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Wellenreiten Marlons Brandung

23.06.2009 ·  Der erste Deutsche in der Champions League der Surfer kommt aus Portugal. Marlon Lipke hat es geschafft. Er kämpft auf der World Tour gegen Superstars wie Kelly Slater. Im Interview spricht er über das Paradies auf Erden und seine Kindheit am Strand.

Von Michael Eder, Lagos
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Wohin heute? Wenn in Dago Lipkes Surfcamp in Lagos an der portugiesischen Küste am Morgen die Frage gestellt wird, stehen zwanzig Strände zur Wahl, einer schöner als der andere. Wohin fahren die Jeeps heute? Es kommt auf den Wind an, das Wetter. "Praia da Cordoama", sagt Justin, der Surflehrer, das ist das Ziel für heute. Neoprenanzüge und Boards werden gepackt, Pausenbrote geschmiert, Sonnenbrillen gesucht, Dann eine halbe Stunde Fahrt, rauf aufs Brett und mit den Wellen kämpfen, um irgendwann in ferner Zukunft vielleicht mal mit ihnen spielen zu können.

Die Jeeps sind weg, das Camp ist leer. Nur Marlon Lipke, Dagos Sohn, ist noch da. Er wird nachkommen, es sind noch ein paar Dinge zu erledigen: mit der Deutschen Bank in Frankfurt telefonieren, einem seiner Sponsoren, Dienstreisen planen, Flüge buchen, nächste Woche geht es auf die Malediven, danach Brasilien, dann Südafrika, später im Jahr Hawaii. Marlon Lipke ist Surfprofi, im vergangenen Jahr hat er als erster Deutscher den Aufstieg in die ASP World Tour geschafft, in den elitären Kreis der 45 weltbesten Surfer, die Liga der Stars.

Lipke ist der einzige Deutsche und einer von nur sieben Europäern, die sich in der Champions League der Surfer mit Legenden wie Kelly Slater oder Mick Fanning messen dürfen. Die ersten Stationen liegen hinter ihm: Australien, Tahiti, jetzt ein kurzer Stopp an der Algarve, dann geht es über Madrid und Zürich auf die Malediven. Marlon Lipke, 25 Jahre alt, ist neun Monate im Jahr unterwegs - von einem traumhaften Ort zum nächsten.

Wo ist es denn nun, das Paradies auf Erden?

Es gibt viele wunderschöne Plätze, aber einen allerschönsten gibt es nicht. Ich liebe das Reisen. Ich kann nicht sehr lange irgendwo bleiben. Zwei Wochen - dann sehe ich gern wieder etwas anderes. In Europa ist das einfach, da fährst du ein paar Stunden und bist in einer anderen Kultur. Ich liebe das Neue, ob es nun Tahiti ist oder Norwegen.

Ist das typisch für Surfer?

Surfer sind sehr offen, probieren gern neue Sachen, integrieren sich schnell in verschiedene Kulturen. Sie sind nicht die Art von Menschen, die überall auf der Welt das Gleiche suchen und den Sinn des Reisens nicht verstehen. Wir lernen vom Reisen.

Ist es ein Traumleben, das Sie führen?

Schon, aber man gewöhnt sich an das, was man hat. Und es ist auch anstrengend: die vielen Reisen, manchmal zwei Tage im Flugzeug . . . Aber natürlich: Es ist das Beste, was ich machen kann.

Marlon Lipke ist wie sein drei Jahre jüngerer Bruder Melvin in Lissabon geboren. Dago, der Vater, der nächstes Jahr 60 wird, und Conny, die Mutter, waren vier Jahre zuvor aus Hamburg nach Portugal ausgewandert. Er liebe Hamburg noch immer, sagt Dago, sie seien damals nicht im Groll gegangen, sondern um Neues zu erleben, Aufregendes, um aus dem Trott, der Routine herauszukommen. Sie kauften westlich von Lagos eine Ruine und begannen sie aufzubauen. Dort verbrachten Marlon und sein Bruder die ersten Lebensjahre, ohne Strom, ohne fließendes Wasser, nahe am Strand.

Wie war das, diese Kindheit am Meer?

