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Welt-Reiterspiele Gal gewinnt Gold – aber nicht die Herzen

02.10.2010 ·  Das Wunderpferd und Edward Gal gewinnen alle Disziplinen bei der WM. Doch der Spanier Munoz und sein Pferd Fuego stehlen dem dreifachen Dressur-Weltmeister und Totilas die Schau. Als der Hengst in die Arena kommt, gibt es Buhrufe.

Von Evi Simeoni, Lexington
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Wer hoch oben steht, will dort bleiben, denn es gibt nur eine Alternative: Abstürzen. Die deutschen Dressurreiter machen diese Erfahrung gerade. Seit einem Jahr sind die Goldmedaillen bei Championaten für andere Nationen reserviert. „Es gibt manchmal Zeiten“, sagte die fünfmalige Olympiasiegerin Isabell Werth, „da muss man einfach durch.“ So armselig wie bei den Welt-Reiterspielen in Lexington war die deutsche Ausbeute noch nie bei einer Weltmeisterschaft.

Auch in der Kür zum Abschluss gab es keine Medaille, der dritte Platz der Equipe am Dienstag war der einzige Kontakt mit dem Podium. „Ich hoffe, in zwei oder drei Jahren ist das wieder anders“, sagte die 41 Jahre alte Amazone aus Rheinberg. Doch wahrscheinlich wird es auch bei den Olympischen Spielen 2012 in London wieder heißen: historische Schlappe. So schnell werden die neuen, funkelnden Stars des Geschäfts nicht abtreten. Totilas, der gefeierte Zauberhengst aus den Niederlanden, ist erst zehn. Wenn der Pferdegott es will, kann er noch mindestens sechs Jahre lang brillieren.

Obwohl: Als Edward Gal am späten Freitagabend aus der Arena im Kentucky Horse Park ritt, blieb seine Miene ernst. Er hatte alles geschafft, was von ihm erwartet wurde. Gold mit der holländischen Mannschaft, Gold im Grand Prix Special und Gold in seiner besten Disziplin, der Kür mit Musik. „Man hat mir gesagt, dass das vor mir noch niemandem gelungen ist“, sagte er später, so als müsste er sich selbst noch einmal seines überwältigenden Triumphs vergewissern.

Mit 91,8 Prozentpunkten erreichte er eine überwältigende Note, weit vor der Zweiten, der Britin Laura Bechtolsheimer mit Mistral (85,35) und dem Dritten, dem Amerikaner Steffen Peters mit Ravel (84,90). Aber etwas war anders als bei seinen Siegeszügen zuvor. Der Reiter, der ein Jahr lang mit seinem lackschwarzen Hengst durch eine eigene Welt zu schweben schien, bekam diesmal zu schmecken, was Druck ist. „Ja, auf mir hat viel Druck gelastet“, sagte er eine Stunde vor Mitternacht müde. „Ich wusste, ich kann es. Aber auch ich kann Fehler machen.“

„Und nun war das Stadion plötzlich mit 25 000 Leuten gefüllt“

Und so war es auch. Beim Einreiten spürte Gal, dass Totilas, das Wundertier, diesmal nicht ganz bei sich war. Noch am Vortag hatte er mit ihm in der großen Arena trainiert, allerdings ohne Zuschauer. „Und nun war das Stadion plötzlich mit 25 000 Leuten gefüllt. Da hat er sich angespannt“, sagte Gal. Die Folge: Erst stockte Totilas in einer Piaffe. Dann fiel er in Galopp, obwohl er eigentlich im starken Trab seine Vorderhufe in die Luft werfen sollte. Missverständnisse. Kleine Warnzeichen.

Gal ahnte plötzlich, dass er irgendwann einmal wieder scheitern wird. „Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll“, sagte er hilflos und lächelte über den Moment hinweg. Schließlich ging die Sache gut. Totilas fand seine Konzentration wieder und gab Gal das alte Gefühl der Sicherheit. Die Kür nahm ihren geplanten Lauf, zur perfekten Passage schlugen die Trommeln, während der Pirouetten läuteten aus der Konserve Kirchenglocken. Und die Richter schauten großzügig über die Fehler hinweg und gaben ihm wieder einmal eine Traumnote. Möglicherweise stand sie schon vorher fest.

„Wir sind nicht gerade mit Punkten überschüttet worden“

Aber irgendwann, das weiß auch Gal, nutzt sich der Zauber ab. Er muss sich nur die Konkurrenz aus Deutschland ansehen. Isabell Werth nahm am Freitag den Kampf noch einmal auf und präsentierte ihren Fuchswallach Warum nicht fehlerlos. Mit 80,00 Prozent erhielt sie auch eine achtbare Note, die ihr Rang sechs einbrachte. „Wir sind aber nicht gerade mit Punkten überschüttet worden“, sagte sie. „Früher hätten wir für solch einen ehrlichen Ritt mehr bekommen.“ Christoph Koschel (Hagen) mit Donnperignon wurde Zehnter (75,300) und Anabel Balkenhol (Rosendahl) mit Dablino Dreizehnte.

Gal zwang sich rasch wieder zu einem Lächeln, schließlich ist er ein reiterlicher Weltstar. Doch in seiner Erinnerung mag noch der Applaus nachgeklungen sein, den ein anderes Paar an jenem Abend bekam. Er konnte nicht überhören, dass es viel mehr Applaus war, als er und Totilas ernteten. Der Spanier Juan Manuel Munoz Diaz tauchte mit seinem andalusischen Hengst Fuego ohne große internationale Vorgeschichte bei den Welt-Reiterspielen auf und verzauberte zu Gitarre und Kastagnetten das Publikum. Das vierbeinige Kraftpaket versprühte Energie wie ein Flamencotänzer und riss den ganzen Traditionsladen mit. Raunen begleitete Fuegos kraftvolle und elastische Piaffen, es gab Szenenapplaus für seine fliegenden Galoppwechsel. Und auf der Schlusslinie, die in der Passage, dem erhabenen Trab, zurückgelegt wurde, forderte der Reiter gar die Zuschauer zum Mitklatschen auf - und das taten sie mit Verve.

Plötzlich fliegen einem anderen Paar die Herzen zu

Reiter und Pferd produzierten sich mit Wonne - am Ende so sehr, dass Fuego den Spanier noch beinahe aus dem Sattel gefeuert hätte. Im Übermut riss Munoz Diaz seinen Zylinder hoch, was seinen barocken Schimmel so erschreckte, dass er einen gefährlichen Satz machte. Aus der Grußaufstellung wurde ein heikler Balanceakt für den stolzen Reiter. Das Publikum tobte. Mit 81,45 Prozent (Platz fünf) erzielten die beiden trotz des prekären Moments noch eine deutlich bessere Note als Isabell Werth mit ihrer hochklassigen Kür zu den feierlichen Klängen von „Pomp and Circumstances“.

Auch schön. Doch selbst der Dressursport schreitet fort. Die Leute wissen eine gute Show zu schätzen. Gleichzeitig hat die Pferdequalität - offenbar auch in Andalusien - einen Sprung nach vorne gemacht. Darum buhten die Leute sogar noch laut, als sie Fuegos Note hörten. Sie fanden sie viel zu niedrig. Und so kam es, dass Edward Gal, der als nächster Starter mit Totilas in die Arena kam, von Buhrufen empfangen wurde. Er wusste wohl, dass sie nicht ihm galten, sondern den Richtern. Aber er spürte, dass hier plötzlich einem anderen Paar die Herzen zuflogen. Kein schönes Gefühl. Wer sich auf Höhenflug befindet, mag an die unausweichliche Landung lieber nicht erinnert werden.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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