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Wasserball Aus der „Hausfrauenliga“ zur Weltmeisterschaft

19.03.2007 ·  Die deutschen Wasserballspielerinnen müssen bei der WM in Melbourne Kreativität beweisen. „Die anderen Nationen haben uns abgehängt“, sagt Bundestrainer Bernd Seidensticker, die Bedingungen in Deutschland seien sehr schlecht.

Von Gerd Schneider, Melbourne
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Bernd Seidensticker hat einen krisensicheren Beruf, er besitzt in Hannover ein Bestattungsunternehmen. Seit einigen Jahren aber muss die Firma recht oft ohne ihren Chef auskommen, denn der hat eine zeitraubende Nebentätigkeit. Der 46 Jahre alte und sehr lebhafte Niedersachse ist Bundestrainer der deutschen Wasserballfrauen.

Er hat große Ziele, er will das Nationalteam in der Weltspitze etablieren, man könnte auch sagen: der Randsportart Leben einhauchen. „Das geht nur, wenn man die Spielerinnen ständig zusammenzieht und auf höchstem Niveau trainiert“, sagt er. „Aber die Bedingungen sind schlecht, wir haben in Deutschland einen schweren Stand.“

Auftaktniederlage gegen Russland

Seit einigen Wochen ist Seidensticker wieder auf Welt-Tournee. Er war mit seinen Spielerinnen in Neuseeland bei einem Länderturnier, und von dort ging es weiter nach Melbourne, wo am Sonntag die Weltmeisterschaften im Schwimmen, Wasserspringen und Wasserball begannen. Das Auftaktspiel verloren die deutschen Frauen am Montag 11:18 gegen Russland, den Europameister. Die Russinnen gehören zu den besten Teams der Welt, sie spielen in einer anderen Liga. Die Deutschen müssen ihre Chance gegen die nächsten beiden Vorrundengegner, Spanien und China, suchen. Ihr Minimalziel ist der Einzug in die nächste Runde. Bei der WM vor zwei Jahren in Montreal hatten sie den achten Rang belegt, es war ihre bislang beste WM-Bilanz. Seidensticker sagt: „Das zu wiederholen wird schwer. Die anderen Nationen haben uns abgehängt.“

Seidensticker übernahm die Wasserballfrauen vor drei Jahren, davor hatte der frühere Junioren-Nationalspieler die Männer des Bundesligaklubs Wassersportfreunde Hannover trainiert. Er wusste, worauf er sich einließ. Und was ihm bevorstand. Die Bundesliga, sagt er, sei eine „Hausfrauenliga“: „Ganz schwach, manche Spiele gehen 40:1 aus.“ Auch die finanzielle Ausstattung ist alles andere als üppig. Es gibt keinen einzigen hauptamtlichen Trainer im deutschen Frauen-Wasserball.

Nationalspielerinnen aus der Bundesliga abgezogen

Und anders als in den meisten anderen Sportarten gebe es für seine Spielerinnen keine Möglichkeit, als Angehörige der Bundeswehr den Sport professionell auszuüben. „Man hat uns vergessen“, sagt er, „no money, no music.“ Die bislang einzige Spielerin, die ins Ausland ging, ist Simone Budde. Die 28 Jahre alte Torfrau aus Hamm, im Hauptberuf Angestellte eines Entsorgungsunternehmens, spielt seit drei Jahren in den Niederlanden: erst in Rotterdam, seit anderthalb Jahren beim PSV Eindhoven. Nicht für Geld, wie sie sagt: „Ich bekomme eine minimale Aufwandsentschädigung.“ Aber die niederländische Liga sei besser organisiert als die Bundesliga, und das Niveau „viel höher“. Seidensticker hätte nichts dagegen, würden auch andere Nationalspielerinnen diesem Beispiel folgen, wie es bei den Männern längst üblich ist.

Doch solange die Bedingungen so sind und sich Seidensticker wie Don Quijote im Kampf mit den Windmühlen vorkommt, muss er sich anders behelfen: „kreativ sein“, wie er sagt. So brachte er es tatsächlich fertig, mit Beginn der aktuellen Saison im Herbst die Nationalspielerinnen aus der Bundesliga abzuziehen, um sie auf die WM vorzubereiten – mit dem Einverständnis der Klubs. Die Regelung sieht vor, dass Blau-Weiß Bochum und Bayer Uerdingen – die beiden dominierenden Vereine, die das Gros der WM-Teilnehmerinnen stellen – im Gegenzug für die Play-off-Serie gesetzt sind. Dann kehren auch die Nationalspielerinnen wieder zu ihren Klubs zurück. Das ist ein wohl beispielloser Vorgang im deutschen Sport. „Die Vereine haben eingesehen, dass wir keine andere Wahl haben, wenn wir künftig noch eine Chance haben wollen“, sagt Seidensticker.

Auch bei der WM in Melbourne nutzt der sendungsbewusste Bundestrainer jede Möglichkeit, um sein schwieriges Projekt voranzubringen. So ließ er am Sonntagnachmittag, einen Tag vor dem Auftaktspiel, sein Team gemeinsam mit den Kubanerinnen im Wettkampfbecken des „Melbourne Sports and Aquatic Centre“ trainieren – während nebenan, keine 50 Meter entfernt, die Formel-1-Boliden über die Piste des Albert-Parks donnerten. „Es war so laut, dass wir unsere eigenen Worte nicht hörten“, so beschrieb die erfahrene Nationalspielerin Katrin Dierolf das surreale Szenario, „wir haben es dann mit Oropax versucht, aber auch das brachte nichts.“ Das ist eben das Los der deutschen Wasserballfrauen: Sie müssen sich auf ungewöhnliche Dinge einlassen, damit ihnen nicht eines Tages bei den großen Wettkämpfen das Hören und Sehen vergeht.

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