.teamellen.com nachlesen. „Ich fühle mich, als wäre ich heute morgen verprügelt worden ... höllisch steif, und ich bewege mich mit der Geschwindigkeit und Eleganz eines Roboters, der Arthritis hat“, teilte die Seglerin Ende Januar auf diesem Wege mit. Zuvor war sie zu Reparaturarbeiten einen dreißig Meter hohen Mast hinaufgeklettert, der „schwang wie ein riesiges auf dem Kopf stehendes Pendel“, und hatte sich dabei starke Blutergüsse zugezogen.

MacArthur wirkt rauher, härter als die perlenbeohrringte Maud, trägt die Haare kurz und lächelt nur selten in die Kamera. Ob sie auf ihre Fahrt Fotos von Familie und Freunden mitgenommen hat, ist nicht bekannt, die Webcam jedenfalls zeigte in ihrer Kammer unter Deck stets nackte Wände. Maud Fontenoys Internetseite hingegen verzeichnet genau, womit sich die 27 Jahre alte Frau aufheitert, wenn die Einsamkeit nach ihr greift: mit selbstgemalten Bildern von Kindern etwa und einer roten Clownsnase. Auf den verbleibenden rund 5.700 Kilometern wird sie sich noch oft damit zum Lachen bringen müssen. Selbst die stramme Ellen hatte ihrem Team kurz vor ihrer Ankunft mitgeteilt: „Ich bin ein ziemlich robuster Mensch, aber das hier hat mich alles gekostet. Ich habe es freiwillig getan, und ich brauche kein Mitleid, eher im Gegenteil, aber ich muß ganz sicher wissen, daß ihr versteht, wie völlig erschöpft ich bin.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2005, Nr. 33 / Seite 7
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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