02.01.2006 · Das Abenteuer Volvo Ocean Race findet auch im Cyberspace statt. Im Bauch jeder Yacht bei dem Segelrennen rund um die Welt steckt ein Medien-Center. Wie im Big-Brother-Container zeichnen fest installierte Kameras alles auf.
Von Frank Neumann, KapstadtSeit mehr als dreißig Jahren ist Kapstadt traditioneller Etappenhafen des Volvo Ocean Race (früher Whitbread Race). Alle paar Jahre machen die High-Tech-Yachten der größten und härtesten Segelregatta der Welt hier Station auf dem Weg nach Australien. Eine Segelleidenschaft hat sich daraus am Kap nicht entwickelt. Weder auf dem traumhaft schönen Hügel der Reichen und Weißen unterhalb des Tafelberges und schon gar nicht in den endlosen Slums in der Ebene hat man das Segelereignis so richtig zur Kenntnis genommen.
Selbst an der Victoria & Alfred Waterfront, der schmucken Touristenmeile im Hafen, wo die Boote bis zum Start der zweiten Etappe am 2. Januar festgemacht haben, ist wenig von dem Hype mitzubekommen. Das ist verwunderlich, steht doch hinter dem Volvo Ocean Race die nach dem America's Cup größte Promotionmaschine des Segelsports. Aber die Macher und Sponsoren denken in anderen Kategorien: kaum lokal, eher global. Und haben dabei das Internet für sich entdeckt. Das Abenteuer des Hochseesegelns findet zunehmend im Cyberspace statt.
Das Drama im Wohnzimmer
Zwar hat man für die neunte Auflage der weltumspannenden Regatta sogenannte In-Port-Races, Hafenregatten, erfunden, die die lokalen Zuschauer und Medien begeistern sollen. Vierzigtausend Menschen haben sich vor der ersten Etappe in Spanien das Spektakel angesehen, rund 25.000 Zuschauer sollen es in Kapstadt gewesen sein. Doch für die PR-Strategen sind das nur Randereignisse. Jeweils zwischen zehn und zwanzig Millionen Euro investieren Firmen wie die Mobilfunkkonzerne Ericsson und Movistar, der amerikanische Unterhaltungsmulti Disney oder die niederländische Bank ABN Amro in eine Kampagne. "Dafür wollen sie natürlich ein Return-on-Investment", sagt Cameron Kelleher, PR-Direktor des Volvo Ocean Race. Und das, da ist er sicher, kann er ihnen auch bieten.
Menschen, Technologie und Natur: Das sind die drei Themen, über die sich Sponsoren präsentieren können. "Wir versuchen, das Drama, die Action, die Personen und die großartige Technik des Volvo Ocean Race bis in die Wohnzimmer der Menschen zu transportieren", sagt Kelleher. Das funktioniert am einfachsten übers Internet. Und offenbar mit wachsendem Erfolg. Seit dem Start Ende Oktober hat die Internetseite www.volvooceanrace.org mehr als eine Million verschiedene Besucher verzeichnet. "Unser Ziel sind drei Millionen Menschen bis zum Ende des Rennens im Juni 2006." Damit, so Kelleher, liege man über den Erwartungen. Im Vergleich zum vergangenen Volvo Ocean Race 2001/2002 sei das ein Zuwachs von fast dreißig Prozent.
Ein schwimmender Big-Brother-Container
Die Entwicklung ist eigentlich logisch. Das Spielfeld des Volvo Ocean Race sind die Weiten der Ozeane, die Strecke, die die Boote zurücklegen, beträgt 32.500 Seemeilen. Dort gibt es keine Tribünen oder Kamerateams. Der Weg ins Netz bringt also nicht nur den Sponsoren, sondern auch den Segelfans Vorteile. Während in den Anfangstagen des Whitbread-Race noch nicht einmal die Segler auf hoher See immer so genau wußten, wo sie sich gerade befanden - geschweige denn die Fans auf dem Festland -, hat die Entwicklung der Kommunikationstechnologie es möglich gemacht, den Segelprofis nun quasi bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Im Zehn-Minuten-Takt sammelt die Rennzentrale in Southampton rund um die Uhr alle verfügbaren Daten von den Booten: Kurs, Geschwindigkeit, Windrichtung, Wellenhöhe und so weiter. Von dort werden die Daten ins Internet gespeist, wo sie jeder Nutzer abfragen kann. Mit dem kostenlos herunterladbaren Programm "Virtual Spectator" wird daraus auf dem heimischen Computerschirm sogar eine dreidimensionale Grafikanimation.
Damit die Informationen fließen, haben auch die Segler alle Hände voll zu tun. Acht Kameras sind an Bord der Yachten fest installiert und zeichnen ununterbrochen alles auf. Das hat den Booten den Ruf eingebracht, schwimmende Big-Brother-Container zu sein. Ganz so schlimm ist es nicht, weil die Segler selbst entscheiden, was sie zur Veröffentlichung freigeben. Der Aufwand ist immens groß. Um eine Minute brauchbares Filmmaterial zu erstellen, braucht man an Bord ungefähr eine Stunde. Jede Crew ist verpflichtet, bei einer dreiwöchigen Etappe 50 Minuten Videomaterial zu liefern. Um das zu gewährleisten, verfügen die Boote über voll ausgestattete Medien-Center mit Computer, Schneideplatz und einer Satellitenanlage, über die die Daten übertragen werden können. Hinzu kommen eine festgelegte Anzahl an Fotos und E-Mail-Tagebücher, die täglich an die Rennzentrale geschickt werden müssen. "Wir haben die Jungs vorher intensiv trainiert, damit sie mit der Technik umgehen können und auch gute Inhalte liefern", sagt Kelleher.
So sollen aus Segelprofis jetzt auch noch Medienprofis werden, was manchem sogar recht gut gelingt. "Wir sind erst am Anfang dieser Entwicklung", glaubt Kelleher. Neuerdings kann man sich, gegen Entgelt, die neuesten Nachrichten, Fotos und sogar Videos auf sein Handy übertragen lassen. Schließlich will der Mobilfunkhersteller Ericsson zeigen, daß sein Team mehr kann als segeln.