20.09.2009 · Das deutsche Volleyballteam schaffte gegen Venezuela die Qualifikation für die Weltliga. Sechsmal hatten die Männer zuvor schon das Vergnügen. Doch für den Verband bedeutet der Klub der Besten vor allem jede Menge Arbeit.
Von Bernd Steinle, RiesaAm Ende, so schien es, konnte es ihnen gar nicht schnell genug gehen. 3:0 und 3:0, so lauteten die Ergebnisse, mit denen die deutschen Volleyball-Männer in den beiden Weltliga-Qualifikationsspielen Venezuela schlugen. So klar, so sicher, so überlegen, wie das die wenigsten erwartet hätten. „Wir hatten sie beide Spiele gut im Griff“, wunderte sich Angreifer Björn Andrae selbst. Keine Spur von Ermüdung nach der langen Nationalmannschaftssaison, hochkonzentriert spulte das Team von Bundestrainer Raul Lozano sein Spiel ab, trotz des Mammutprogramms in den vergangenen Wochen. „Wenn du so kurz vor dem Ziel stehst, vergisst du das“, sagte Andrae. „Da geht es nur noch darum, zwei Tage Vollgas zu geben.“
Denn das Ziel hieß: Weltliga. Der elitäre Klub der Besten, in dem die Deutschen nun, zumindest sportlich, wieder zurück sind. Sechsmal hatten sie zuvor schon das Vergnügen, von 1992 bis 1994 und 2001 bis 2003. Andrae war damals dabei, er weiß, wovon er redet, wenn er von einem „unglaublich schönen Event“ spricht und davon, dass „ein großes Highlight zurück nach Deutschland kommt“. Für die meisten anderen in der Mannschaft ist die Weltliga Neuland, und so mancher, vermutet Andrae, „wird sicher erstaunt sein über die Kulisse, vor der man da spielt, mit bis zu 15.000 Zuschauern“.
Einer, der die Weltliga bestens kennt, ist Bundestrainer Lozano. Für ihn waren die Ergebnisse in Riesa zweitrangig: „Wichtig ist, dass Deutschland in der Weltliga ist.“ Denn dort geht es nicht nur um viel Preisgeld (zuletzt gut 18 Millionen Dollar) und Weltranglistenpunkte, die den Qualifikationsmodus für WM und Olympische Spiele erleichtern können. Es geht vor allem darum, regelmäßig Spiele auf hohem Niveau zu bestreiten, gegen Europameister, Weltmeister, Olympiasieger. Und daran als Mannschaft zu wachsen – was für die Entwicklung und den Reifeprozess des nach Olympia in Peking verjüngten, in der Mehrzahl international wenig erfahrenen Nationalteams von großer Bedeutung ist.
Die wirtschaftlichen Hürden bleiben - und die sind hoch
Schließlich weckten Lozanos Mannen schon in diesem Sommer große Hoffnungen. „Wir haben uns vor der Saison vorgenommen, die WM-Qualifikation zu schaffen, eine gute EM zu spielen und in der Europaliga eine gute Figur abzugeben“, sagt Lozano. All das haben sie geschafft. „Das Einzige, was man bemängeln könnte, war, dass wir bei der EM das Spiel verloren haben, das uns ins Halbfinale gebracht hätte.“ Ein Makel, der menschlich erscheint, denn: „Die einzigen Spiele, die wir bei der EM verloren haben, waren die gegen die beiden Finalteilnehmer.“ Daher glaubt Lozano, „dass der Verband mit unseren Leistungen zufrieden sein kann“. Und lächelt. „Auch wenn sie jetzt einen großen Brocken Arbeit vor sich haben.“
Das kann Günter Hamel, der Sportdirektor des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV), bestätigen. Sowohl das mit der Zufriedenheit wie das mit der Arbeit. Bisher führte nur ein Weg in die Weltliga. Es galt, die Forderungen des Weltverbands FIVB hinsichtlich Finanzen und Fernsehzeiten zu erfüllen und dann Gnade vor der FIVB zu finden. Nun gab es erstmals in 20 Jahren Weltliga eine sportliche Qualifikation, wenngleich reichlich kurzfristig – doch der Europaligasieger Deutschland schaffte sie.
Trotzdem bleiben die wirtschaftlichen Hürden, und die sind hoch. Mehr als 200.000 Euro muss der DVV nach Angaben Hamels investieren, vor allem an Gebühren und TV-Produktionskosten. Eine gewaltige Summe für einen Verband, der so klamm ist, dass er seinen Nationalspielern den ganzen Sommer über nicht einen einzigen Cent Honorar zahlen konnte. „Man muss es den Spielern hoch anrechnen, dass sie das trotzdem auf sich nehmen“, ist sich Hamel bewusst.
„Die FIVB wird uns fürchterlich auf die Füße treten“
Dennoch ist er optimistisch, dass der DVV die Weltliga stemmen kann. Die geforderten Live-Übertragungen sollen auf digitalen Kanälen laufen, die großen Fernsehsender mit Ausschnitten dabei sein. Mehr sei nicht drin, sagt Hamel, schließlich stehen bisher weder Termine noch Gegner fest, und einen „Blindvertrag“ mit einem der großen Sender zu machen sei unmöglich. Also gilt es, die bisher angedachte Konstruktion nun vertraglich festzuschreiben, und das so schnell wie möglich. „Die FIVB wird uns die nächsten ein, zwei Wochen fürchterlich auf die Füße treten“, sagt Hamel.
Doch er weiß: „Das kann und darf jetzt nicht mehr scheitern.“ So sieht das auch Lozano. Denn nur so kann er seinen erfolgreichen Weg weitergehen. „Wenn die Gruppe weiter so hart arbeitet“, sagt er, „kann sie unter die besten sechs der Welt kommen.“ Die Mannschaft ist, das war gegen Venezuela zu sehen, dabei. Honorar hin oder her. Von Urlaub ganz zu schweigen. Björn Andrae fliegt an diesem Montag nach Italien, zu seinem neuen Klub Vibo Valentia. Am Sonntag ist das erste Spiel.