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Volvo Ocean Race Gehetzt vom Windhund des Ozeans

04.10.2008 ·  An diesem Samstag geht es im spanischen Alicante wieder los: Beim Volvo Ocean Race, der Weltumsegelung über mehr als 37.000 Seemeilen, kämpfen die Crews nicht nur gegen Wind und Wellen, sondern auch um das nackte Überleben.

Von Evi Simeoni, Alicante
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Die Segler unter Deck nahmen zuerst eine starke Verlangsamung wahr. Dann kam ein großer Wasserschwall. Als die Welle vorüber war, hörten alle, wie vorne der Spinnaker laut flatterte, die Takelung und das ganze Boot wurden unkontrollierbar geschüttelt. Der Wind verstärkte sich zu einem brüllenden Stampfen. Eines der Crew-Mitglieder versuchte daraufhin, den Spinnaker, das riesige Vorsegel, heranzuholen. Das war der Moment, in dem allen klar wurde, dass da vorne niemand mehr war. Zuständig für den Spinnaker war der 32 Jahre alte Niederländer Hans Horrevoets gewesen. Er war fort (siehe auch: Volvo Ocean Race: Niederländischer Segler ertrinkt im Atlantik).

Der name „Hans“ wird häufig ausgesprochen in diesen Tagen am Yachthafen von Alicante. Dort machten sich acht Mannschaften in den vergangenen Wochen bereit für eines der spektakulärsten Abenteuer, die es auf dieser Welt zu bestehen gibt: Das Volvo Ocean Race, die Weltumsegelung über 37.000 Seemeilen auf den wildesten High-Tech-Maschinen, die dieser Sport hervorgebracht hat. „Da kann man Dinge erleben, die einem jedes Haar einzeln ausfallen lassen“, sagt Ken Read, Skipper der „Il Mostro“. Sein schlimmstes Erlebnis: Hans' Tod vor zweieinhalb Jahren, bei der letzten Auflage der legendären Regatta.

„Vollständigkeit ist weitaus wichtiger, als zu gewinnen“

Es geschah auf dem Weg nach Portsmouth. Read war Steuermann einer anderen Yacht – aber was in jener Mai-Nacht 2006 im Nordatlantik auf der ABN-Amro geschah, beschäftigt die Szene auch heute noch so heftig wie einst der drohende Klabautermann. „Mein wichtigstes Ziel ist es, mit der gleichen Zahl von Crew-Mitgliedern anzukommen, mit der ich gestartet bin“, sagt der Amerikaner aus Newport. „Das ist weitaus wichtiger, als zu gewinnen.“ Hans, so heißt es, habe in der nächsten Minute unter Deck gehen wollen, um das Harness, das Geschirr mit Sicherheitsleine, anzulegen, das alle anderen schon trugen.

Volvo Ocean Race: Gehetzt vom Windhund des Ozeans

Was sie tun auf dieser neunmonatigen Extremtour, sagen sie, sei so gefährlich wie die Besteigung eines Achttausenders. Gleichzeitig gibt es in der Welt des Segelns Tausende von Extremtypen, die viel darum gäben, wenn sie auf einem der hochgezüchteten Windhunde des Ozeans anheuern könnten. 400 Bewerbungen erhielt Ken Read, als er im vergangenen Jahr nach seiner Mannschaft suchte.

Regatta beginnt publikumswirksam in Alicantes Hafen

Die Leute, die er fand, haben so klangvolle Biographien wie einst die Westernhelden: eine Latte von Teilnahmen am America's Cup, am Volvo Ocean Race, das einst Whitbread-Race hieß, und bei Olympia. Der 25 Jahre alte Kieler Michael Müller hat zwar auch schon eine America's-Cup-Teilnahme hinter sich – 2007 mit dem Team Germany. Der Grund für sein Engagement ist allerdings ein anderer: Eine Regel besagt, dass zwei der elf Mitglieder einer Crew unter dreißig sein müssen. Der 41 Jahre alte Jochen Wolfram aus Damme vom Team Russia ist der zweite Deutsche im Rennen.

Die „Il Mostro“, vom Sportartikelhersteller Puma finanziert, um eine neue Lifestyle-Kollektion zu positionieren (siehe auch: Puma mit eigenem Boot beim Volvo Ocean Race), gehört zu den vielversprechenden Teilnehmern. Favorisiert sind die Unternehmen, die zwei Boote an den Start bringen können wie Telefonica (Spanien) und Ericsson (Schweden). Obwohl: Kurz vor den beiden Hafenrennen vor Alicante, mit denen die Regatta an diesem Samstag publikumswirksam beginnt, hat die Jury einem der beiden Ericsson-Boote bereits viel Wind aus den Segeln genommen.

„Eine solch schwere Strafe hat es noch nie gegeben“

Wegen eines nicht vorschriftsmäßig gebauten Kiels sollen ihm auf jeder Etappe zwei Wertungspunkte abgezogen werden. Noch kämpfen die Schweden, in deren Kiel unerlaubte Hohlräume nachgewiesen wurden, die etwa 625 Gramm entsprechen, um ihre Rehabilitation. „Eine solch schwere Strafe hat es noch nie bei diesem Rennen gegeben“, beschwert sich Manager Richard Brisius. Der Sieger einer der zehn Etappen erhält jeweils acht Punkte.

Es wird also langsam ungemütlich rings um Volvo Village, das vorläufige Hauptquartier des Rennens in Alicante. Noch allerdings schlafen die Segler in richtigen Betten und tragen saubere Kleider. Ihre letzte Dusche für lange Zeit werden sie sich wohl erst am 11. Oktober gönnen. Dann bricht die Flotte auf zur ersten Etappe Richtung Kapstadt. Mit winzig kleinen Taschen gehen die Segler an Bord, in denen sich kaum mehr als zwei Pullover und ein bisschen Unterwäsche befinden.

„Ich möchte an keinem anderen Ort sein als hier“

„Die Verhältnisse auf dem Boot“, sagt Read, „ähneln einem Gefangenenlager.“ Ein Blick unter Deck bestätigt ihn. Dort ist es eng, düster und karg. In herunterklappbaren Netzen werden die Segler schlafen – allerdings nur etwa drei Stunden am Stück. Sie werden viele Tage lang nass sein. Handtücher hat niemand dabei, weil sie niemals trocken würden. Es gibt nichts Privates mehr auf einem solchen Schiff. Um Gewicht einzusparen, brechen manche Segler sogar die Stiele von ihren Zahnbürsten ab.

Es wird tropisch heiß sein da draußen und eiskalt. Es wird Momente geben, an denen die Segler von Salz verkrustet über das Deck wanken und mühsam versuchen werden, nicht die Kontrolle zu verlieren. Und dann werden sie halb verrückt in den Schlafsack kriechen, der vom Vorbenutzer noch warm ist. „Manchmal allerdings gibt es Momente“, sagt Read, „da wacht man auf und weiß: Ich möchte an keinem anderen Ort sein als hier. Dafür bin ich geboren.“

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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