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Vor den Australian Open Unerhörte Notrufe

 ·  Tennis als Extremsport: Während um Sydney herum Brände bekämpft werden, mühen sich Profis wie Angelique Kerber bei Temperaturen jenseits der 40 Grad Celsius. Die Damen flehen um Verlegung.

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© REUTERS Vergrößern Windkraft: Die Dänin Caroline Wozniacki kühlt sich ab

Es waren sonnige Grüße, die Angelique Kerber aus der Hitze hinaus in die Welt schickte. „Heute über 40 Grad in Sydney!!!“, twitterte die beste deutsche Tennisspielerin am Dienstag. Obwohl abgekämpft und ausgelaugt, gab sie sich gut gelaunt, hatte sie ihre Kurzmitteilung doch nicht nur mit drei Ausrufezeichen, sondern auch mit drei Sonnen-Symbolen versehen. Die Hitzeschlacht über 1:40 Stunden gegen Galina Woskobojewa hatte die Weltranglistenfünfte aus Kiel leidlich weggesteckt, besser jedenfalls als ihre Gegnerin, die sich beim 2:6 und 5:7 nicht nur Angelique Kerber beugen musste, sondern auch den hohen Temperaturen. Mitten im Match musste sich die Kasachin auf dem Platz behandeln lassen - kein Einzelfall beim aktuellen Turnier der Herren und Damen in Sydney, wo Tennis zum Extremsport wird.

Die Veranstalter hatten den Profis zwar nahegelegt, möglichst viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen, in jeder freien Sekunde den Schatten aufzusuchen, sich in Pausen Eisbeutel über die Schulter zu legen und nach dem Match sogleich in den klimatisierten Kabinen zu verschwinden. Doch die gutgemeinten Ratschläge halfen vor allem denjenigen wenig, die am Dienstag um elf Uhr vormittags den Platz betreten mussten und darum der Sonne auf ihrem höchsten Stand ausgesetzt waren. „Gegen Ende das Matches wurde es immer schlimmer“, klagte die Polin Agnieszka Radwanska und schickte sogleich einen Notruf an die Turnierleitung hinterher: „Es war viel zu heiß zum Tennisspielen - für uns, für die Ballkinder und die Leute, die auf den Tribünen sitzen.“

Die Weltranglistenvierte hielt ihre Arbeitszeit beim 6:4, 6:3-Auftaktsieg gegen die Japanerin Kimiko Date-Krumm mit 68 Minuten noch in erträglichen Grenzen - theoretisch. Schlimmer erwischte es Maria Kirilenko, die nacheinander im Einzel und Doppel antreten musste - und beide Mal verlor. 49,9 Grad betrug die Höchsttemperatur auf dem Belag - „wenn es so heiß ist, sollte man Spiele absagen“, sagte die Weltranglistenvierzehnte, die sich in Sydney einem extremen Temperaturanstieg ausgesetzt sah: „Ich komme gerade aus Russland, wo es minus zwanzig Grad waren.“

70.000 Feuerwehrleute sind im Einsatz

Trotz brütender Hitze auf den Plätzen befinden sich die Tennisprofis in der Hauptstadt des australischen Bundesstaates New South Wales noch in der vergleichsweise komfortablen Lage, sich nach ihren Auftritten schnell in den kühlen Katakomben der Anlage verkriechen und in die bereitstehenden Eisbäder eintauchen zu können. Viele andere Menschen im bevölkerungsreichen Bundesstaat dagegen fürchten um Leib und Leben. 135 kleinere Buschbrände wurden am Dienstagnachmittag im Südosten Australiens gezählt; 70.000 Feuerwehrleute versuchen zu verhindern, dass die Brände bei Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius und Windgeschwindigkeiten von bis zu siebzig Kilometern pro Stunde vollends außer Kontrolle geraten.

Von einer Katastrophe ist jetzt schon die Rede, obwohl die Lage noch nicht so schlimm erscheint wie vor vier Jahren, als im Bundesstaat Victoria 173 Menschen starben. Unter der wochenlang sengenden Hitze litten damals auch die Tennisprofis in Melbourne. Bei dem Grand-Slam-Turnier waren zwischenzeitlich alle Spiele auf den Außenplätzen abgesagt worden. Zudem wurde mitten im Viertelfinalmatch zwischen Serena Williams und Swetlana Kusnezowa das Dach über der Rod Laver Arena geschlossen, weil das Thermometer 42 Grad Celsius Lufttemperatur angezeigt hatte und die Regeln für extreme Wetterlagen in Kraft getreten waren.

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© REUTERS Vergrößern Wissenschaft: Galina Woskobojewa muss wegen der Hitze medizinisch versorgt werden

In Sydney widersetzte sich die Turnierleitung bis Dienstag dem Flehen von Tennisprofis, den Spielplan zu überdenken und Partien spätabends nachzuholen. Es zähle nicht nur das Thermometer des Schiedsrichters unten am Platze, sondern zudem Lufttemperatur und -feuchtigkeit sowie Windstärke, hieß es. Die Wetterlage würde penibel nach einer speziellen Formel errechnet wie sonst nur beim Militär. Naturgemäß kommen diejenigen am besten mit den Bedingungen zurecht, die sie gewohnt sind - die Einheimischen. Der außerhalb Australiens unbekannte John Millman, der den 123 Plätze höher eingestuften Spanier Tommy Robredo überraschend besiegte, erklärte den Erfolg bei 42 Grad Celsius mit seiner Herkunft: „Wir spielen bei so einer Hitze, seit wir sechs sind.“ Millmans Landsmann Mario Matosevic meinte gar, er könne gar nicht genug Sonne bekommen. „Ich will Rekordtemperaturen, ich hoffe, das Thermometer steigt auf 50 Grad“, hatte der laut Weltrangliste beste Australier gesagt, ehe er - er hatte den Mund wohl etwas voll genommen - Bernard Tomic, ebenfalls Australier, unterlag.

„Meine Füße können brennen“

Besser als diejenigen, die sich in Sydney über die Plätze schleppten, hatten es die Stars, die direkt nach Melbourne gereist waren. Roger Federer, Andy Murray, Maria Scharapowa und Co. konnten sich bei angenehmen Temperaturen knapp jenseits der 20-Grad-Grenze auf den ersten Saisonhöhepunkt vorbereiten. Bis zum Beginn des ersten Grand-Slam-Turniers des Jahres soll es derart angenehm bleiben. Die prominente Melbourner Trainingsrunde wird nun erweitert um die frühere Weltranglistenersten Caroline Wozniacki, die in Sydney ein hitziges Duell gegen Swetlana Kusnezowa verlor und sogleich weiterreiste. Stets zum Scherzen aufgelegt, lächelte die Dänin über den Ernst der infernalischen Wetterlage hinweg: „So kann ich Körperbräune bekommen, und meine Füße können brennen.“

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