31.10.2011 · An diesem Freitag beginnt für die deutschen Volleyballerinnen der World Cup in Japan und damit die Qualifikation für Olympia. Trainer Giovanni Guidetti im Gespräch über Teamgeist, Training und den Klang der Bälle.
Platz zwei in Serbien war das beste EM-Ergebnis einer deutschen Mannschaft seit der Wiedervereinigung. Was zeichnet Ihr Team aus?
Unsere Hauptstärke ist der Teamgeist. Wir treten wirklich wie eine Mannschaft auf, und wir haben alle ein großes gemeinsames Ziel: die Olympischen Spiele in London. Natürlich haben wir auch spielerische Stärken wie eine gute Organisation von Block und Abwehr, einen sehr guten Aufschlag und das schnelle Spiel. Aber unsere Haupt-Kraft ist der Teamgeist.
Ist die aktuelle Nationalmannschaft die beste, die Sie je trainiert haben?
Wir können sagen, und darauf bin ich sehr stolz, dass unsere Mannschaft jedes Jahr einen Schritt nach vorne gemacht hat. Bei den Europameisterschaften waren wir Sechster, Vierter und jetzt Zweiter, bei der WM steigerten wir uns vom elften auf den siebten Platz. Wir verbessern uns von Jahr zu Jahr.
Sie trainieren die Mannschaft seit mehr als fünf Jahren. Wie gelingt es Ihnen, die Motivation in der Mannschaft hochzuhalten?
Wir sind wie ein Auto, das kein Benzin braucht. Ich motiviere die Spielerinnen, die Spielerinnen motivieren mich. Mehr brauchen wir nicht. Wir müssen nur alle zusammen sein, die Trainer und die Mannschaft, dann kommt die Motivation von ganz alleine.
Erlebt man das Team auf dem Feld, hat man den Eindruck, die Atmosphäre stimmt - anders als zuletzt bei den Männern, wo es an der Kommunikation mangelte. Worauf kommt es an, um eine so positive Atmosphäre zu schaffen?
Ich kann nichts über das Männer-Team sagen, weil ich leider kein Spiel von ihm sehen konnte. Ich weiß nur, dass es in Raul Lozano einen sehr guten Trainer hat und sehr gute Spieler, die schnell den besten Weg finden werden, um wieder gut Volleyball zu spielen. In meiner Mannschaft war die Kommunikation nie ein Problem. Ich bin eine sehr offene Person, vom ersten Tag an war die Regel, Dinge klar anzusprechen, egal was passiert. Ich erläutere den Spielerinnen immer meine Entscheidungen, manchmal hatten wir auch Auseinandersetzungen, aber immer auf offene, ehrliche Weise. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Trainerteam. Ich habe in Felix Koslowski, Jan Lindenmair und Alessandro Beltrami drei großartige Co-Trainer, dazu kommt im Trainingslager Jil Cutino. Zudem haben wir in Christian Fust einen sehr guten Mentaltrainer und eine hervorragende medizinische Abteilung. Wir sind alle fast im gleichen Alter, wir sind alle extrem motiviert, wir sind alle gute Freunde. Ich glaube, dass sich diese Atmosphäre im Trainerteam auf die Atmosphäre zwischen den Spielerinnen überträgt.
Viele Ihrer zentralen Spielerinnen sind seit Jahren dabei: Christiane Fürst, Margareta Kozuch, Kathleen Weiß und andere. Wie wichtig ist diese Kontinuität für die Entwicklung der Mannschaft?
Sehr wichtig. Volleyball ist der Sport, bei dem die Spieler am engsten zusammen agieren, mit den meisten Spielern auf kleinstem Raum. Das bedeutet, dass die Spieler sich sehr gut kennen müssen, um gut zusammenspielen zu können, sie müssen sich auf dem Feld bewegen wie ein Orchester, wie ein Ballett. Und natürlich bringt es da eine Menge Vorteile, wenn man sich schon lange kennt.
Worauf legen Sie im Training besonderen Wert? Was muss eine Spielerin mitbringen, damit Sie gut mit ihr zusammenarbeiten können?
Ich muss nur sehen, dass eine Spielerin die Leidenschaft mitbringt, an sich zu arbeiten, das Verlangen, jeden Tag besser zu werden und das Team vor alles andere zu stellen. Mehr nicht. Der Rest kommt mit vielen Stunden Arbeit.
Sind Sie ein harter Trainer?
Ich verlange von mir selbst viel, ich verlange viel von meinem Team und von den Spielerinnen. Aber ich muss nicht hart sein mit den deutschen Spielerinnen, sie arbeiten sowieso hart, sie geben immer hundert Prozent. Ich sehe mich selbst einfach als einen harten Arbeiter mit einer unglaublichen Leidenschaft für Volleyball und für mein Team.
Sie sind auch als Vereinstrainer erfolgreich, zuletzt gewannen Sie mit Vakifbank Istanbul die Champions League. Haben Sie nicht irgendwann mal genug vom Volleyball?
Bis jetzt hatte ich noch nie genug. Natürlich ist es nicht einfach, zwölf Monate zu arbeiten, immer zwischen Verein und Nationalteam hin- und herzuwechseln. Aber der Klang der Bälle in der Halle ist meine Energie, mein Benzin, ohne das kann ich nicht leben. Es ist mein Leben. Ich versuche nur, jeden Tag ein paar Stunden zu finden, in denen ich nicht über Volleyball nachdenke, sondern meinen Hobbys nachgehe: Gitarre spielen, U2 hören, Fitnesstraining und Joggen, Golf spielen, Wein und Pizza.
Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis mit der Nationalmannschaft?
Um ehrlich zu sein, was mich unglaublich glücklich macht bei diesem Team, sind zwei Dinge. Erstens: Wenn ich fünf Jahre zurückgehe im Leben meiner Spielerinnen, sehe ich viele junge Mädchen, die niemand kannte. Nun sind diese Mädchen alle bekannte Spielerinnen, die sich in der Volleyball-Welt einen Namen gemacht und gut dotierte Verträge in den besten Teams Europas haben. Zweitens: Wir haben viele Stunden lang die besten europäischen Nationalteams studiert, und wir haben viele Finalspiele als Zuschauer verfolgt. Nun werden wir von anderen Mannschaft kopiert. Und in Serbien haben alle uns zugeschaut.
Das große Ziel heißt Olympia 2012 in London. Wie schätzen Sie die Chancen ein, und was würde die Olympia-Teilnahme für Sie bedeuten?
Ich war schon einmal bei Olympischen Spielen, 2000 in Sydney, als Assistenztrainer der italienischen Mannschaft. In dieses volle Stadion einzulaufen war ein umwerfendes Erlebnis. An diesem Tag dachte ich, da will ich noch mal hin. Falls wir das mit dem deutschen Team schaffen würden, mit „meiner“ Mannschaft, mit „meinen“ Trainern, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. Ich wäre aber auch stolz auf diese Gruppe, wenn wir es nicht schafften, weil wir bis jetzt alles dafür getan haben, und weil wir wissen, dass vier sehr gute europäische Mannschaften nicht die Möglichkeit haben werden, nach London zu fahren. Ich glaube, alles wird vom World Cup in Japan abhängen. Natürlich werden wir versuchen, eines der ersten drei Tickets zu bekommen, auch wenn es schwer wird, weil Brasilien und die Vereinigten Staaten fast unschlagbar wirken. Aber falls wir nicht unter die ersten Drei kommen, haben wir noch Chancen im nächsten Jahr. Ich habe wirklich das Gefühl, wir werden in London spielen.
Die Fragen stellte Bernd Steinle.