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ATP-Finale : Warum Zverev gute Chancen gegen Federer hat

Alexander Zverev ist bereit: „Roger ist in allen Spielen Favorit, in denen er antritt. Aber ich habe jetzt ein paar Mal gegen ihn gespielt – und es waren alles große Matches.“ Bild: dpa

Alexander Zverev biegt beim ATP-Finale die Partie gegen Marin Cilic noch um. Der Hamburger ist bereit für das Treffen mit Roger Federer an diesem Dienstag – mit guten Chancen.

          Alexander Zverev sagte kürzlich im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass Tennisprofis ein Kurzzeitgedächtnis benötigten. Nur nicht zu lange über Vergangenes nachdenken, einerlei ob positiv oder negativ, das störe nur die Konzentration auf das nächste Spiel, auf den nächsten Punkt. Das Match, das er am späten Sonntagabend in London bestritt, sollte er jedoch gut in seinem Kopf abspeichern und immer wieder hervorkramen, wenn er in Bedrängnis gerät. In seinem Auftaktspiel beim ATP-Finale in London gegen den Kroaten Marin Cilic sprach im dritten Satz nicht mehr viel für ihn.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Der 20 Jahre alte Hamburger lag bei Aufschlag Cilic 1:3 und 15:40 zurück, nachdem ein Vorhandball von ihm von der Netzkante ins Aus gesprungen war. Bis dahin hatte er alle Widrigkeiten und Unzulänglichkeiten mannhaft ertragen. So wie er es sich vorgenommen hatte. „Ich bin dabei, daran zu arbeiten, mit Enttäuschungen besser fertig zu werden und die Konzentration hochzuhalten.“ Und er hatte einiges gegen Cilic zu verkraften gehabt.

          Nach seinem Break im ersten Spiel der Auseinandersetzung, das zum 6:4-Satzgewinn geführt hatte, verließen ihn seine Vorhand und sein Aufschlag. Im ersten und im zweiten Satz beging er insgesamt fast 40 leichte Fehler, und nur 45 Prozent seiner ersten Aufschläge landeten im Feld. Zudem entpuppte sich die Netzkante als sein Feind, und einmal hatte er auch noch mit einer Schiedsrichter-Entscheidung Pech. Cilic hatte akzeptiert, dass seine Vorhand im Aus gelandet war, wie der Linienrichter meinte.

          Aber der Schiedsrichter schaltete sich ein, ordnete den Videobeweis an, der den Linienrichter widerlegte. Als dann noch dieser fulminante Netzkantenball Cilic zwei Spielbälle zum 4:1 eröffnete, schien Zverev mit seiner mentalen Widerstandskraft am Ende. Zum ersten Mal offenbarte er dem Gegner Schwäche, indem er den Schläger auf den Boden warf. Aber die Aktion war nicht der Anfang vom Ende, sondern markierte die Wende. Zverev gewann die nächsten acht Punkte, glich zum 3:3 aus und nutzte seinen ersten Matchball zum 6:4, 3:6 und 6:4.

          Dieser Triumph nach einem holprigen Spielverlauf und einer Leistung weit weg von Perfektion drückt noch deutlicher das Champions-Potential von Zverev aus, als es ein rauschhafter Sieg getan hätte, etwa an einem Abend, an dem alles gelang. Die Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden, das verschüttete Potential wieder freizulegen, kennzeichnet die Spitzenspieler. Mit 20 Jahren ist Zverev noch zu jung, um diese Stärke in jedem Match aufzubringen, aber dass er sie grundsätzlich besitzt, ist schon mal ein gutes Zeichen und sollte ihm eine Erinnerung wert sein.

          Sobald der lange Hamburger sein Spiel zusammenbrachte, in der ersten Hälfte des ersten Satzes und in der zweiten Hälfte des dritten Satzes, war er der bessere Spieler in dieser Begegnung. Was bei dem Maßstab Cilic (Nummer fünf der Weltrangliste) das Talent und die Substanz Zverevs kategorisiert. Der Hamburger hatte eine einfache Erklärung für seine wechselhafte Vorstellung: „Ich brachte schon eine Menge Nerven mit auf den Platz.“ Die Teilnahme am ATP-Finale sei eine ganz andere Erfahrung als ein Grand-Slam-Turnier.

          Die ATP inszeniert ihren Saisonhöhepunkt mit großem Brimborium. Allein der Einzug in die riesige, 21.000 Zuschauer fassende O2-Arena sorgt für Anspannung. Die Halle ist in blaues Licht getaucht, überlaute Herzschläge werden über die Lautsprecheranlange eingespielt, bis ein Scheinwerferkegel den Spieler grell erleuchtet und der Sprecher dessen Namen ins Mikrofon brüllt.

          Vielleicht brauchte Zverev das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben, um sich von der Atmosphäre zu lösen. Jedenfalls sagte er: „Nachdem ich im dritten Satz das Break zum 0:2 hinnehmen musste, fühlte ich mich entspannter. Ich spielte aggressiver und hatte immer das Gefühl, ich kann noch gewinnen, wenn mir das Rebreak gelingt.“ Der Schlägerwurf sei kein Befreiungsakt gewesen. „Es war doch nur einmal und nicht mal besonders hart. Das hatte nichts mit der Wende zu tun.“

          Aus welch hartem Holz Zverev geschnitzt ist, welcher Ehrgeiz in ihm wohnt, demonstrierte er wenige Minuten nach dem Matchball. Nach einem kurzen Austausch mit seinem neuen Trainer Juan Carlos Ferrero betrat er noch einmal den Centre Court und schlug mit dem Spanier eine halbe Stunde lang Bälle. „Im Training hatte ich den Ball extrem gut auf dem Schläger, im Spiel war das etwas schlechter. Ich wollte das gute Gefühl wieder bekommen“, erläuterte Zverev den Grund für die Extraschicht nach über zwei Stunden Spielzeit.

          Nach dem Auftaktsieg fühlt sich der Hamburger erleichtert. „Den schwersten Moment der Woche habe ich wohl hinter mir, obwohl – der nächste Gegner ist auch nicht ganz schlecht.“ Zverev trifft am Dienstagabend auf Roger Federer, den großen Turnierfavoriten, der mit einem sicheren Sieg gegen den Amerikaner Jack Sock startete. Vor Ehrfurcht erstarren wird der Weltranglistendritte nicht mehr wie im Finale von Halle in diesem Juni. In der Zwischenzeit besiegte er den Schweizer im Endspiel von Montreal.

          „Ich versuche jedes Match so gut wie möglich zu spielen und zu gewinnen. Egal gegen wen“, sagte Zverev. Wer das Duell gewinnt, hat den Einzug ins Halbfinale fast sicher. Der Hamburger fühlt sich als Herausforderer – mit guten Chancen. „Roger ist in allen Spielen Favorit, in denen er antritt. Aber ich habe jetzt ein paar Mal gegen ihn gespielt – und es waren alles große Matches. Hoffentlich ist es am Dienstag genauso.“

          Quelle: F.A.Z.

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