Home
http://www.faz.net/-gub-10mvl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Volvo Ocean Race „Der Ozean da draußen ist wütend“

18.10.2008 ·  Ken Read ist einer der profiliertesten Segler der Welt. Derzeit bestreitet der 47 Jahre alte Skipper aus Amerika auf der „Il Mostro“ den Hochsee-Teil des Ocean Race. Im FAZ.NET-Gespräch erzählt Read von der Wut des Ozeans und der Angst vor Piraten.

Artikel Bilder (7) Video (2) Lesermeinungen (0)

Ken Read ist einer der profiliertesten Segler der Welt. Am Samstag startete der 47 Jahre alte Skipper aus den Vereinigten Staaten mit seiner Crew auf der "Il Mostro" ("Das Monster") zum Hochsee-Teil des Ocean Race.

Von Alicante aus geht es auf der ersten Etappe nach Kapstadt. Das Rennen ist eine Herausforderung für Mensch und Material. Es dauert insgesamt neun Monate; 37.000 Seemeilen sind zurückzulegen. Gefahren und Risiken lauern überall.

Im FAZ.NET-Gespräch erzählt Read von den schönen und den schlimmen Tagen auf hoher See, von der Wut des Ozeans und der Angst vor Piraten.

Jede der acht Yachten beim Volvo Ocean Race nimmt eine Medienperson an Bord. Könnten Sie mich nicht mitnehmen?

Seien Sie vorsichtig mit Ihren Wünschen. Diese Boote sind Tiere. Die Lebensbedingungen sind manchmal unvorstellbar schlecht. Sie würden sich wie im Gefangenenlager vorkommen, nicht wie im Hotel. Die Nässe, die Kälte, man ist vom Salz verkrustet, sie haben zwei Tage lang nicht geschlafen, es ist stürmisch, sie sind kurz davor, die Kontrolle zu verlieren. Es gibt Zeiten im Hochseesegeln, an denen sie sich umsehen und sagen: Ich will an keinem anderen Ort der Welt sein. Hierfür bin ich geboren. In anderen Momenten müssen sie sich sagen: Dies ist die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Es gibt radikale Hochs und Tiefs in unserem Leben. Die Tiefs sind so extrem, dass sie sich fragen: Wieso mache ich das? Es ist doch völlig verrückt. Geisteskrank.

Beschreiben Sie solche Tage.

Dann ist das Meer wütend. Und das Wetter sagt, heute ist es Zeit, dich fertigzumachen. Es ist unglaublich harte Arbeit. Das können nicht viele Menschen machen. Es ist, als würde man einen Achttausender besteigen. Wenn du dort oben Probleme bekommst, kann dich keiner retten. Du musst dir selbst helfen. Das verlangt viel Mut, viel Nachdenken, viel Erfahrung und ein bisschen Glück.

Warum machen Sie das also? Sie sind 47 Jahre alt und sollten langsam vernünftig geworden sein.

Dies ist ein Traumprojekt für mich, auf das ich sehr lange gewartet habe. Ich habe an mehreren America's Cups teilgenommen und auch an Teilen des Volvo-Rennens, ich habe fast jedes große Segelunternehmen bestritten, das es gibt. Aber ich habe bisher nie selbst ein solches Programm gestaltet, wie ich das nun für unseren Auftraggeber Puma machen kann. Es geht darum, dass ich am Ende in den Spiegel schaue und sagen kann, dass ich es gut gemacht habe - oder ich habe es vermasselt. Ich habe die Entscheidungen getroffen, die Leute ausgesucht, die wir angeheuert haben, und den Bootskonstrukteur beauftragt.

Ihr Boot ist eine Hightech-Maschine. Führt Sie das nicht allzu weit weg von der Natur des Segelns?

Nein, das macht es interessant. Es ist, als würde man ein Formel-1- Auto fahren. Die acht Boote, die in diesem Rennen starten, gehören zum obersten halben Prozent aller Hightech-Yachten. Sie sind nur für einen Zweck gebaut: schnell zu sein. Geschwindigkeit bedeutet aber Leichtigkeit. Das wiederum bedeutet Zerbrechlichkeit. Man muss so schnell und so leicht wie möglich sein, ohne dass das Boot zerbricht. Der Sieger dieses Rennens wird die richtige Balance gefunden haben.

Als Sie nach Ihrer Mannschaft gesucht haben, bekamen Sie 400 Bewerbungen. Wie haben Sie Ihre Leute ausgesucht?

Ich hätte zehn großartige Mannschaften zusammenstellen können. Dies ist das All-Star-Team. Den größten Wert habe ich auf Erfahrung gelegt.

