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Veröffentlicht: 19.06.2017, 14:12 Uhr

Angelique Kerber Das „Irgendwas“ ist nicht zu greifen

Was muss sich ändern bei Angelique Kerber, damit der Erfolg zurückkommt? Erst einmal sollte das Kopfkarussell stehenbleiben. Auch vor Wimbledon kündigt sie an, einiges ändern zu wollen.

von Herbert Spies, Halle
© SvenSimon Macht Tennis Spaß? Wenn es nicht um Siege geht, schon. Angelique Kerber in der Halle.

Halle in Westfalen ist eine beschauliche Kleinstadt am Südhang des Teutoburger Waldes, eine Wohlfühloase im Grünen. Angelique Kerber kommt gerne dorthin, denn das Örtchen bietet ihr so vieles: makellose Rasenplätze, die denen in Wimbledon in nichts nachstehen. Und so viel Wertschätzung, Wohlwollen und menschliche Wärme, dass der Weltranglistenersten die Stunden in Ostwestfalen-Lippe vorkommen müssen wie eine kollektive Umarmung.

Am Samstag hat sie im Vorprogramm von Deutschlands einzigem Rasentennisturnier an der Seite des früheren österreichischen Profis Thomas Muster ein Mixed gespielt – der Sinn der Sache war es, Spaß zu haben und zu verbreiten. Die rund 10.000 Zuschauer genossen die humoristischen Einlagen. Auch die Gegner, Barbara Schett aus Österreich und Michel Stich, Wimbledonsieger von 1991, lachten viel, und Angelique Kerber wirkte geradezu entspannt. Das Leben auf dem Tennisplatz kann so einfach und so schön sein. Jedenfalls dann, wenn es nicht um Sieg oder Niederlage geht.

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Fast auf den Tag genau drei Wochen zuvor war Deutschlands beste Spielerin beim zweiten Grand-Slam-Turnier der Saison in Paris bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Ein weiterer Misserfolg, die 13. Niederlage in diesem Jahr. Die 29-Jährige muss erkennen, dass nach ihren großen Erfolgen im vergangenen Jahr, nach all den Ehrungen und Lobeshymnen der Ton ihr gegenüber allmählich rauh wird. Von einer Talfahrt ist die Rede, einem Debakel, der Kerber-Krise.

Ihr Spiel wird als verzagt beschrieben, gelähmt, frustriert und furchtsam. Ihre Körpersprache gilt wieder als negativ, jüngst veröffentlichte ein Online-Portal gar eine „Chronik des Versagens“. Von der Weltranglistenersten kommen derweil nur Ansätze von Erklärungen für ihre sportlichen Misserfolge, Versatzstücke. Eine zielorientierte Bestandsaufnahme und Fehleranalyse sieht anders aus. „Irgendwas wird sich auf jeden Fall ändern müssen“, hatte sie in Paris ein wenig ratlos angekündigt und sich verabschiedet.

Es gilt, sehr viele Weltranglisten-Punkte zu bekommen

Die Hälfte der Saison ist vorüber, am 3. Juli beginnt in Wimbledon das wichtigste Turnier des Jahres, bei dem sie 2016 im Endspiel gegen Serena Williams unterlag. Es gilt, sehr viele Weltranglisten-Punkte zu verteidigen. In Santa Ponça auf Mallorca hat sie in der vergangenen Woche begonnen, wieder ein Gespür für den schnellen Rasenbelag zu bekommen. Abermals ein Anlauf, Vertrauen in die eigenen Stärken zurückzugewinnen, Selbstgewissheit zu entwickeln, um wieder das Selbstvertrauen zu fühlen und zu leben, das sie in ihrem Erfolgsjahr 2016 in Melbourne und in New York zu zwei Grand-Slam-Titeln und an die Spitzenposition der Weltrangliste geführt hatte.

