25.06.2009 · Keine Rede von Doping, dafür aber viel Stoff zum Thema „Textildoping“: Britta Steffen schwimmt schon im Vorlauf über 100 Meter Freistil Weltrekord - und spricht danach fast nur über ihren neuen Hochgeschwindigkeitsanzug.
Von Bernd SteinleEs sei wie ein zweiter Lebenstraum für sie gewesen, sagte Britta Steffen nach dem Rennen. Den ersten hatte sie sich im vergangenen Sommer erfüllt, bei den Olympischen Spielen in Peking, bei denen sie über 100 Meter Freistil die Goldmedaille gewonnen hatte und danach auch noch den Sieg über 50 Meter Freistil folgen ließ. Es waren Spiele, bei denen die Weltrekorde nur so purzelten, nur in der Königsdisziplin der Sprinterinnen, über die 100 Meter Freistil, da blieb die Marke der Australierin Lisbeth Trickett bestehen. Und Britta Steffen war darüber nicht mal unglücklich. Im Gegenteil. Andernfalls, sagte sie, „wird dir gleich wieder Doping unterstellt“.
Am Donnerstag nun hat die Berlinerin Britta Steffen diesen Weltrekord doch noch unterboten, zu unerwarteter Stunde, bei unerwarteter Gelegenheit: Im Vorlauf über 100 Meter Freistil bei den deutschen Schwimm-Meisterschaften in Berlin schwamm sie eine Zeit von 52,85 Sekunden - drei Hundertstelsekunden schneller, als Lisbeth Trickett bei ihrer Bestmarke war. Damit blieb sie zum ersten Mal in ihrem Leben unter der 53-Sekunden-Marke.
Von „Textildoping“ ist die Rede
Und trotzdem sprach hinterher kaum jemand von Doping. Nicht im herkömmlichen Sinne jedenfalls. Eher von „Textildoping“, wobei der Begriff nicht zutrifft: Schließlich hatte der Schwimm-Weltverband (Fina) dem Adidas Hydrofoil vor wenigen Tagen erst offiziell seinen Segen gegeben. Jenem Anzug, von dem Britta Steffen nun sagte, dass er „wie von einem anderen Stern“ sei. „Das ist das krasseste Teil, was ich je getragen habe. Du stirbst nicht auf den letzten Metern, du hast keine Schmerzen“, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Die Normzeit des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) für die WM in Rom im Juli hatte sie da gerade um 1,19 Sekunden unterboten - und damit die Farce um die Hightech-Anzüge im Schwimmsport unfreiwillig fortgeschrieben.
Was also verbirgt sich hinter dem neuen Wunderwerk von Adidas? Jenem Ausrüster, über den sich viele Nationalmannschaftsschwimmer zuletzt so despektierlich geäußert hatten, dass Adidas sich veranlasst gesehen hatte, den Vertrag mit dem DSV zu kündigen?
Der Anzug ist mit Polyurethan beschichtet
Der Hydrofoil wurde nach den Spielen in Peking entwickelt, auch unter Mitarbeit der Adidas-Athleten Britta Steffen und Helge Meeuw. Er ist, wie auch der umstrittene, ebenfalls zugelassene Jaked-Anzug, mit Polyurethan beschichtet. „Das reduziert den Widerstand und verbessert die Strömungseigenschaften und die Wasserlage des Schwimmers“, sagt Adidas-Sprecher Oliver Brüggen. „Das neue Material saugt kaum Wasser und bleibt daher leicht und glatt.“ Zudem sei die Kompression verbessert worden, was unter anderem die Stabilität des Schwimmers verstärkt.
Britta Steffen erzählte jüngst von Trainingstests, bei denen sie allein auf den ersten 15 Metern drei Zehntelsekunden schneller gewesen sei als vorher - nicht zuletzt durch den geringeren Widerstand beim Eintauchen. „Und dieses höhere Tempo nimmst du dann natürlich mit ins Rennen.“ Mit dem Resultat, dass sie mit dem neuen Anzug eine halbe bis eine Sekunde schneller gewesen sei - was sich in Berlin nun bestätigte. „Wie ein Schnellboot im Wasser“ habe sie sich gefühlt, sagte Britta Steffen nach dem bislang schnellsten Vorlauf.
„Die Materialschlacht macht den Schwimmsport kaputt“
Zu den Eigentümlichkeiten dieses denkwürdigen Rekords zur Morgenstunde gehört auch, dass die Athletin selbst ihn postwendend relativierte - nicht zuletzt, weil der Hochgeschwindigkeitsanzug, in dem sie ihn erzielt hatte, wohl keine große Zukunft haben wird. Für das nächste Jahr hat die Fina schon neue Zulassungskriterien angekündigt, durch die Anzüge wie der Hydrofoil aus dem Verkehr gezogen werden sollen. Worüber selbst Britta Steffen nicht sonderlich böse ist. „Die ganze Entwicklung ist schädlich für unseren Sport“, sagt sie.
Lebenstraum hin oder her: Auch im Moment des Triumphs bewahrte sich Britta Steffen ihre eigene Sicht auf die Dinge. Und die fällt in Sachen Hightech-Anzüge eindeutig aus: „Die Materialschlacht macht den Schwimmsport kaputt.“ Sie weiß, dieser Weltrekord wird wohl nicht lange halten, allein schon, weil am Samstag das Finale der deutschen Meisterschaften über 100 Meter Freistil ansteht. Von der WM ganz zu schweigen. So war Britta Steffen am Donnerstag nicht die Einzige, die sich, als die erste Aufregung vorbei war, vor allem eins fragte: „Wo soll das alles hinführen?“ (siehe auch: Die Anzugsfrage: Der Verband schwimmt)
Konsequent gehandelt.
Jitzak Tanenbaum (tanenbaum)
- 25.06.2009, 12:36 Uhr
?...&...Britta?
Uwe Wagner (view)
- 25.06.2009, 13:06 Uhr
So so ...
Rüdiger Noll (krn)
- 25.06.2009, 14:00 Uhr
Zwei Fliegen mit einer Klappe
norbert doerre (ndoerre)
- 25.06.2009, 14:43 Uhr
Man sollte L'Equipe folgen
Claus Behrens (chipin)
- 25.06.2009, 17:48 Uhr