Ist es dann überhaupt eine gute Regel, dass zu jeder elfköpfigen Crew zwei Segler gehören müssen, die jünger als dreißig sind?

Unser Sport neigt ein bisschen dazu, ein Altherrenklub zu werden. Man macht sich viele Freunde im eigenen Alter. Aber der Sport muss die nächste Generation heranziehen. Der Deutsche Michi Müller zum Beispiel ist ein gutes Beispiel. Er wäre ohne diese Regel nicht dabei. Und es zeigt sich, dass er einer der besten Segler auf dem Boot ist.

Wovor fürchten Sie sich am meisten?

Die Sicherheitsfrage verursacht bei mir die größte Furcht. Ich habe ein Poster gemacht, das in unseren Containern, im Büro, an allen unseren Arbeitsplätzen hängt. Darauf steht eine Liste. Die Prioritäten von Puma-Ocean-Racing. Nummer eins ist: Das Rennen mit der gleichen Anzahl von Leuten zu beenden, mit denen man gestartet ist. Im letzten Rennen ging ein Leben verloren. Der Ozean da draußen ist wütend.

Warum ist der Ozean wütend auf Sie?

Wenn der Ozean dich packen und hineinziehen und durchschütteln und dich hinabwerfen will, dann wird er es tun. Man muss sich positionieren an diesem wütenden Platz, zwischen Überleben und Gewinnen. Diesen Grat muss man erwischen. Die Frage lautet: Wie weit kann ich in einen Sturm hineinsegeln, damit er mich schnell macht, ich aber auf der anderen Seite wieder herauskomme?

Was war Ihre schlimmste Erfahrung?

Auf dem Meer können sie Dinge erleben, die ihnen jedes Haar einzeln ausfallen lassen. Das Schlimmste aber war der Tod eines Seglers beim letzten Ocean Race. Auf dieser Etappe im Nordatlantik gab es zwei riesige Stürme. Ich war noch nie bei einem Rennen dabei, wo ein Leben verlorenging.

Was denken Sie über Leute, die aufgeben?

Dafür kann es viele Gründe geben. Wir hatten eine Sicherheitsübung, bei der man uns sagte, dass es Menschen gibt, die einfach abschalten, wenn es darum geht, um das eigene Leben zu kämpfen. Ihr Gehirn sagt ihnen, entziehe dich der Situation, anstatt weiterzukämpfen. Ich glaube, ich habe nicht das Recht zu sagen, ob das richtig oder falsch ist. Ich weiß nur, dass es Situationen in unserem Rennen geben kann, wo man den Wettkampf aufgeben und den Überlebenskampf beginnen muss.

Wie schaffen Sie es, Ihre Mannschaft neun Monate lang zusammenzuhalten, ohne dass die Leute sich angiften?

Wir sind ein multikulturelles Team. Das war meine Absicht. Wenn die Hälfte der Mannschaft aus einem bestimmten Land kommt, gibt es Cliquen. Meiner Meinung nach sollen Freundschaften auf dem Boot geschlossen werden, die dann für den Rest des Lebens halten.

Der Ton auf dem Boot hört sich sehr militärisch an. Ist das nötig?

Wie in jeder Mannschaft wird ein Kapitän gebraucht. Ein Befehl auf dem Boot ist ähnlich wie ein Befehl beim American Football. Jemand hebt seinen Finger, und jeder weiß: Spielzug Nummer eins. So ähnlich ist es zum Beispiel, wenn wir eine Wende fahren. Jeder weiß, was kommt, und kennt seinen Job und seine Position. Wenn diese Präzision fehlt, reißen die Segel, Leute gehen über Bord, Masten brechen.

Haben Sie Angst vor Seeräubern?

Die somalische Küste ist die gefährlichste Piratenzone. Es heißt, dass Piraten 350 bis 400 Meilen aufs Meer hinausfahren. Wir werden uns von dort fernhalten und weit draußen bleiben. Auf dem Weg zwischen Indien und Singapur, auf der schmalen Straße von Malacca, kann man nicht auf dem Meer draußen bleiben. Es könnte sein, dass wir dort vom Militär begleitet werden. Solange wir Wind haben, sind wir aber so schnell, dass es die Piraten schwerhaben dürften, uns einzuholen.

Das Gespräch führte Evi Simeoni.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Improvisieren unter Zeitdruck

Von Michael Ashelm

Die Nationalelf setzt darauf, dass die frustrierten Münchner ihr neuen Anschub geben. Über genug Turniererfahrung und Reife verfügen die Leistungsträger. Zudem ist es ja nicht so, als hätten die Gegner keine Sorgen. Mehr 1