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Weltreiterspiele Pferde auf großer Reise

27.09.2010 ·  Die Weltreiterspiele im amerikanischen Kentucky erfordern einen enormen logistischen Aufwand. Fast 450 felltragende Passagiere fliegen aus Europa ein - je nach Finanzausstattung in der Economy- oder in der Hippo-Business-Class.

Von Evi Simeoni, Lexington
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Aktenköfferchen dürften sie kaum dabei haben, aber in diesen Tagen gehen ein paar hundert Pferde hochoffiziell auf Geschäftsreise. Sie fliegen in die Vereinigten Staaten zu den Weltreiterspielen in Lexington/Kentucky. Der hypermoderne Treck Richtung Westen, so heißt es, sei der größte kommerzielle Lufttransport von Pferden, den es jemals gab. Olympische Turniere sind Zwergenveranstaltungen dagegen: Seit Samstag werden im Kentucky Horse Park Weltmeisterschaften in acht Disziplinen abgehalten.

Los ging es an diesem Wochenende mit Western- und Distanzreiten. Erst am 10. Oktober geht das Mammutturnier mit dem Finale der Springreiter zu Ende - dem so beliebten wie umstrittenen Schluss- und Höhepunkt jeder WM. Erstmals finden die Weltreiterspiele, die 1990 in Stockholm mit damals fünf Disziplinen Premiere hatten, aus europäischer Sicht in Übersee statt. Weil mit dem Reiten für Behinderte die achte Disziplin hinzugekommen ist, sind es die größten, die es je gab. Die Transportlogistik ist überwältigend.

Fast 450 Pferde werden noch bis zum 29. September aus Europa nach Lexington gebracht. Darunter „Checkmate“ von Meredith Michaels-Beerbaum, oder auch „Hannes“, der offiziell „Warum nicht“ heißt, von Isabell Werth. Deutschland wird insgesamt 53 Pferde in Lexington an den Start bringen, jedes führt 200 bis 300 Kilogramm Gepäck mit. Zehn spezielle Charterflüge gehen und gingen von Lüttich und Amsterdam aus nach Cincinnati. Dazu kommen 19 Pferde aus Australien und Asien und 35 Vierbeiner aus Südamerika.

First Class-Pferde buchen Einzelcontainer

Während des neunstündigen Transatlantik-Fluges wurden und werden die Pferde von einem Team aus 24 Leuten betreut, vor allem Pferdepflegern und Tierärzten. Dick eingepackt werden die lebenden Millionenwerte ins Flugzeug gebracht und in möglichst ruhiger Atmosphäre an die Umgebung gewöhnt. Speziell ausgebildete Flug-Pferdepfleger gehören zur Begleitmannschaft. Sie werden von einer Spezialfirma gestellt, die für den kompletten Transport verantwortlich ist. Tim Rolfe, ihr Chef-Pfleger, hat bereits sechs olympische und fünf weltmeisterliche Transporte überwacht. „Wir mussten auch spezielles Flugbegleiter-Training mitmachen, wir müssen uns ja auch um die menschlichen Passagiere kümmern.“

Wie die Zweibeiner reisen auch die Vierbeiner in verschiedenen Klassen. Raum gleich Komfort - das ist überall gleich. Das Pferd, für das Economy gebucht wurde, muss sich mit zwei Artgenossen einen Container teilen. Die Passagiere der Hippo-Business-Class stehen nur zu zweit im Container. Und noch wird gerätselt, wer das verwöhnte First-Class-Pferd ist, für das ein Einzelcontainer gebucht wurde - Platz zum Liegen eben. War es „Totilas“, der märchenhafte Rapphengst des niederländischen Dressur-Favoriten Edward Gal? Vermögende Pferdeleute jedenfalls gibt es genug. Die Ticketpreise bewegen sich zwischen 8500 und 13.000 Euro.

Sanfte Landung, aber keine beruhigende Musik

Ob in den unterschiedlichen Klassen auch unterschiedliche Mahlzeiten serviert werden, ist fraglich. Die Pferde bekommen ständig Zugang zur beruhigenden Nahrung, können sich immer wieder einen Snack aus Heunetzen zupfen, bekommen Nüsse, Hafer und andere Köstlichkeiten. Mit Hilfe von mehr als 1500 Litern Wasser wird der Dehydrierung vorgebeugt. Die Piloten sind auf das Körpergewicht und die Schreckhaftigkeit ihrer Fell tragenden Passagiere vorbereitet. Sie gestalten Start und Landung sanfter als für Menschen. Beim Start steigen sie langsamer, für die Landung wird ein schonenderes Bremssystem angewandt. „Leider ist es zu laut an Bord, so dass wir keine beruhigende Musik spielen können“, sagt der Chef der Service-Firma, Henry Bullen. Nach 42 Stunden Quarantäne werden die Pferde per Lastwagen weiterbefördert. Die ersten Vierbeiner kamen am 10. September in Kentucky an - aus Chile und Guatemala.

47 Reiter und insgesamt 259 Personen gehören neben den 53 Pferden zum deutschen Tross. Allerdings trat das Pferd „Cash“ von Springreiter Marco Kutscher zunächst nicht die Reise an, weil es sich kurz vor dem Abflug eine Hufgelenksprellung am rechten Vorderbein zugezogen hatte. Neben den Vereinigten Staaten als Gastgeber und Australien sind die Deutschen die einzige Nation, die sämtliche Disziplinen in der Mannschafts- und Einzelwertung bestreitet. Also: Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Viererzug-Fahren, Voltigieren, Distanzreiten, Westernreiten und Para-Equestrian.

Kleinvieh macht auch Mist

Das Fahrturnier leidet am meisten unter dem großen Transportaufwand. Welch eine Anstrengung solch eine Viererzug-Expedition ist, kann man daran sehen, dass die Deutsche Reiterliche Vereinigung die Kutschen per Schiffsfracht vorausschicken musste. „Die Weltreiterspiele sind eine große sportliche und organisatorische Herausforderung“, sagt der deutsche Sportchef Reinhard Wendt. „Und eine gewaltige finanzielle Herausforderung.“ Die Gesamtkosten für die Mannschaft betragen 1,445 Millionen Euro, 900.000 Euro bringt die Deutsche Reiterliche Vereinigung auf, der Rest kommt aus Bundesmitteln und durch Sponsoren. Phantasie mussten die nichtolympischen Disziplinen investieren. Die Westernreiter erhielten Geld aus einer Sammlung und einer Versteigerung.

Sicher ist: Ein bisschen Material wird nach Ende der Veranstaltung übrigbleiben. 53 Eimer zum Beispiel, aus denen solche Cracks wie „Corradina“, „Plot Blue“, „Abraxxas“ oder „Sterntaler“ gesoffen haben. Forken, Schaufel, Besen, Schubkarren - all das hat der deutsche Verband am Ort eingekauft und will es zusammen mit den Kutschen über den Großen Teich nach Warendorf schicken. Gerade auf dem Land hält man sich schließlich an das Motto: Kleinvieh macht auch Mist.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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