„Es macht wieder Spaß, zum Training zu gehen“, sagt Hauptangreifer Georg Grozer. „Es herrscht eine gesunde Mischung aus Spaß und ernsthaftem Arbeiten“, sagt Libero Markus Steuerwald. „Wenn man so zusammenspielt, ist das so ein schönes Gefühl. Das ist es, warum ich Volleyball spiele“, sagt Außenangreifer Marcus Popp.
Sie geraten fast ins Schwärmen, die Volleyball-Nationalspieler, wenn sie dieser Tage auf Bundestrainer Vital Heynen angesprochen werden. Im vergangenen November hatte der 42 Jahre alte Belgier die Auswahl übernommen, zu einer Zeit, als es nicht weit her gewesen war mit dem Schwärmen bei den deutschen Volleyballern.
Die Europameisterschaft war mit Platz 15 völlig danebengegangenen, die Stimmung am Tiefpunkt, Bundestrainer Raul Lozano und sein Team arbeiteten eher nebeneinander als miteinander. Die Situation war so verfahren, dass sich der Deutsche Volleyball-Verband trotz der nahen Olympia-Qualifikation von Lozano trennte.
Für ihn kam Heynen - und mit ihm ein erstaunlicher Stimmungswandel, atmosphärisch wie sportlich. Bei der ersten Olympia-Qualifikation Mitte Mai in Sofia verpasste Außenseiter Deutschland im Finale gegen Italien den Sprung nach London nur um ein paar Punkte. Danach fragten sich viele: Wie hat Heynen es nur geschafft, diese Mannschaft in so kurzer Zeit wieder in Schwung zu bringen?
Aufwärmen ohne das ewiggleiche Routineprogramm
“Spaß ist für mich nicht am wichtigsten“, sagt Heynen, doch andererseits gilt: Langeweile darf im Training nie aufkommen. So spult er etwa beim Aufwärmen nicht immer das ewiggleiche Routineprogramm ab, sondern lässt sich stets neue, zuweilen kuriose Bewegungsformen einfallen - wie etwa auf einem Stuhl sitzend den Ball annehmen zu müssen.
Solche Aktionen sind typisch für das System Heynen. Er will seine Spieler auf vielfältige Weise herausfordern, er will, dass sie sich einbringen ins Training, dass sie „mitdenken“, so Heynen. Er legt viel Wert auf Selbständigkeit, überträgt den Spielern Verantwortung und Zuständigkeiten. Und er ist bereit, ihnen Freiheiten zu lassen, erwartet im Gegenzug aber, dass er sich voll auf sie verlassen kann. Den Spielern muss das im Vergleich zur Ära Lozano vorgekommen sein wie eine kleine Revolution.
„Der Catenaccio im Volleyball ist attraktiv“
“Der Trainer oben, die Mannschaft unten“, von diesen althergebrachten Hierarchien hält Heynen nicht viel. „Ich bin eher ein Begleiter, ein Anführer, ein Guide der Mannschaft“, sagt er. Aber einer, der eine ganz bestimmte Vorstellung hat vom Volleyball, eine eigene Idee. Er will das Spiel kontrollieren, es dem Gegner immer so schwer wie möglich machen, zu Punkten zu kommen. „Wie beim Catenaccio“, sagt Heynen, „nur dass der Catenaccio im Volleyball attraktiv ist, anders als im Fußball“ - weil er viele Abwehraktionen mit sich bringt und lange Ballwechsel.
So hat Heynen das Team auch personell verändert. Beim Turnier in Sofia spielten auf den Außenpositionen der 21 Jahre alte Denis Kaliberda und der erfahrene Italien-Profi Marcus Popp - jener Popp, der sich unter Lozano noch enttäuscht und frustriert aus dem Nationalteam zurückgezogen hatte. „Er ist ein cleverer, intelligenter Spieler, er kontrolliert den Ball gut“, sagt Heynen über Popp. „Er macht vielleicht nicht immer gleich den Punkt, aber er macht kaum Fehler.“
Der Auftakt gelingt: Deutschland besiegt Indien
Dass auch erfahrene Spieler wie Popp oder Kapitän Björn Andrae offen waren für Heynens neue Wege, dass sie sich voll einließen auf sein Konzept, das war für Heynen extrem wichtig. „Der Volleyballsport verändert sich, es gibt immer neue Erkenntnisse“, sagt er, „aber man kann eine Mannschaft nur verändern, wenn die Spieler das auch wollen.“ Und die wollten. „Ich habe seine Art noch nicht gekannt“, sagt Grozer über die Arbeit des Bundestrainers. „Aber es ist eine neue Atmosphäre in der Mannschaft, und er hat viel dazu beigesteuert.“
Eigentlich ist es ein langfristiger Ansatz, den Heynen da verfolgt, doch er weiß: Im Moment ist kurzfristiger Erfolg angesagt. Am Freitag begann in Berlin das letzte Olympia-Qualifikations-Turnier. Zum Auftakt gewannen die Deutschen nach einer konzentrierten Leistung mit 3:0 gegen Indien. Kuba besiegte in der anderen Partie des Tages die Tschechen mit 3:1. Nur der Turniersieger fährt nach London.
„Das war das emotionalste und intensivste Erlebnis“
Die größte Hürde wird wohl der WM-Zweite und Weltranglistenfünfte Kuba am Samstag sein. An den haben die Deutschen immerhin gute Erinnerungen: Vor vier Jahren in Düsseldorf, bei der Qualifikation für Peking 2008, setzten sie sich auch gegen Kuba durch - hauchdünn. „Das war das emotionalste und intensivste Erlebnis, was ich in meiner Karriere erlebt habe“, sagt Kapitän Andrae. Nun ist Gelegenheit, das Ganze in Berlin, in Andraes Heimatstadt, zu wiederholen.