05.06.2010 · Mit zwei Heimspielen beginnt die deutsche Nationalmannschaft die Volleyball-Weltliga - ein teures Abendteuer. In Stuttgart wartet am Wochenende Polen. Es geht dann aber auch darum, sich für den eigentlichen Saisonhöhepunkt fit zu machen.
Von Bernd SteinleEigentlich hatte Raúl Lozano nur den Wunsch: nicht gegen Argentinien oder Polen. Argentinien ist seine Heimat, dort lebt er das halbe Jahr über mit seiner Familie. Und Polen, das ist für ihn zur Herzenssache geworden, seit er 2006 die Männer ins WM-Finale führte, was ihm das volleyballverrückte Land noch heute inbrünstig dankt.
Und dann dieses Programm: Erst traf Lozano, seit einem Jahr Bundestrainer der deutschen Volleyball-Männer, bei der EM 2009 auf Polen, nun geht es in der an diesem Samstag beginnenden Weltliga-Vorrunde gegen Polen, Argentinien und Kuba, und dann bescherte das Los den Deutschen in der WM-Vorrunde im September schon wieder die Polen. Lozano zuckt nur mit den Schultern und lacht: „Ich sage da nichts mehr dazu.“
Ohnmächtiges Erdulden ist sonst so gar nicht die Art des Raúl Lozano. Der 53 Jahre alte Argentinier steht nicht nur im Ruf, einer der besten Volleyball-Trainer der Welt zu sein, sondern auch ein Mann von starkem Willen, klaren Ansagen, festen Vorstellungen. Das lernte man auch beim Deutschen Volleyball-Verband (DVV) schnell. Lozano, der sich ausbedungen hatte, die Zeit von Oktober bis April zu Hause bei seiner Frau und dem 13 Jahre alten Sohn auf seiner Ranch verbringen zu können – was ihn für den klammen DVV erst erschwinglich machte –, hält den Verband auch als Teilzeitkraft mächtig auf Trab. Aus Polen ist der Argentinier hochprofessionelle Bedingungen gewohnt. Volleyball ist dort ein Millionenspiel und hat in Sachen Popularität den Fußball längst eingeholt – nicht zuletzt, weil die Volleyballer weitaus erfolgreicher sind.
Die Weltliga ist auch ein teures Vergnügen
So läuft am Samstagabend schon mal vier Stunden lang Volleyball beim führenden polnischen Fernsehsender, wie Anfang Mai beim Champions-League-Halbfinale in Lodz. In Deutschland sieht das anders aus. Und dennoch hat Lozano in seinem ersten Jahr als Bundestrainer nicht nur viel gefordert, sondern auch viel erreicht. Den Sieg in der Europaliga etwa, die Qualifikation für die Weltmeisterschaft, vor allem aber die lang ersehnte und von Lozanos Vorgänger Stelian Moculescu gebetsmühlenhaft geforderte Rückkehr in die Eliteklasse des Volleyballs – die Weltliga.
16 Mannschaften, knapp 20 Millionen Dollar Preisgeld, allein der Sieger erhält eine Million Dollar: Die seit 1990 bestehende Weltliga ist die Königsklasse des Volleyballsports. Reizvoll für die Deutschen, die erstmals seit 2003 wieder dabei sind, ist freilich weniger die Aussicht auf große Kasse als vielmehr die Chance, durch die Spiele gegen die Besten der Welt weiter zu reifen. Nebenbei gibt es Weltranglistenpunkte einzustreichen, die in der Weltliga großzügig verteilt werden, denn sie erhöhen die Chancen auf eine erfolgreiche Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London.
Doch die Weltliga ist auch ein teures Vergnügen. Der DVV trägt nicht nur die Veranstaltungskosten, sondern musste auch für 150.000 Euro die Veranstaltungs- und Fernsehrechte vom Weltverband FIVB erwerben sowie die Live-Übertragung aller Heimspiele und der drei letzten Finalspiele garantieren. So ist die Weltliga nun ausführlich auf dem frei empfangbaren HDTV-Sender Anixe HD zu sehen, daneben wollen ARD und ZDF in ihren Sportsendungen berichten.
„Die drei Gegner in der Vorrunde sind alle besser als wir“
Am Wochenende beginnt das Abenteuer mit zwei Heimspielen gegen Polen in Stuttgart. „Es ist klar, die drei Gegner in der Vorrunde sind alle besser als wir“, sagt Lozano. Argentinien steht in der Weltrangliste auf Position zehn, Kuba auf neun, Polen auf fünf. Deutschland auf 17. Lozano sagt, sein Team sei vom Leistungsvermögen her inzwischen unter den besten zehn der Welt einzuordnen, und tatsächlich bewältigte es zuletzt die Qualifikation für die EM 2011 mühelos.
Ob das freilich gegen den Europameister Polen und dessen überragenden Zuspieler Pawel Zagumny reichen wird, ist eine andere Frage. Zumal der deutsche Spielmacher Simon Tischer, gerade mit Olympiakos Piräus griechischer Meister geworden, wegen einer Daumenverletzung ausfällt. Da ist es immerhin ein Trost, dass wohl keiner die Polen so gut kennt wie Raúl Lozano – die wichtigsten Spieler der Polen sind die gleichen, die er bis 2008 vier Jahre lang trainiert hat.
„Es ist eine Hochzeit, bei der nur noch die Unterschrift fehlt“
Doch für Lozano geht es nicht darum, gegen die einstigen Schüler zu glänzen – sondern darum, die jetzigen für den eigentlichen Saisonhöhepunkt fitzumachen: die WM im September in Italien. Platz fünf bis acht hat sich Lozano dort vorgenommen. Aber er scheut sich nicht, noch weiterzudenken: „Ein Platz auf dem Treppchen ist natürlich der Traum von Trainer und Spielern.“ Damit liegt er voll auf der Linie von DVV-Präsident Werner von Moltke, der oft und gerne mit kühnen Medaillenprognosen bei Großereignissen vorprescht.
Mit Lozano freilich scheint sich der Blick der deutschen Männer, die erst in den vergangenen Jahren mit WM- und Olympia-Teilnahme international wieder Anschluss fanden, wie selbstverständlich nach oben zu richten. Kein Wunder, dass von Moltke die Beziehung mit ihm gerne um zwei Jahre bis 2012 fortsetzen würde. Lozano scheint dem nicht abgeneigt. „Es ist eine Hochzeit“, sagt er lächelnd, „bei der nur noch die Unterschrift fehlt.“