16.12.2008 · Mit einer Tour durch Deutschland hat sich der neue Volleyball-Nationaltrainer Raul Lozano mit dem Status quo hierzulande vertraut gemacht. Der Argentinier ist ein Energiebündel, das anschiebt und drängelt. Das ist auch notwendig.
Von Bernd SteinleRaul Lozano ist ein höflicher Mensch. Das war nicht ausschlaggebend dafür, dass ihn der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) für zwei Jahre als Bundestrainer seiner Männer-Auswahl verpflichtet hat – das hatte eher damit zu tun, dass Lozano „zu den besten Trainern der Welt“ zählt, wie nicht nur sein Vorgänger Stelian Moculescu sagt. Aber der 52 Jahre alte Argentinier weiß eben auch die Formen zu wahren. Das zeigt sich nicht nur, wenn er von „der großen Ehre“ spricht, Nationaltrainer in Deutschland zu sein. Oder die „tolle Arbeit“ Moculescus rühmt, „von der ich profitiere“. Es wird auch deutlich, wenn die Rede auf die Volleyball-Bundesliga kommt.
Knapp zehn Tage ist Lozano zuletzt auf Deutschland-Tournee gewesen, um sich mit dem Status Quo seines Sports hierzulande vertraut zu machen. Ein Crash-Kurs in Sachen deutscher Volleyball, ein Streifzug durch die Republik in sechs Stationen. So fand sich der Mann, der Polen 2006 zu WM-Silber geführt hatte, der italienische Spitzenteams wie Macerata, Palermo und Treviso trainiert hatte, mit ihnen Europapokalsieger und italienischer Meister war, nun also in Eltmann, Königs Wusterhausen und Rottenburg wieder.
„Bei uns stehen bei jeder Trainingseinheit die Türen offen“
Seine ersten Eindrücke? Lozano lächelt und sagt, es gebe da eine politisch korrekte Antwort, die laute: „Nicht schlecht“. Daneben gibt es aber auch eine realistische: „Wir wollen das Niveau in der Bundesliga verbessern“, formuliert er betont konstruktiv. Zusammen mit den Vereinen will er nach neuen Wegen für die Weiterentwicklung der Spieler suchen. Denn: „Gibt es Probleme in der Bundesliga, wirken die sich auch auf die Nationalmannschaft aus.“ Deshalb bietet er an: „Bei uns stehen bei jeder Trainingseinheit die Türen offen, jeder Trainer kann kommen und zuschauen.“
Hat die Deutschland-Tour den 1,63 Meter großen Startrainer also womöglich ernüchtert, auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht? Keineswegs, sagt Lozano. Er kenne das deutsche Nationalteam aus mehreren Aufeinandertreffen in den letzten Jahren, und er ist überzeugt, dass es eine gute Basis bilde für künftige Erfolge. Tatsächlich sind die meisten Stammkräfte der Auswahl der Bundesliga längst entwachsen. Sie spielen in den Profiligen Italiens, Russlands oder Griechenlands. Auf sie will Lozano auch künftig bauen. Auch wenn mancher etablierte Akteur nach den Olympischen Spielen in Peking schon Zweifel an seiner Zukunft im Nationalteam äußerte.
„Keiner, der im Sommer am Strand gespielt hat“
Die Außenangreifer Björn Andrae und Marcus Popp etwa liebäugeln offen mit einem Sommer als Beachvolleyballer. Für solche Pläne hat Lozano wenig Verständnis. „Sie müssen sich das gut überlegen“, sagt er, denn: „Wer im Sommer Beachvolleyball spielen will, muss sich bei uns hinten anstellen. „Natürlich bleibe die Entscheidung jedem selbst überlassen. Aber: „In Peking war kein einziger Spieler dabei, der im Sommer am Strand gespielt hat.“ Und er fügt hinzu: „Für jeden sollte ein Einsatz in der Nationalmannschaft das höchste Ziel sein.“
Spätestens da wird klar: Lozano ist nicht nur ein höflicher Mensch. Sondern auch ein sehr konsequenter. Einer mit hohen Ansprüchen, klaren Zielen, genauen Vorstellungen. Lozanos Deutschland-Tour sei keine einfache Woche gewesen, sagt DVV-Sportdirektor Günter Hamel: „Aber so einer tut uns gut.“ Ein Energiebündel, das anschiebt, drängelt, vorankommen will. Und das über hinreichend internationales Renommee verfügt, um über manche Zweifel erhaben zu sein – was vor allem der delikaten Zusammenarbeit mit den Bundesliga-Klubs zugute kommen soll.
Das Potential „zum richtigen Zeitpunkt“ voll ausschöpfen
„Wir haben für die Aufgaben, die vor uns liegen, den Besten gefunden“, sagt DVV-Präsident Werner von Moltke. Er verbindet mit Lozanos Verpflichtung die Hoffnung, dass die deutschen Männer unter seiner Führung ihr Potential „zum richtigen Zeitpunkt“ voll ausschöpfen. Nächste Gelegenheit dafür ist die Qualifikation für die WM 2010 in Italien, die im Mai kommenden Jahres beginnt. Sie ist für Lozano oberstes Ziel. Die weiteren Stationen auf dem Wunschzettel lauten: Rückkehr in die Weltliga spätestens 2011 und Olympia-Teilnahme 2012.
Für Lozano ist das noch Zukunftsmusik. Er ist am Montag erst mal zurück nach Argentinien geflogen, zu Frau und Kind. Die Konstruktion als Teilzeit-Trainer hat er sich ausbedungen, „sonst hätte ich die Aufgabe nicht übernommen“.
Raul Lozano: „Wir sind sehr nah dran am Weltniveau“
Erst vom kommenden April an, zur heißen Phase in der deutschen Meisterschaft, und für die folgende Nationalmannschafts-Saison wird er dauerhaft in Deutschland präsent sein. Kein Problem, findet Lozano, andernorts seien die Nationaltrainer sogar als Klubtrainer aktiv und sähen „ihre Spieler noch viel weniger als ich“. Bernardo Rezende etwa, Trainer der Brasilianer, die jahrelang alle internationalen Großereignisse beherrschten, kümmere sich acht Monate im Jahr um ein Frauen-Erstliga-Team.
„Da habe ich noch viel mehr Zeit“, sagt Lozano. Der Vergleich mag kühn sein, aber er zeigt auf seine Weise: Die Meßlatte im deutschen Männer-Volleyball ist mit der Verpflichtung Lozanos gestiegen. „Wir sind sehr nah dran am Weltniveau“, sagt der Argentinier. Den letzten Schritt will er nun in den kommenden zwei Jahren angehen.