08.02.2010 · Mehr Eigenverantwortung, mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheiten: Die Volleyballspielerin Angelina Grün wechselt von der Halle in den Sand, verbunden mit vielen Fragezeichen - und einer hohen Frustrationstoleranz.
Von Bernd SteinleMan sagt das ja oft so. Noch mal ganz neu anfangen, dem Leben eine neue Richtung geben, ein anderes Leben beginnen. Man tut das dann meist doch nicht, natürlich immer aus guten Gründen. Schon gar nicht, wenn man ein Leben geführt hat wie Angelina Grün. Jahrelang galt sie als beste Volleyballspielerin Deutschlands, sie war zweimal bei Olympia und dreimal bei der WM, sie war EM-Dritte und Champions-League-Siegerin, neunmal in Folge wurde sie zur „Volleyballerin des Jahres“ gewählt.
Zuletzt war das 2008. Denn im Frühjahr vergangenen Jahres machte Angelina Grün, für viele überraschend, Schluss mit dem Hallenvolleyball. Verzichtete auf die Vertragsverlängerung bei ihrem Klub Vakifbank Istanbul und ging zurück nach Deutschland. Um sich neu zu sortieren. Um eine neue Richtung zu finden.
Freunde, Familie, Partnerschaft
„Ich hatte ein schönes Jahr in der Türkei“, sagt Angelina Grün. Unzufriedenheit sei nicht der Grund gewesen für ihre Entscheidung. Aber: „Ich bin jetzt acht Jahre im Ausland gewesen, immer mit diesem Stempel ,Sportler' auf der Stirn. Du lernst immer nur Leute über den Sport kennen, für andere Seiten ist oft keine Zeit.“ Für Dinge wie Freunde, Familie, Partnerschaft. „Ich habe seit fünf Jahren eine Wohnung in Köln, aber ich habe nie richtig hier gelebt“, sagt sie.
Erst war da die lange Saison mit dem Verein, dann kam immer der Sommer mit der Nationalmannschaft, kamen Meisterschaften, Qualifikationen, Turniere. Immer wichtig und immer woanders. Ein echtes Zuhause aufzubauen war da unmöglich. Jetzt hat sie sich dieses Zuhause geschaffen. In Köln. Anfang Dezember feierte sie dort in einer Kneipe ihren 30. Geburtstag. „Zum ersten Mal seit acht Jahren war ich an meinem Geburtstag wieder in Deutschland“, sagt sie. Sie hat die Party genossen, auch wenn ein paar Leute fehlten, die sie gerne dabei gehabt hätte. Aber die konnten nicht. Sie sind im Ausland unter Vertrag.
Profiwelt mit finanzieller und sportlicher Sicherheit
Natürlich sei das Leben als Profi „ein Luxus“, sagt Angelina Grün. Die Reisen, die Emotionen, die intensiven Erlebnisse mit den Teamkollegen; die Tatsache, für etwas bezahlt zu werden, das einem sowieso Spaß macht. Ihren italienischen oder türkischen Mitspielerinnen sagte sie gern: „Ihr wisst gar nicht, was ihr für ein Glück habt.“ Das Glück, die Profiwelt zu Hause zu haben, nicht versuchen zu müssen, Kontakte und Freundschaften aus der Ferne aufrechtzuerhalten. Es ist ihr nicht leichtgefallen, diese attraktive und lukrative Welt zu verlassen.
Mit 21 war sie ins Ausland gegangen, danach ergab sich vieles von allein, öffneten sich Türen, zeichnete sich ein Weg ab, den sie wie selbstverständlich verfolgte. Die Profiwelt bot ihr finanzielle und sportliche Sicherheit, sie wusste, sie hat Erfolg in dieser Welt und sie würde ihn auch weiter haben. „Man weiß, was man auf dieser Seite hat. Ich hätte von meinem Namen profitieren können, die Früchte der vergangenen Jahre ernten können.“ Zumal sich ihr Klub alle Mühe gab, sie zu halten. „Aber die Zahlen sind das eine, was man fühlt, ist das andere“, sagt Angelina Grün. Sie fragte sich: Will ich das wirklich? Und zu welchem Preis? Sie wollte nicht. „Für mich gibt es nur ganz oder gar nicht. Also war klar: Ich lasse es ganz.“
Neuanfang - im Beachvolleyball
Sie zog nach Köln und genoss den Reiz der Normalität. Bekannte treffen, abends mit Freunden kochen, Spieleabende. „Das klingt vielleicht albern, aber das fehlte mir“, sagt Angelina Grün. Sie erkundete Köln mit dem Rad, lebte ihre Rolle als Patentante der kleinen Tochter ihres Bruders endlich aus. Konnte „Freundin, Schwester, Tochter sein“. Sie machte ein Praktikum im Marketing eines Sportartikelherstellers, begann Kontakte zu knüpfen, ein Netzwerk aufzubauen. Nun ist sie Botschafterin der Sportstiftung Nordrhein-Westfalen und des Volleyball-Pokalfinales im März in Halle.
Im September besuchte sie erstmals wieder ein Länderspiel der Nationalmannschaft in Dresden. Irgendwann war klar: Das Sportlerleben hatte für sie immer noch seinen Reiz. Aber: „Das ist endlich, ich kann ja nicht mit 40 noch mal zurückkommen.“ Die einfachste Lösung wäre die Rückkehr in die Halle gewesen, „aber da wäre ich wieder in mein altes Leben reingekommen“. Also fing sie eben neu an - im Beachvolleyball.
Abenteuer mit vielen Fragezeichen
Im September spielte sie bei einem Einladungsturnier erstmals mit Rieke Brink-Abeler, einer etablierten Größe in der Beach-Szene. Sie kannten sich aus der Halle, vom USC Münster, waren in der A-Jugend zusammen deutscher Meister und in der ersten Mannschaft Pokalsieger. „Wir haben gemerkt, wir sind auf einer guten Wellenlänge unterwegs“, sagt Angelina Grün.
Nach kurzer Bedenkzeit ließ sie sich auf das Abenteuer Beachvolleyball ein. Mit allen Fragezeichen, die es mit sich brachte: das andere Geläuf, das andere Spiel, die anderen Bewegungsabläufe, die fehlende Erfahrung bei Zuspiel, Wind und Hitze, die Unsicherheit hinsichtlich Erfolg, Preisgeld, Sponsoren. Aber es waren nicht zuletzt solche Fragezeichen, die sie suchte. Nun ist sie dabei, sich im neuen Element zurechtzufinden. „Das braucht Zeit und Geduld“, hat sie erfahren. Und eine hohe Frustrationstoleranz. „Aber ich habe versucht, mich nicht unter Druck zu setzen, jetzt gleich das Niveau aus der Halle erreichen zu müssen.“ Für konkrete Ziele im Beachvolleyball sei es noch zu früh.
Vor allem aber hat dieses Leben gegenüber dem geregelten, von Trainer und Verein vorgegebenen Dasein als Hallenspielerin einen Vorteil: mehr Eigenverantwortung. Mehr Selbstbestimmung. Mehr Freiheiten. Das kann anstrengend sein, Angelina Grün aber findet es „eher schön als belastend“. Weil mehr Zeit bleibt für anderes im Leben und weil zurzeit „jede Woche anders ist“. Und die Halle? Ist die Tür da endgültig zu? So würde Angelina Grün das nicht sehen. Nicht nach diesen vergangenen Monaten. Sie sagt lieber: „Alles ist möglich.“