17.11.2009 · Beim erfolglosen Footballklub Washington Redskins ist ein offener Kampf zwischen Fans und Eigentümer Dan Snyder ausgebrochen. Besucher mit Anti-Snyder-Parolen wurden des Stadions verwiesen, der Trainer wurde entmachtet und ist innerlich emigriert.
Von Jürgen Kalwa, New YorkHat ein Footballprofi das Interesse von Daniel Snyder geweckt, betreibt dieser eine Charmeoffensive nach Plan: Er schickt seinen Privatjet los, holt den Spieler nach Washington, serviert teuren Wein zu gutem Essen und legt einen Vertrag vor, an dem gewöhnlich vor allem eines auffällt: Er ist überaus üppig dotiert.
Das beeindruckt Athleten, die sonntags auf dem Spielfeld ihre Knochen hinhalten müssen - so auch Running Back Clinton Portis, der vor einer Weile mal sagte: „Dan Snyder ist der Klubbesitzer, für den jeder in der NFL spielen will.“
Drehtür-Mentalität und Marktwertrekord
Doch irgendetwas an der Methode, die der 43 Jahre alte Besitzer der Washington Redskins anwendet, scheint nicht zu funktionieren: So gerne die Stars auch kommen, so wenig scheinen sie der Mannschaft zu helfen. Das mag auch daran liegen, dass Snyder gerne bestens bezahlte Cheftrainer mit ganzen Geschwadern von Assistenten anheuert, sich aber im Falle des Misserfolgs rasch wieder von ihnen trennt.
Die Drehtür-Mentalität bei dem Traditionsklub, den Snyder 1999 mit Hilfe enormer Darlehen für 800 Millionen Dollar gekauft hatte, schien die Fans lange Zeit nicht sonderlich zu stören. Sie pilgerten bei jedem Wetter loyal ins Stadion außerhalb der Stadt. Ihre Treue zahlte sich aus - zumindest für Snyder, dessen Gewinne zwischenzeitlich NFL-Rekordwerte von mehr als hundert Millionen Dollar im Jahr erreichten und den Marktwert der Redskins inklusive Arena auf 1,5 Milliarden Dollar hochschnellen ließen.
„Fire Dan Snyder“
Doch die ungebremste Zuneigung der Anhänger für ihr Team, das zwischen 1982 und 1991 dreimal den Super-Bowl gewinnen konnte, verpufft in der Erfolgslosigkeit des Klubs. Auch in dieser Saison haben die Redskins nach nur drei Siegen und bereits sechs Niederlagen die Play-offs so gut wie sicher verpasst. Und so bleiben in der Arena mit ihrem Fassungsvermögen von 84.000 Zuschauern inzwischen tausende Plätze leer. Auch die Einschaltquoten der Live-Übertragungen im Fernsehen sind deutlich gesunken. Derweil verklagte Klubbesitzer Snyder einige Dauerkarten-Inhaber, die wegen der aktuellen Wirtschaftskrise nicht pünktlich ihre Tickets bezahlt hatten.
Die Stimmung der Redskin-Fans ist schlecht. So mancher würde nur zu gerne seinen Unmut demonstrativ und unverblümt auf Schildern, bepinselten Bettlaken, bedruckten T-Shirts oder auf den Werbeplakaten der städtischen Busse artikulieren. Die programmatische Forderung der Rebellen lautet: „Fire Dan Snyder“. Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten: Besucher mit Anti-Snyder-Parolen wurden aus dem Stadion verwiesen. Der Klub machte von seinem Hausrecht Gebrauch und verbot schriftliche Meinungsäußerungen aller Art. Praktizierte Demokratie am Sitz der amerikanischen Regierung? Nein, danke. Eine solche Zuspitzung hat es im amerikanischen Ligasport noch nicht gegeben.
„Die geistige Haltung eines Kindes“
Schuld daran ist angeblich „die permanente negative Berichterstattung in der Washington Post“, wie Klub-Anwalt David Donovan erklärte. Die Zeitung, deren Ruhm auf den Watergate-Enthüllungen beruht, hat tatsächlich längst jeden Respekt vor dem Klubmanagement abgelegt, das vor ein paar Jahren unter anderem durch den Aufkauf von Radiostationen und den Rauswurf kritischer Kommentatoren einen erheblichen Teil des Beschwerdepotenzials im Medienumfeld der Mannschaft ausradierte.
Dabei wirkt die Haltung der Zeitung gegenüber der Redskins-Spitze noch vergleichsweise maßvoll. Die Anwürfe von John Riggins waren da schon sehr viel schärfer. Der Running Back aus den glorreichen Tagen der Redskins griff Snyder ganz persönlich an: „Das ist ein schlimmer Typ, dem dieses Team gehört“, sagte er in einem Fernsehinterview über den Mann, der selbst bei wolkenverhangenem Himmel dunkle Sonnenbrillen trägt. Alles im Klub werde „von seinem Ego angetrieben“. Der 43 Jahre alte Klubbesitzer, der als Marketing-Experte reich geworden war und nebenbei die marode Vernügungspark-Kette „Six Flags“ betreibt, habe die „geistige Haltung eines Kindes“.
Coach Zorn zog den Weg in die innere Emigration vor
Was Snyder über Football denkt, wissen allerdings nur wenige. Er gibt so gut wie keine Interviews und lässt sich von einem riesigen Pressesprecher abschirmen, wann immer ihn ein Journalist mit Fragen behelligen will. So blieb denn auch die Frage unbeantwortet, weshalb er seinem Cheftrainer Jim Zorn nach vier Niederlagen die Entscheidungshoheit über die Spielzüge der Angriffsformation entzog und eigens für diese Aufgabe einen neuen Coach einstellte. Eine solche öffentliche Entmachtung eines Teamverantwortlichen in der NFL hatte es außerhalb des Schreckensreichs von Al Davis, dem Eigentümer der Oakland Raiders, noch nie gegeben.
Zorn hätte in dem Moment natürlich genau das tun können, was Snyder mit seinem Ukas vermutlich beabsichtigt hatte: kündigen. Doch der Trainer zog - vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen - den Weg in die innere Emigration vor. „Manchmal muss man Sachen tun, die unangenehm sind“, sagte der ehemalige Quarterback. Er hatte erst 2008 einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben.
„Wir haben unsere Fans enttäuscht“
Das Verbot, Banner und Hemden mit kritischen Sprüchen ins Stadion mitzubringen, wurde übrigens am vergangenen Sonntag wiederaufgehoben. Daniel Snyder erklärte in einer kleinlauten Pressemitteilung: „Wir haben unsere Fans enttäuscht. Mir ist klar, dass einige Fans ihre Gefühle artikulieren wollen. Und das sollen sie auch tun, solange sie die Grenzen des guten Geschmacks beachten.“
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Beim überraschend deutlichen 27:17-Sieg der Redskins gegen die Denver Broncos präsentierte ein Fan folgende Replik auf einem handgemachten Spruchband: „Der schlimmste Besitzer aller Zeiten“.