Es hat Spaß gemacht. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich im Meer war, ohne Neoprenanzug, das Wasser so kalt, dass mir die Zähne klapperten, als ich rauskam. Und wie ich verzweifelt versucht habe, mit dem Zähneklappern aufzuhören, weil meine Mutter sonst gesagt hätte: Du darfst nicht wieder rein! Es war superkalt, ich habe gezittert, die Zähne haben geklappert, aber das hat mir nichts ausgemacht. Ich wollte zurück ins Wasser. Das ist noch heute so. Wenn die Wellen gut sind, ist das Wetter egal.

War Ihnen früh klar, welches große Talent Sie für diesen Sport hatten?

Nein, gar nicht, es gab damals nicht viele Surfer in unserer Gegend. Ich wusste nicht mal, ob es überhaupt noch irgendwo Surfer gibt. Ich hatte weder Surffilme noch Surfmagazine. Ich war ein Kind und bin gesurft, weil es Spaß gemacht hat, das war der einzige Grund.

Die Familie zog weiter nach Lagos, das damals ein verschlafenes Dorf war und heute ein buntes Touristenstädtchen ist. Die Kinder gingen zunächst auf eine portugiesische Privatschule, dann auf eine Waldorfschule, schließlich auf eine englische Schule. Heute sprechen sie vier Sprachen fließend.

Wie viel Deutsches steckt in Ihnen, wie viel Portugiesisches?

Ich bin in einer deutschen Familie im Ausland aufgewachsen. Ich bin Deutscher. Und dann ist eben noch einiges dazugekommen.

Was ist für Sie typisch deutsch?

Ein Deutscher will immer alles besser wissen. Als mir das vor zwei, drei Jahren auffiel, habe ich es mir abgewöhnt. Seither halte ich öfter mal den Mund.

Als Marlon zwölf ist, nehmen ihn ein paar Freunde mit zu den portugiesischen Jugendmeisterschaften an der Westküste, und siehe da: Er entpuppt sich als Riesentalent, wird Fünfter bei den Vierzehnjährigen. Vater Dago ruft beim deutschen Verband an, und der schickt seinen Sohn zu internationalen Veranstaltungen. Dort sorgt der deutsche Junge aus Portugal für Aufsehen, wird bei den Junioren Europameister und bald darauf Dritter bei der WM. So fängt alles an.

Heute sitzt Marlon Lipke im Camp in Lagos vor dem Apple-Computer, organisiert seine Reisen - und ärgert sich: Im Internet gibt es ein Publikumsvoting, das darüber entscheidet, welche Surfer beim All Stars Event im Juli am Huntington Beach in Kalifornien teilnehmen dürfen. Die Weltmeister und Superstars Kelly Slater, Mick Fanning, C. J. Hobgood und Andy Irons sind gesetzt, sechs weitere Surfer werden vom Publikum hinzugewählt. Problem: Einer der Konkurrenten bekommt innerhalb von zwei Minuten mehr als 4000 Stimmen und dann stundenlang gar keine mehr - typischer Fall von automatisierter Abstimmung. Lipke ist sauer. Er liegt auf Rang fünf - das wird knapp. Er holt sein Brett, den Neo, ein Handtuch, packt alles in den allradgetriebenen Audi und macht sich auf in Richtung "Praia da Cordoama", des Strandabschnitts, an dem es heute die besten Wellen geben soll. Nach zwanzig Minuten fährt er von der Hauptstraße ab, biegt in einen Feldweg ein, rollt bis an den Rand der Klippen, von wo aus man einen wunderbaren Überblick hat über das Meer, das tief unten liegt - Marlons Brandung. Lipke begutachtet den Strandabschnitt: Wo lohnt es sich, ins Wasser zu gehen, wo türmen sich die Wellen am höchsten? Dann fährt er mit dem Auto ein Stück zurück und dann hinunter an den Strand.

Wie ist das auf der World Tour? Wie groß ist der Unterschied zur zweiten Liga?

Man nennt sie Dreamtour, sie ist ein Traum, aber alles an ihr ist auch viel professioneller, man darf sich im Wettkampf keinen einzigen Fehler erlauben. Es ist alles hundert Prozent. Das ist, wenn wie du im Tennis in Wimbledon spielst und gleich gegen Federer antrittst. Es ist schwierig, gleichzeitig das ganze Drumherum zu genießen.

Zum Saisonauftakt der World Tour in Australien ist Marlon Lipke zweimal im ersten Heat, in der ersten K.o.-Runde, ausgeschieden.

Enttäuscht?

