30.09.2010 · Totilas siegt mit Edward Gal in Lexington auch im Dressur-Einzel. Längst kursieren Gerüchte, das Jahrhundertpferd sei bereits verkauft. Auch Dablino, das Pferd der deutschen WM-Debütantin Anabel Balkenhol, wird interessant.
Von Evi Simeoni, KentuckyKüsse, immer wieder Küsse auf die Nase dieses Pferdes. Edward Gal, der glückliche Holländer, der den schwarzen Totilas reiten darf, konnte sich vor Freude kaum bremsen. „Ich bin seinen Besitzern so dankbar, dass sie solch ein Pferd für mich gekauft haben“, sagte der 40 Jahre alte Dressurreiter, der bei den Welt-Reiterspielen in Lexington nach dem Mannschaftsgold auch den Einzeltitel im Grand Prix Special gewonnen hat. Totilas ließ wieder seine Hufe fliegen – und die fünf Richter warfen mit Zehner-Noten um sich wie mit Konfetti. Mehr als vierzig Mal erhielten Gal und sein Hengst die Höchstwertung.
Der Holländer strahlte. Mit seinen 85,708 Prozent für den Special erreichte er zwar nicht seinen eigenen Weltrekord. Aber ein Feuerwerk brannte er trotzdem ab. Solche Ritte hat die Welt noch nicht gesehen, Totilas ist das Jahrhundertpferd. Am Freitag in der Kür will Gal die nächste Gala geben. „Das ist normalerweise meine beste Disziplin“, sagte er. Schließlich hat er da schon einmal 90 Prozent der möglichen Punkte erreicht. „Mal sehen, wie Totilas mit dem Publikum zurecht kommt.“ Das klatscht und trampelt, doch bisher ist das Pferd bei sich geblieben. Auch die Tugend der Gelassenheit besitzt er offenbar.
Deutschland reitet weiter hinterher
Doch à propos besitzen: Totilas gehört dem niederländischen Ehepaar Kees und Tosca Visser. Und was er genau wert ist, können sie selbst nur erahnen. Fünf Millionen Euro? Auf der Tribüne jedenfalls wurde leidenschaftlich geschätzt und abgewogen. Was er als Spitzensportler für eine Verkaufssumme einbrächte. Und dass er in der Zucht ohne weiteres ein Manager-Gehalt erwirtschaften kann. Und das noch lange, denn er ist erst zehn. An Gals zweitem goldenem Nachmittag in Kentucky wurde es sogar nötig, zu dementieren, dass Totilas bereits in die Vereinigten Staaten verkauft ist. „An diesem Gerücht ist nichts dran“, sagte Gal. Doch wer weiß, wie die Rechnung weitergeht? Der Dressursport ist nicht nur ein Zahlenwerk, wenn es um das Addieren der Noten geht. Die Pferde stellen lebende Millionenwerte dar.
Auch Dablino ist solch ein Millionentier. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass seine Reiterin Anabel Balkenhol ihn im Mannschaftswettbewerb so zaghaft vorführte, dass sie seiner Klasse nicht gerecht wurde. Auf dem letztmöglichen, dem 30. Platz rutschte sie deshalb gerade noch in den Grand Prix Special. Und welch ein Unterschied: Forsch und mutig brachte die 38 Jahre alte WM-Debütantin ihren zehnjährigen Hannoveranerwallach Dablino zum Strahlen. „Ich bin stolz, dass ich heute sein ganzes Potential zeigen konnte“, sagte die Tochter des ehemaligen Bundestrainers und internationalen Ausbilders Klaus Balkenhol. Sie belegte mit 72,625 Prozent den achten Rang, nur zwei Plätze hinter dem besten Deutschen, Christoph Koschel auf Donnperignon (73,292). Erst auf Rang 10 folgte die einstige Seriensiegerin Isabell Werth (72,000), die vor lauter Kampfgeist von ihrem Pferd „Warum nicht“ zu viel verlangte. Heraus kamen zu viele Fehler. Matthias Alexander Rath (Kronberg) auf Sterntaler wurde mit 70,250 Prozent Dreizehnter und darf an der Kür nicht mehr teilnehmen. Deutschland reitet weiter hinterher.
„Wir sind wahrscheinlich beknackt“
„Und?“, fragen nun immer wieder Leute Dablinos Besitzer Klaus Balkenhol. „Wie viel wollt ihr?“ Einige Beobachter haben ein Auge auf das hochtalentierte Pferd geworfen, das Balkenhol und seine Tochter mit viel Geduld in den Spitzensport gebracht haben. Noch vor anderthalb Jahren war das Pferd kaum zum Betreten eines Dressurvierecks zu bewegen. Ein Kindheitstrauma. „Bei ihm braucht man Geduld, Geduld, Geduld“, sagte die Reiterin. Nun haben sie ihn so weit, dass er auch anderen Reitern gefällt. Einer für ganz oben.
„Dablino wird nicht verkauft. Er gehört zur Familie“, sagte Anabel Balkenhol. Drei Millionen Euro könnte er wohl bringen. Darum, sagt die Tochter, sei sie froh, dass bei ihrem Vater der wirtschaftliche Faktor nicht an erster Stelle stehe. „Wir sind wahrscheinlich beknackt“, erklärte sie Skeptikern. Bundestrainer Holger Schmezer legt sich trotzdem lieber nicht fest. Auf die Frage, ob Dablino wohl in Deutschland bleiben werde, sagte er: „Das weiß man nie.“