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Ringen : Kubanischer Wirbelsturm und deutsche Opferbereitschaft

Drehung um Drehung: Alejandro Valdes Tobier (rotes Trikot) hat Mihail Sava mit der Beinschraube im Griff Bild: Marion Stein

Weingarten siegt im ersten Ringer-Finale gegen Ispringen und bietet ein Ringerfest. Es könnte das letzte für lange Zeit sein.

          Es waren nur 48 Sekunden, die Alejandro Valdes Tobier seinem Sport nachging. In dieser Zeit hatte der Weltklasseringer aus Kuba seinen Widersacher Mihail Sava, gleichfalls der internationalen Spitze zugehörig, nach allen Regeln der Ringerkunst beherrscht und dank technischer Überlegenheit vorzeitig besiegt. Mit einem höchst anspruchsvollen zeitgleichen Angriff auf den Oberkörper sowie das Standbein raubte er dem Gegner mit moldauischem Pass das Gleichgewicht, brachte ihn beinahe auf die Schultern, ehe er die für den Gegner so bedrohliche Lage zum Ansetzen einer Beinschraube nutzte.

          Keine 20 Sekunden und sieben Schraubendrehungen später war der Freistilkampf in der 66-Kilogramm-Klasse wegen eines 16-Punkte-Vorsprungs vorzeitig beendet. Der 28 Jahre alte Kubaner trug somit vier Punkte zum 13:9-Erfolg seines SV Germania Weingarten gegen den KSV Ispringen im Final-Hinkampf um die deutsche Meisterschaft bei.

          Vorsprung für den Rückkampf

          Damit gehen Valdes und seine Mannschaftskameraden mit einem Vorsprung in den Rückkampf des nordbadischen Nachbarschaftsduells am kommenden Samstag in Pforzheim. „Ich fühle mich sehr gut. Ich bin sehr froh“, sagte Valdes in den wenigen Worten Englisch, die er zum Besten gab. Der kubanische Wirbelsturm versetzte die mit über 1500 Zuschauern ausverkaufte Walzbachhalle freilich weniger mit Worten, denn mit ringerischen Taten in Begeisterung.

          Kurzzeitig war auch bei Ralph Oberacker die Skepsis bezüglich der Zukunft seines Sports vergessen, ehe später dann doch Wehmut aufkam. „Ich musste heute auch in solch schönen Momenten immer dran denken, dass es das letzte Ringerfest dieser Art gewesen sein könnte“, sagte Oberacker, der neben seiner Tätigkeit als Kardiologe rein ehrenamtlich Sponsoren für den Klub sucht und an einem Kampfabend fliegend von der Rolle des Hallensprechers an die Bierzapfanlage wechselt.

          Die „Brücke“ Beck wird noch nicht beschritten

          Noch immer steht in den Sternen, ob sich die Top-Klubs und der Deutsche Ringer-Bund (DRB) noch einmal zusammenraufen können für den Fortbestand der Bundesliga auf dem bisherigen sportlichen Niveau. Alle vier Halbfinalteilnehmer sowie der VfK Schifferstadt und der KSV Mansfelder Land wollen aufgrund fehlender Kooperationsbereitschaft des DRB in einer eigens gegründeten Deutschen Ringer Liga (DRL) kämpfen, um sich besser vermarkten zu können.

          Der DRB, der sich recht unzeitgemäß noch immer recht grundsätzlich an der Bezahlung von Profisportlern stört, will diese Bestrebungen mit harten Sanktionsandrohungen bis hin zu internationalen Sperren für die Sportler verhindern und füllt die ausgezehrte Bundesliga mit Zweitligaklubs auf. Die DRL versuchte am Wochenende eine Brücke zu bauen, indem sie den ehemaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck, Ehrenmitglied des VfK Schifferstadt, als Vermittler vorschlug. So gut sich Ringer mit Brücken auskennen, mit denen Kämpfer eine Schulterniederlage zu verhindern versuchen, so wenig war der Verband bereit, auf die Gegner im eigenen Lager zuzugehen. „Der DRB erkennt die DRL nicht an“, heißt es in einer Erklärung des Verbands, dessen Repräsentanten dem Finale gegen die Gewohnheit fernblieben. „Ich weiß nicht, wie wir jetzt noch zusammenkommen sollen“, sagt Oberacker.

          Kämpfen mit Schulterschmerzen

          Wie auch in den vergangenen drei Jahren, in denen Weingarten jedes Mal vergeblich um den Titel des deutschen Mannschaftsmeisters gekämpft hatte, haben Oberacker und seine zahlreichen Mitstreiter im Final-Hinkampf ein Spektakel organisiert, das in schwierigen Zeiten beste Werbung fürs Ringen darstellt, während vom DRB organisierte Einzelturniere wie der Große Preis von Deutschland nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Tatsächlich dürfte keiner der meist fachkundigen Besucher in der ausverkauften Halle das Eintrittsgeld von 42 Euro für einen Sitzplatz bedauert haben.

          Angefangen vom Auftaktkampf in der 57-Kilogramm-Klasse zwischen dem deutschen Routinier Marcel Ewald und Vladimir Egorov bis hin zum zehnten und letzten Duell des Abends zwischen Weltmeister Frank Stäbler und seinem einstigen Idol Konstantin Schneider wurde Weltklassesport geboten. Der mittlerweile 41 Jahre alte Schneider hatte eigens für seinen möglicherweise letzten Bundesligakampf zehn Kilogramm bis ins 75-Kilogramm-Limit abgespeckt, damit Stäbler wenigstens nur drei statt der möglichen vier Zähler für Weingarten einfahren konnte.

          Schneider, der zudem mit kurzzeitig ausgekugelter Schulter zu Ende kämpfte, wurde für seinen aufopferungsvollen Einsatz von seinen Kameraden gefeiert. Spätestens in diesem Moment zeigte sich jene zweite Faszination des Mannschaftsringens neben der ringerischen Qualität der Top-Athleten: Anders als bei internationalen Einzelturnieren kann auch der Verlierer ein Gewinner sein.

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          „Abkochen“ mit Ringer Stäbler : Der Kampf vor dem Kampf Bild: Privat

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