Nein. Es war ein Rantasten, ein Ausprobieren, wie die Judges mein Surfen bewerten, an was ich arbeiten muss. Ich habe viele Fehler gemacht, war nicht selbstbewusst genug. Ich muss versuchen, die Mitte zu finden zwischen großen Turns und dem Aussurfen der Welle. Ich muss lernen, wie man es angehen muss, wie man Runden übersteht. In Tahiti hat das dann geklappt, dort habe ich meinen ersten Heat gewonnen, das war wichtig für mein Selbstvertrauen.

Wie viel Glück braucht man beim Surfen? Zu wem kommt die gute Welle?

Ich weiß nicht, wie weit es von einem selbst abhängt, weiß nicht, ob man Umstände mit Geist beeinflussen, ob man sein Glück selbst schaffen kann. Aber wenn man sich auf etwas konzentriert, dann kommt man ihm näher. Ich habe mir letztes Jahr immer vorgestellt, wie es sich anfühlen würde auf der World Tour, wie es sich anfühlen würde, das Contest-Shirt anzuziehen, wie sich das Wasser in Tahiti anfühlen würde, das habe ich alles visualisiert, und das hat mich in die richtige Richtung gebracht.

Was sind die nächsten Ziele, die aktuellen Visualisierungen?

Ich bin da ein bisschen von der Spur gegangen. Vielleicht bin ich zu glücklich über das, was ich letztes Jahr erreicht habe. Letztes Jahr wusste ich genau, was ich wollte. Jetzt ist die Spannung ein bisschen weg. Aber das wird sich wieder ändern. Ganz sicher.

Ein Jahr um die Welt zu reisen, um zu surfen, kostet rund 50.000 Euro, das ist eine Menge Geld. Lipke hat eine Reihe von Sponsoren, er bekommt jedes Jahr 50 Bretter und Ausrüstung en masse, aber reich wird er nicht mit seinem Sport. Viele Firmen konzentrieren sich auf den amerikanischen und den australischen Markt, für Europa bleiben oft nur Restposten im Etat. Der Aufstieg in die Weltliga hat immerhin bewirkt, dass er mit festen Preisgeldern rechnen kann, selbst wenn er in der ersten Runde ausscheidet, verdient er 4.500 Dollar, das reicht für Flüge, Hotel, Essen, immerhin.

Wie steht es mit Sponsoren? Sind welche hinzugekommen?

Nicht wirklich. Es ist schwierig, in Europa im Surfen größere Sponsoren zu bekommen. Die Industrie benutzt Surfen und sein positives Image gern als Bild, um damit zu werben, aber dem Sportler und dem Sport richtig zu helfen - da ist die Bereitschaft wesentlich geringer, da passiert nicht viel.

Am "Praia da Cordoama" ist Pausenzeit. Die Schüler aus Dago Lipkes Camp sitzen erschöpft im Sand. Und auch Marlon Lipke ist aus dem Wasser gekommen. Währen die meisten anderen nahe am Strand im seichten Weißwasser gekämpft hatten, war er weit draußen elegant über die Wellen geritten. Hier der Kampf, dort die Leichtigkeit, hier die Anfänger, dort der Meister. Und doch verbindet sie eines: die Leidenschaft der Surfer, die Glückseligkeit, wenn sie eine Welle mitgenommen hat, sei sie nun riesig oder kaum zu sehen. Den meisten Spaß, sagt Lipke, habe er gehabt, als er angefangen habe; die erste richtige Welle sei die beste gewesen, die beste seines Lebens. Für die Surfschüler ist er eine Attraktion, aber er mimt nicht den Star. Er hat viele Jahre mit ihnen verbracht, nachdem sein Vater 1993 "The Surf Experience" gegründet hatte. Seit 16 Jahren kommen Surfhungrige seither nach Lagos, 16 Plätze bietet das Camp, und Marlon war oft dabei: morgens mit dem Jeep an den Strand und abends zurück. Und dazwischen im Wasser, so lange es ging.

Die Faszination des Surfens - wie kann man sie beschreiben?

Surfen ist nie gleich. Wenn du Snowboard fährst, dann hast du einen Berg, und dieser Berg ist immer gleich. Das Meer aber ist immer anders, du weißt nie, was passiert. Und wenn du es schaffst, durch eine Tube zu fahren, durch einen Wellentunnel, dann ist das, als käme die Zeit zum Stillstand, es ist die vollkommene Ruhe, ein Moment, in dem man sich mit der Natur verbindet, ein Moment, in dem plötzlich mehr da ist, als man sieht.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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