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Volvo Ocean Race Wahnsinn unter Segeln

11.11.2005 ·  Das Volvo Ocean Race ist eine gnadenlose Hatz über die Weltmeere - Eisberge und Mastbrüche inklusive. Tony Kolb ist schon zum zweiten Mal als einziger Deutscher beim „härtesten Segelrennen um die Welt“ mit dabei.

Von Frank Neumann, Vigo
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Es gibt gute Gründe, nicht am Volvo Ocean Race teilzunehmen, und Neal McDonald kennt sie alle. "Also zum Beispiel", sagt der Skipper des schwedischen Ericsson Racing Teams, "muß man grundsätzlich dann pinkeln, wenn man sich gerade in den Schlafsack gelegt hat. Dann macht das Segelboot eine Wende, du mußt noch mal raus, wuchtest anderthalb Tonnen Proviant und Material von einer Seite auf die andere. Dann kommt eine Welle reingeschwappt und dein Schlafsack ist naß. Kaum hast du es geschafft, wieder einzuschlafen, rufen sie dich zum Segelwechsel nach oben. Und schon bist du wieder mit der nächsten Wache dran."

Auch Tony Kolb kennt sich mit solchen Unannehmlichkeiten bestens aus: mit Schlaflosigkeit, meterhohen Wellen, Eisbergen, Stürmen, beißender Kälte im Südpolarmeer und sengender Hitze vor Brasilien. Wie es ist, sich mit drei anderen einen Schlafsack im Schichtwechsel zu teilen und drei Wochen in derselben Unterhose zu leben. "Doch irgendwie", sagt er, "erinnert man sich nur an die schönen Seiten. Hochseesegeln ist einfach mein Ding."

Neun Etappen über 31.250 Seemeilen

Der 29jährige Profisegler ist schon zum zweiten Mal als einziger Deutscher beim "härtesten Segelrennen um die Welt" mit dabei. Bei der achten Auflage der bis 1997 als "Whitbread-Race" bekannten Regatta gewann er 2001 mit der deutschen "illbruck". Diesmal ist er Vorschiffsmann der schwedischen Kampagne, die am 12. November vom nordspanischen Vigo an der Atlantikküste in Richtung Kapstadt in See sticht. Das am vergangenen Wochenende ausgetragene sogenannte "In Port Race" im benachbarten Sanxenxo war eine von sieben Tageswettfahrten in den Etappenhäfen, die sich die Organisatoren als zusätzliches Medienspektakel ausgedacht haben. Ein Fünftel aller Punkte können bei diesen Flottenregatten eingefahren werden, von denen die Schweden die erste gewannen.

Volvo Ocean Race: Wahnsinn unter Segeln

Die wahre Herausforderung aber ist die Weltumrundung. Insgesamt neun Etappen über 31.250 Seemeilen (57.875 Kilometer) liegen vor den Crews, die am 17. Juni 2006 im Zielhafen Göteborg erwartet werden. Angesichts der immensen Kosten ist die Flotte der Weltumrunder mit sieben Booten so klein wie nie zuvor. Auch eine Frauencrew ist diesmal nicht zustande gekommen.

Gnadenlose Hatz über die Weltmeere

Eigentlich steht Kolb beim amerikanischen Segelsyndikat BMW Oracle Racing unter Vertrag, wo man ihn für den 2007 vor Valencia stattfindenden America's Cup, den anderen großen Segelwettbewerb der High-Tech-Yachten, engagiert hat. "Das eine ist die Formel 1 des Segelns, das Volvo Ocean Race ist unsere Art der Rallye Paris-Dakar", beschreibt Kolb die grundlegend verschiedenen Segelwettbewerbe. Im Wintertraining für den America's Cup hätte er ein vergleichsweise angenehmes Leben gehabt, doch er hat sich für neun Monate freistellen lassen. Tony Kolb hat wieder die Abenteuerlust gepackt auf die gnadenlose Hatz über die Weltmeere.

Das 1973 von der britischen Marine und der Whitbread-Brauerei initiierte Segelrennen ist trotz revolutionärer Veränderungen in Bootsbau, Sicherheit und Satellitenkommunikation immer noch eine Weltumrundung, die Crew und Boot an die Grenzen führen - und manchmal darüber hinaus. Schon lange hat es keine Toten mehr zu beklagen gegeben wie bei der Premiere, die drei Menschenleben forderte. "Aber man vergißt allzuleicht, wie gefährlich es ist", sagt Skipper McDonald. Dem Wahnsinn unter Segeln etwas abzugewinnen, braucht es schon gestandene Seeleute, von denen viele nach den üblen Strapazen freilich schon geschworen haben, daß es ihre letzte Weltumrundung gewesen sei.

„Das Boot ist ein Biest“

Erleichtert wird den Teams die Arbeit auf See durch die neuen Regeln auch nicht. Die Crewstärke wurde von zwölf auf zehn Mann reduziert. Und das auf den neuen Booten der sogenannten "Volvo Open 70"-Klasse. Die von Grund auf neu konstruierten Kohlefasergeschosse sind mit 21,5 Metern 2,50 Meter länger und eine Tonne leichter als ihre Vorgänger. Die Fläche des Großsegels wurde um fast 30 Prozent vergrößert. Zudem verfügen alle Yachten über einen schwenkbaren Kiel, der höhere Stabilität verleiht und damit mehr Geschwindigkeit bringt.

"Das Boot ist ein Biest", sagt McDonald, "es ist, als hätten sie in die alten Boote einen Turbo eingebaut." Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei ungefähr 35 Knoten (rund 65 Kilometer pro Stunde), wenn die Boote eine Welle hinuntersurfen auch wesentlich höher. Im Schnitt erwarten die Segler Geschwindigkeiten von 22 bis 24 Knoten. "Das mit zehn Mann zu segeln ist eine echte Herausforderung, von der noch keiner weiß, wie wir sie bewältigen sollen. Eigentlich braucht man zwölf Leute, optimal wären vierzehn", sagt Kolb.

Das bedeutet mehr Arbeit und weniger Schlaf. Und zwar für alle, egal ob man einfaches Crewmitglied ist, das einige tausend Dollar verdient, oder als Top-Skipper für Millionen angeheuert hat. "Es gibt festgelegte Rollen an Bord, aber im Grunde muß jeder alles machen und beherrschen", sagt Kolb. Der Kick, im Grenzbereich über die Weltmeere zu segeln, ist die Gefahrenzulage; Eisberge und Mastbrüche inklusive. "Bist du am falschen Ort zur falschen Zeit, bist du vielleicht tot. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken", sagt Kolb. "Denn wenn du mit 20 Knoten bei strahlender Sonne durch den Souther Ocean segelst, ist es das Schönste, was es gibt."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.11.2005, Nr. 44 / Seite 22
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