02.10.2006 · Der Amerikaner Kelly Slater ist in 15 Jahren auf dem Surfbrett über seinen Sport hinausgewachsen, er ist ein Tiger Woods der Weltmeere. Nun greift er nach dem achten WM-Titel - und die Herzen der schönsten Frauen fliegen ihm auch zu. Mit FAZ.NET-Bildergalerie.
Von Cai Tore Philippsen, HossegorDieser Mann hat eine magische Anziehungskraft. Das sagen zumindest diejenigen, die Kelly Slater bewundern, und die, die den siebenmaligen Weltmeister der Wellenreiter bekämpfen, gleichermaßen. Dabei geht es aber nicht darum, daß dem 34 Jahre alten Surfer die Herzen der schönsten Frauen zufliegen. Obgleich es nicht mit rechten Dingen zugehen kann, daß er nicht nur mit der Baywatch-Blondine Pamela Anderson, sondern auch noch mit dem Supermodel Gisele Bündchen aus Brasilien liiert war.
Auch daß sein Surfbrett schier an seinen Füßen klebt, wenn er beim wilden Ritt durch die Brandung seine Konkurrenten das Fürchten lehrt, ist nicht gemeint. Nein, wenn die Surfer ihre Stimme senken, um das Geheimnis von „King“ Kelly auszuplaudern, dann sind die Wellen gemeint, die den besten Surfer der Welt angeblich bevorzugen. Seemannsgarn hätten das die Großväter genannt, aber so ein bißchen Wahrheit steckt ja schließlich in jeder wundersamen Geschichte.
Um ihn ranken sich Legenden
Denn immer dann, wenn es bei einem großen Wettkampf eng für Slater wurde, wenn das Ende eines dreißigminütigen Duells im Wasser nahte, und die Wertungsrichter Slaters Gegner besser bewerteten, kam eine schöne große Welle aus den Weiten des Ozeans herangerollt. Slater paddelte die Woge auf dem Bauch liegend an, stemmte sich auf sein Brett und glitt den steilen Hang aus Salzwasser hinab. So oft konnte der in Cocoa Beach in Florida geborene Slater in den letzten Sekunden eines sogenannten Heats mit spektakulären Manövern das Blatt wenden, daß sich Legenden um diese Fähigkeit ranken.
Sein ärgster Widersacher der letzten Jahre, der Hawaiianer Andy Irons, und alle Anhänger der Wellenreitnation Australien würden wohl eher von faulem Zauber sprechen, denn schließlich sind es die Kampfrichter, deren Punkte Kelly Slater zum Seriensieger machen. Die beiden besten Wellenritte eines Heats werden gewertet, maximal zehn Punkte pro Woge vergeben. Die beste Note gibt es für den Surfer, dem es gelingt in die Röhre, die eine brechende Welle manchmal bildet, hinein und wieder hinauszufahren. Daneben werden rasante Kurven, schnelle Fahrten und Sprünge bewertet.
Gibt es einen Champions-Bonus?
Und wie in der Formel 1, deren Offizielle angeblich Michael Schumacher bevorzugen, diskutieren auch die Wellenreiter den vermeintlichen Champions-Bonus. Zwei der elf Stationen der weltumspannenden Champions Tour (WCT) hat Kelly Slater 2006 bereits gewonnen. Beim Quicksilver Pro France an der französischen Atlantikküste in Hossegor hat er durch einen dritten Platz seine Position vor den verbleibenden drei Wettbewerben in Spanien, Brasilien und auf Hawaii weiter gefestigt. Es gewann bei schwierigen Bedingungen der Australier Joel Parkinson, der Slater allerdings kaum noch gefährden kann. „Natürlich ist es frustrierend, wenn man nicht gewinnt, aber im Titelkampf bin ich in einer guten Position.“ Der Preisgeld- und Werbemillionär ist auf dem besten Weg, seinen achten Weltmeistertitel zu gewinnen.
Und dann? „Es kann gut sein, daß ich nächstes Jahr nicht mehr dabei bin“, sagt Slater. Doch anders als Schumacher, der dieser Tage auch um seinen achten Titel kämpft (Siehe auch: Formel 1: Schumacher siegt und liegt nun vor Alonso), will sich Kelly Slater nicht festlegen. „Es ist schwer aufzuhören, wenn es gerade so gut läuft.“ 1992 gewann Slater mit 19 Jahren seinen ersten Titel, fünf weitere folgten in den von ihm dominierten Neunzigern. Doch glücklich war der Beachboy damals nicht. „Ich war eine Wettkampfmaschine, ich konnte jedes Duell gewinnen, aber am Abend ging ich allein zum Essen.“
Wie mit einer alten Geliebten
Nach der Saison 1998 stieg er mit sechsundzwanzig Jahren, sechs Weltmeistertiteln, einigen Auftritten in der Strand-Soap „Baywatch“ und mehr Geld auf dem Konto, als ein vernünftiger Mensch ausgeben kann, aus. Drei Sabbatjahre folgten. Er reiste um die Welt, drehte alternative Surffilme mit dem auch in Deutschland populären Musiker Jack Johnson, versuchte die Beziehung zu seiner Familie wiederzubeleben. „Ich wollte endlich Lebenserfahrung sammeln, wissen was mir wirklich wichtig ist.“
2002 kehrt er auf die Profitour zurück, hat nun im Gegensatz zu den Neunzigern mit dem sechs Jahre jüngeren Andy Irons einen nervenstarken Konkurrenten. Erst 2005 gelingt ihm der umjubelte siebte Triumph, sieben Jahre nach dem letzten. „Es ist schön, etwas noch einmal versuchen zu dürfen“, sagt er über sein Comeback, „es ist, als würde man eine Geliebte wiedertreffen, mit der es beim ersten Mal nicht geklappt hat.“
Slater ist in seinen 15 Jahren auf dem Surfbrett über seinen Sport hinausgewachsen, ist ein Tiger Woods der Weltmeere. Und wie der Golfprofi ist er mittlerweile ein Gentleman, zumindest außerhalb des Wassers - heute geht er nicht mehr allein ins Restaurant. Und wenn er beschreiben soll, warum Wellenreiten einen weltweiten Boom erlebt und selbst in Deutschland immer mehr Anhänger findet, leuchten seine Augen noch mehr als gewöhnlich, und ganz am Ende sagt er: „Dieser Sport hat immer noch etwas Mystisches.“