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Wellenreiten Schande oder Weltrekord?

Hat Garrett McNamara eine dreißig Meter hohe Welle bezwungen? Oder war sie kleiner und sein wilder Ritt auch noch zu kurz? Viele Surfprofis kritisieren den Hawaiianer heftig.

Der amerikanische Wellenreiter Garrett McNamara hat nach eigenen Angaben seinen Weltrekord im sogenannten Big Wave Surfing gebrochen. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters Vergrößern Portugal: Weltrekordversuch im Wellenreiten

Wenn Europäer im Winter an Extremsport denken, sehen sie Snowboarder vor sich, die sich über riesige Schanzen stürzen. Allmählich muss man sich aber auch an Bilder gewöhnen, die den Amerikaner Garrett McNamara zeigen, aufgenommen vor der Küste Portugals. McNamara, 45 Jahre alt, lebt eigentlich auf Hawaii, aber schon im vergangenen Jahr zog es ihn von den sommerlichen Sandstränden des Pazifikidylls ins kalte Europa. Vom Sommer Hawaiis in den Winter Europas? Und das auch noch zum Surfen? Für sonnenhungrige, der Winterdepression verfallene Deutsche mag das wie ein schlechter Witz klingen. Für immer mehr Profi-Surfer aber wird es zur Regel.

Im vergangenen Jahr surfte McNamara in Portugal die größte Welle, auf der je ein Mensch geritten ist. 24 Meter hoch war das Monstrum, das vor dem kleinen Ort Nazaré explodierte, nachdem sich der Amerikaner mit einem Jetski in die Welle hatte ziehen lassen. Dieses Jahr kam er zurück und hat seinen Weltrekord am Montag an gleicher Stelle vielleicht schon wieder gebrochen. 100 Fuß, mehr als dreißig Meter hoch könnte die Welle gewesen sein. Jetzt wird nachgemessen. Die Kommentare in der Surfszene fallen unterschiedlich aus. Während viele Medien den Amerikaner feiern, widersprechen Profis wie der beste deutsche Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner nach Studium des Videos heftig. „Es ist eine Schande für unseren Sport, was McNamara gemacht hat“, sagt Steudtner. „Er hat sich mit dem Jetski reinziehen lassen und ist aus der Welle rausgefahren, bevor sie gebrochen ist. Das hat mit Surfen nichts zu tun.“

Portugal ist besser als Hawaii

Sicher ist, dass McNamara den europäischen Surfspots viel Aufmerksamkeit verschafft. Plötzlich ist nicht mehr Hawaii das Ziel aller Surferträume, sondern Nazaré in Portugal. Steudtner, der aus Nürnberg stammt, zog einst wegen der guten Wellen nach Hawaii, 2010 gewann er als erster Deutscher die begehrte Auszeichnung „XXL-Biggest-Wave-Award“ für das Reiten einer zwanzig Meter hohen Welle. Seinen Umzug nach Hawaii hält Steudtner heute für einen Fehler. „Wie alle anderen habe ich das Potential in Europa unterschätzt“, sagt er. „Zum Trainieren ist es hier besser als auf Hawaii.“

Im vergangenen November verließ Steudtner das Inselparadies und wohnt seitdem in Portugal, direkt an der Küste von Nazaré, wo sich die Wellen deshalb so heftig türmen, weil ein tausend Meter tiefer Unterwasser-Canyon bis kurz vor die Küste führt. Die Bedingungen sind heftig. Vor drei Wochen sei das Big-Wave-Team des Surf-Unternehmens Billabong nach Nazaré gekommen, erzählt Steudtner. „Sie hatten vier Jetskis dabei, drei sind an den Felsen zerschellt.“

„In eine Welle wie vor Nazaré trauen sich nur eine Handvoll Surfer“

Kaum ein Deutscher kennt die portugiesischen Verhältnisse so gut wie Marlon Lipke. Der 28 Jahre alte Deutsche wurde an der Küste Portugals geboren, dort sitzt er während des Telefonates am Dienstag im Auto und sucht nach Wellen. „Wir hoffen, dass wir in der Nähe von Porto später ein paar gute finden“, sagt er. Lipke ist der einzige Deutsche, der schon auf der ASP-Worldtour mit den besten Surfern der Welt um die Weltmeisterschaft kämpfen durfte. Bis vor wenigen Jahren musste er um die Welt reisen, um die Surf-Elite zu treffen, jetzt paddelt sie plötzlich vor den Stränden seiner Heimat herum. „Das war schon beeindruckend, welche Namen hier in diesem Winter aufgetaucht sind“, sagt er. Sogar Shane Dorian, der berühmteste Big-Wave-Surfer der Welt, paddelte vor zwei Wochen in die Welle vor Nazaré.

Dabei war der Winter noch vergleichsweise ruhig. „In diesem Jahr gab es drei oder vier richtig große Tage“, sagt Lipke. „Normalerweise haben wir um diese Zeit schon fünfzehn gehabt.“ Dass es zu voll an seinen Stränden wird, davor hat Lipke keine Angst: „In eine Welle wie vor Nazaré trauen sich nur eine Handvoll Surfer.“

Weltrekord im Wellenreiten Die Monsterwelle: Der Amerikaner Garrett McNamara reitet vermutlich auf der größten Welle, auf der je ein Mensch gesurft ist © REUTERS Bilderstrecke 

Sebastian Steudtner gehört zu dieser Handvoll. Am vergangenen Montag, als McNamara sich in die Welle vor Portugal ziehen ließ, war er bei einem Wettkampf in Irland. „Keiner außer McNamara war in Portugal, die Wellen kamen aus der falschen Richtung, um richtig zu brechen“, sagt Steudtner. Gebrochen oder nicht, im Moment wird spekuliert: Wie hoch war die Welle wirklich? Die magische Grenze von 100 Fuß sei gefallen, heißt es in amerikanischen Medien, die McNamara feiern. Das wären mehr als dreißig Meter und mindestens sechs Meter mehr als der alte Weltrekord.

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Pat Caldwell, ein Freund von McNamara, versucht unterdessen, die Gemüter zu beruhigen. Die amerikanische Zeitung „US News“ zitiert den Ozeanografen mit dem Satz: „Die Welle ist deutlich kleiner als 100 Fuß.“ Er bezweifelt, dass der Rekord gebrochen worden ist. Das endgültige Urteil werden wieder die Juroren der Global Big Wave Awards treffen. Neuer Weltrekord oder nicht, an Europas Flughäfen wird man sich in den kommenden Wintern wohl an braungebrannte Hawaiianer gewöhnen müssen, die Surfbretter in die Kälte tragen und nur ein Ziel haben: Nazaré.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 31.01.2013, 11:13 Uhr

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