Das Rasenturnier in Birmingham sollte in dieser Woche ihre Generalprobe für Wimbledon sein. Doch die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Wegen einer Oberschenkelverletzung habe die 29-Jährige ihre Teilnahme abgesagt, teilt die Spielerinnenorganisation WTA am Sonntag mit. „Ich habe bereits in den vergangenen Tagen ein bisschen was gespürt und gestern Abend hat es sich dann etwas schlimmer angefühlt“, ließ Kerber mitteilen: „Ich will einfach nichts riskieren.“

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An der Seite von Thomas Muster hatte sie am Tag zuvor das Spaß-Mixed mit 7:6 (8:6), 3:6 und 12:10 gewonnen und sich über den Applaus gefreut. Nach all der Heiterkeit auf dem Platz entwickelte sich die anschließende Pressekonferenz aber zu einer PR-Posse mit galligem Unterton in den Antworten. Ob Michael Stich und Thomas Muster ihrer Kollegin Kerber in dieser schwierigen Phase einen Rat geben könnten? Michael Stich, schon zu seiner aktiven Zeit kein praktizierender Diplomat, reagierte hörbar genervt. „Erst mal steht uns das nicht zu, Angie irgendwas zu raten. Und zweitens sind das Situationen, die jeder von uns in seiner Karriere durchgemacht hat, und da ist jeder auch irgendwie rausgekommen“, grantelte der 48-Jährige und ergänzte ironisch: „Es ist ja auch schön, dass wir über Angie reden, während sie neben uns sitzt.“

Das war das Stichwort für den Pressechef der Gerry Weber Open in Halle, der gleich einschritt: „Ich hatte gesagt: Bitte keine Fragen zur sportlichen Aktivität von Angelique. Diese Fragen klammern wir aus.“ Das erstaunte wiederum Michael Stich, und auch Thomas Muster war irritiert: „Aber grundsätzlich sitzt sie ja hier, und wenn sie eine Frage an sie haben ...“ ,sagt er zu den Journalisten und wird von Stich unterbrochen: „ ... die sie nicht stellen dürfen, dann stellen sie diese.“

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Und obwohl die westfälischen Gastgeber die Harmonie akut bedroht sahen, durfte nun doch die Weltranglistenerste befragt werden. Zu den Ergebnissen ihrer inneren Einkehr antwortete sie nur diffus. „Ich habe viele Sachen gelernt aus den letzten Wochen, auch für mich selbst“, sagte sie. Sie suche die Fehler zunächst bei sich, habe die letzten Monate noch mal Revue passieren lassen. „Ich habe mir Gedanken gemacht über mein Training, ich weiß, dass ich auch für meine Fitness wieder mehr machen muss, denn ich habe ganz besonders in Paris gemerkt, dass ich da ein bisschen verloren habe. Es sind so einige Kleinigkeiten“, meinte Kerber, und ihre Stimme wurde immer leiser.

Ihre mentale Verfassung, das sich unablässig drehende Kopfkarussell mit den immer wiederkehrenden, negativen Gedanken auf dem Platz ist auch ein Thema. „Das spielt natürlich eine große Rolle. Ich denke, ich kenne mich, und ich weiß, dass ich aus solchen Situationen auf jeden Fall gestärkt herauskomme. Ob es jetzt direkt schon in Wimbledon sein wird oder erst während meiner Amerika-Reise, da mache ich mir gar keinen Druck“, sagte sie. Die Erwartungen seien natürlich da, die Presse liebe es ja, Schlagzeilen zu schreiben.

Angelique Kerber steht an einer Wegkreuzung. „Überwiegen nun Zweifel oder Zuversicht?“ Die 29-Jährige schüttelte den Kopf und ließ die Frage zunächst unbeantwortet. Michael Stich wurde laut: „Da gibt es nur eine Antwort drauf. Ein Wort nur: Zuversicht!“ Angelique Kerber lehnte sich zurück. Und sagte ganz leise: „Klar. Zuversicht.“

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