Home
http://www.faz.net/-gub-11fff
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Volvo Ocean Race Lieber Eisberge als Piraten

 ·  Der Tross der Weltumsegler muss sich beim Volvo Ocean Race mit teilweise ungewohnten Bedrohungen auseinandersetzen. Doch die durchtrainierten Segler sind zuversichtlich, dass die Piraten sie von Familienausflüglern unterscheiden können.

Artikel Bilder (7) Video (1) Lesermeinungen (0)

Die Reporter einer lokalen Zeitung haben dieser Tage überprüft, ob der Tross der Weltumsegler, der gerade an der südwestindischen Küste Halt macht, ausreichend gesichert ist gegen einen Terrorüberfall. Es ist derzeit bei den indischen Medien angesagt, die Sicherheitsmaßnahmen auf öffentlichen Plätzen, Flughäfen, Bahnhöfen, Märkten oder auch rund um Sportveranstaltungen an den Versprechungen der Politiker und Polizeiverantwortlichen zu messen.

Meistens führen die Recherchen zu katastrophal schlechten Ergebnissen. So war auch größte Überredungskunst nötig bei den englischen Cricketspielern, in das Land zurückzukehren, welches sie nach der blutigen Terroristenattacke auf Bombay verlassen hatten, um die mehrwöchige Spielserie gegen das indische Team jetzt doch fortzusetzen.

„Können wir nicht die Eisberge zurückhaben?“

Rund um die provisorische Segelbasis des Volvo Ocean Race in Kochi haben Polizeikräfte mit Schnellfeuergewehren Stellung bezogen. Wer rein will, muss eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen und seine Taschen öffnen. An der Mole haben einige Schnellboote der Marine festgemacht. Die vielen neugierigen Flaneure, die jeden Tag an den aufgebockten Rennyachten vorbeischlendern und auf der Veranstaltungsmeile Vergnügung suchen, können die allgemeine Furcht vor einem gefährlichen Zwischenfall nicht verdecken.

Dieser Sport, der vor allem für den Kampf gegen die Naturgewalten steht, muss sich mit ungewohnten Bedrohungen auseinandersetzen. „Können wir nicht die Eisberge zurückhaben?“, scherzte unlängst der Skipper von der „Telefonica Blue“, Bouwe Bekking. Während die Segler nun wenigstens die beunruhigenden Terrorwarnungen in Indien mit dem Start am kommenden Samstag zur nächsten Etappe hinter sich lassen können, bleibt ihnen ein anderes mulmiges Gefühl erhalten. Statt der ungemütlich eisigen Welt nahe dem Südpolarmeer trotzen zu müssen wie sonst in den vergangenen Jahren, können auf dem neuen Kurs durch Asien Übergriffe auf offener See zu einer reellen Gefahr für die Crews werden.

Angst vor Piraten

Für die Berufsschifffahrt sind Piraten längst der Schrecken der Meere, die Tanker-Entführung vor der Küste Somalias hat das Problem zuletzt einer Weltöffentlichkeit auf dramatische Weise vor Augen geführt. Immer öfter werden Schiffe gekapert, brutal überfallen, die Gewalt auf dem Wasser steigt unterschiedlich von Region zu Region. „Mit solchen Problemen mussten wir uns bisher nicht befassen. Deshalb sollten wir gut vorbereitet sein“, sagt Ken Read, Skipper von der „Il Mostro“. Die Yacht liegt derzeit auf Rang drei hinter der führenden „Ericsson 4“ mit Skipper Torben Grael und Bekkings „Telefonica Blue“. Wie riesige Litfasssäulen, bedruckt mit den Logos von Weltkonzernen, ziehen die High-Tech-Yachten zur See viel Aufmerksamkeit auf sich – hoffentlich keine unerwünschte.

