Es war eine Art Albtraum-Szenario. Eine Verkettung unglückseliger Ergebnisse, wie sie zuvor zwar als möglich erachtet wurde - aber kaum als wahrscheinlich. Und doch kam es am Samstag beim Olympia-Qualifikationsturnier der Volleyball-Frauen in Ankara dann genau so: Das deutsche Team von Bundestrainer Giovanni Guidetti scheiterte im Halbfinale gegen Polen mit 1:3 (22:25, 25:16, 14:25, 17:25); kurz danach unterlag Weltmeister Russland im zweiten Semifinale der Türkei 1:3; und Europameister Serbien war schon in der Vorrunde ausgeschieden. Da nur der Turniersieger von Ankara - die Türkei schlug im Finale Polen mit 3:0 - den Sprung nach London schaffte, hieß das: Die beiden Europa-Plätze bei der letzten Olympia-Qualifikationschance in Japan (19. bis 27. Mai) gehen an Serbien und Russland - weil diese beiden Teams in der Weltrangliste als Sechste und Siebte vor Deutschland (Rang acht) stehen. Für die Frauen des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) ist die Tür nach London erst mal zu.
„Wir sind alle sehr, sehr traurig, dass wir unser großes Ziel nicht erreicht haben“, sagte Guidetti. „Wir haben die letzten vier Jahre alle so hart gearbeitet und hatten uns mit den Erfolgen in der jüngsten Vergangenheit eine gute Ausgangslage geschaffen.“ Tatsächlich verbesserte sich die Mannschaft unter Guidetti zuletzt Schritt für Schritt. Im vergangenen Oktober hatte sie bei der 2:3-Finalniederlage gegen Serbien den Europameistertitel nur hauchdünn verpasst; beim World Cup im November, der ersten Olympia-Qualifikationschance, überraschte sie mit Siegen gegen Serbien und die Vereinigten Staaten, bevor danach angesichts von elf Spielen in 14 Tagen die Kraft ausging.
Trotzdem musste das Team um Spielführerin Margareta Kozuch nun in Ankara den Olympia-K.-o. hinnehmen. „Polen spielte in allen Elementen besser als wir“, erkannte Guidetti an. „Wir haben versucht, mit unserem Kampfgeist dagegenzuhalten, aber das war nicht genug.“ Nur im zweiten Satz gelang es seinem Team, die Polinnen hinreichend unter Druck zu setzen. Sonst fehlten im Spiel der Deutschen zu oft Sicherheit, Stabilität und Konstanz.
Dass seine Spielerinnen nicht an die Leistungen von EM oder World Cup herankamen, begründete der Bundestrainer nicht zuletzt mit der schwierigen Vorbereitung. Guidetti selbst war wegen des Saisonfinales mit seinem türkischen Klub Vakifbank Istanbul erst zwei Wochen vor Turnierbeginn zur Mannschaft gestoßen, vielen seiner Spielerinnen war es ähnlich ergangen. „Erst eine Woche vor dem Turnier war das Team komplett, wegen Verletzungen hat die erste Sechs in Testspielen vorher gerade mal einen Satz zusammen spielen können“, sagte Guidetti. „Das ist natürlich viel zu wenig.“ Andere Teams hätten sie weit besser einspielen und vorbereiten können. „Wir haben große Erfolge immer nur dann erzielt, wenn wir davor mehrere Monate zusammen gearbeitet haben“, sagte Guidetti. Das aber sei diesmal unmöglich gewesen. „Unsere Spielerinnen sind in fünf verschiedenen Ligen aktiv, jede Spielerin kam in unterschiedlicher Verfassung.“
Hoffen auf Kubas Absage
In seiner Not setzte der 39 Jahre alte Italiener, seit Mai 2006 Bundestrainer, darauf, dass die Mannschaft im Lauf des Turniers ihren Rhythmus finden würde - „aber das ist uns im Vergleich zu der Türkei oder Polen nicht gelungen“.
Hoffen können die deutschen Frauen jetzt nur noch auf ein Hintertürchen nach London. Da die Volleyballspielerinnen der Dominikanischen Republik am Wochenende gegen Kuba die Olympia-Qualifikation schafften, besteht eine letzte, theoretische Möglichkeit für die DVV-Frauen. Sollte Kuba - wie zuletzt spekuliert - aus finanziellen Gründen seine Teilnahme am letzten Qualifikationsturnier in Japan absagen, könnte das deutsche Team eventuell nachrücken. DVV-Sportdirektor Günter Hamel bezifferte die Chancen dafür gegenüber der Deutschen Presse-Agentur aber auf „unter 50 Prozent“.
Angesichts der Misere der deutschen Ballsportarten in Sachen Olympia-Qualifikation hatte DVV-Präsident Werner von Moltke zuvor von einer „einmaligen Chance, ins Rampenlicht zu treten“ gesprochen. Doch nun droht nach Fußball-, Handball-, Basketball- und Wasserballteams auch der Volleyball-Abteilung in London die Zuschauerrolle.
Hauptsache undurchsichtig
Immerhin sind wenigstens die Männer noch im Spiel, mit gleich zwei Qualifikations-Chancen: Am Dienstag beginnt in Sofia Runde eins, ein Achter-Turnier, bei dem Deutschland in der Vorrunde auf Italien, Finnland und die Slowakei trifft. Die beiden Vorrundenersten ziehen ins Halbfinale ein, die Finalteilnehmer spielen dann den einzigen Platz für London aus, der in Sofia vergeben wird. Runde zwei steigt vom 8. bis 10. Juni in einem Vierer-Turnier in Berlin. Auf wen die deutschen Männer dabei treffen, steht noch nicht fest.
Getreu seiner Leitlinie, die Olympia-Qualifikation möglichst undurchschaubar zu gestalten, änderte der Weltverband FIVB vor kurzem erst noch mal die Regularien für die Verteilung der Mannschaften auf die drei letzten Qualifikationsturniere.