Die Organisatoren haben auf die Gefahr reagiert. Alle acht Mannschaften erhielten von einem erfahrenen Spezialisten eine Einweisung und einen dreißigseitigen Report, in dem Gefahrenzonen und Abwehrstrategien gegen Piraten aufgeführt werden. Höchste Aufmerksamkeit, so Graeme Gibbon Brooks von der Firma Dryad Maritime, ist auf den nächsten zwei Abschnitten gefordert, wenn zuerst Singapur und danach der nordchinesische Olympiasegelhafen Qingdao angesteuert werden.

Heikle Straße von Malakka

Ganz unterschiedlich sind die Gefahren: Auf der ersten Teilstrecke von Kochi aus wird zuerst vorbeigesegelt an Sri Lanka, wo Tamilen-Rebellen den Bürgerkrieg mit Terrorschlägen auf die See hinausgetragen haben. In weniger als zwei Jahren wurden rund um die Insel fünf schwerwiegende Zwischenfälle mit ausländischen Segelyachten oder größeren Schiffen registriert – davon zwei versuchte Selbstmordattentate. Die heikelste Passage der dritten Etappe verläuft durch die Straße von Malakka, dem Nadelöhr zwischen Sumatra und der Malaiischen Halbinsel. Auf einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt, die an ihrer engsten Stellen gerade 1,7 Seemeilen breit ist und einen legendär schlechten Ruf hat, treiben Banditen mit schnellen kleinen Booten vor allem von der indonesischen Seite aus ihr Unwesen.

Banden und Menschenhändler kreuzen auch auf dem Weg nach China durch das Südchinesische Meer und machen es für das Ocean Race nicht zu einer sicheren Segelarena; hinzu kommt die Kollisionsgefahr in der Nacht durch unbeleuchtete Fischerboote. Unter den Teilnehmern existiert fast keine Erfahrung mit Gefahren dieser Art. Roger Nilson, Navigator auf der „Telefonica Black“, berichtet, wie er einmal mit seiner Crew vor mehr als 25 Jahren in der Karibik Piraten mit selbstgebastelten Molotowcocktails vertrieb. Einer der erfolgreichsten Weltumsegler, der Neuseeländer Sir Peter Blake, wurde vor sieben Jahren auf einer Privatexkursion auf dem Amazonas von Gangstern auf seinem Boot erschossen. „Die Jungs an Bord müssen achtsam sein“, sagt Renndirektor Jack Lloyd.

Keine Waffen an Bord

Das Lagezentrum im südenglischen Southampton überwacht rund um die Uhr die kleine Regattaflotte. Über Satellit besteht permanenter Kontakt auf die Boote, alle drei Stunden werden deren Positionen an eine in Dubai ansässige britische Schifffahrtsorganisation gemeldet, die diese ihrerseits an Kriegsschiffe in der jeweiligen Region weitergeben. In ihrem „Anti-Piracy-Plan“ raten die Spezialisten den Seglern, im schlimmsten Fall den Angreifern nicht als „Helden“ entgegenzutreten, sondern sich vorsichtig zu arrangieren. Es ginge vor allem darum, verdächtige Boote frühzeitig zu erkennen und mit raschen Manövern zu entfliehen.

Waffen führen die Crews nicht mit, wie die Organisatoren betonen. Der eine oder andere Segler hofft dann doch, dass sich im Ernstfall die Piraten alleine von den Muskelmännern auf den rasanten Yachten abschrecken lassen. „Wenn wir alle elf Mann an Deck stehen, denken die nicht mehr, Vati und Mutti machen hier eine gemütliche Überfahrt und sind leichte Opfer“, sagt Michael Müller. Mit seinen bald 1,90 Meter, fast 100 Kilogramm und dem wilden Zopf sieht der Kieler Segler von der „Il Mostro“ fast selbst aus wie ein Pirat – allerdings wie einer aus Hollywood.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Nur eine Parkposition?

Von Peter Heß

Robin Dutt hat Lob und Anerkennung für seine Arbeit als Sportdirektor beim DFB bekommen. Doch nach nur neun Monaten zieht es ihn wieder in die Bundesliga. Das stellt den Verband vor ein Problem. Mehr 2

Ergebnisse, Tabellen und Statistik