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Viswanathan Anand Das Chamäleon von Madras

03.05.2010 ·  Viswanathan Anand zeigt bei der Schach-WM die Kunst der Verwandlung - zur Halbzeit spricht viel für einen Sieg des Inders. Wesselin Topalow hofft aber noch. Die nächste Bewährungschance hat der Bulgare an diesem Montag.

Von Alexander Armbruster
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Halbzeit in Sofia. Sechs Mal haben die Zweikämpfer um die Schachweltmeisterschaft jetzt schon gegeneinander gespielt, sechs Partien stehen noch aus – zumindest, wenn bis zur Schlussrunde keiner der beiden Spieler mehr als sechs Punkte und damit den Gesamtsieg erringen konnte.

Nach Punkten liegen der aus Indien stammende Weltmeister Viswanathan Anand und sein bulgarischer Herausforderer Wesselin Topalow nicht sehr weit auseinander: Anand führt mit 3,5 zu 2,5, zwei Partien konnte er gewinnen, drei endeten remis, eine verlor er. So gesehen, ist für Topalow noch nichts verloren, mit nur einem Sieg könnte er zum Titelverteidiger aufschließen. Mit Blick auf den Verlauf des Duells spricht indes einiges dafür, dass Anand am Schluss die Nase vorn haben wird.

Denn der Weltmeister brach zwar im Auftaktspiel nach nur 30 Zügen unter einem furiosen Sturmangriff seines Gegners so schnell zusammen, dass sogar Topalow-Fans wünschten, Anand möge schnell ausgleichen, um den Zweikampf nicht zu einer einseitigen Angelegenheit werden zu lassen. Als Anand dann aber nicht nur in Runde zwei ausglich, sondern auch in den beiden folgenden Auseinandersetzungen wie ausgewechselt wirkte (er gewann eine und erreichte in der anderen mühelos ein Unentschieden), bangte die Schachwelt eher um seinen Herausforderer.

„In dieser Form ist er nur schwer zu schlagen“

Topalow liegt seit der vierten Runde nicht nur hinten, sondern hinterließ zuweilen überdies den Eindruck, völlig aus dem Tritt geraten zu sein. Der deutsche Schachgroßmeister Artur Jussupow, der selbst einmal zur Schachspitze gehörte und einer der angesehensten Schachtrainer auf der ganzen Welt ist, schrieb nach Anands zweitem Sieg, dieser habe den Zweikampf gedreht – spielerisch und emotional. Und er fügte eine kluge Analyse hinzu: „Anand zeigt bei dieser Weltmeisterschaft in Sofia, dass er in jedem Stil spielen kann: scharf attackieren oder eine Position strategisch klug zum Sieg ausbauen. In dieser Form ist er nur schwer zu schlagen.“

Das scheint der offensichtlichste Vorteil des Weltmeisters zu sein. Anand hat sich verwandelt. In seinem Heimatland wird er häufig „Tiger von Madras“ genannt, weil er in seiner Jugend und zu Beginn seiner Schachkarriere kompromisslos taktische Verwicklungen suchte und durch diese Spielart bis in die Weltspitze vordrang. Nun hat er sich weiterentwickelt, ist ein kompletterer Spieler geworden, der die lauten wie die leisen Töne beherrscht, der seine Krallen ausfahren oder auf Samtpfoten anschleichen kann. Einer, der sich auf die Schwächen seines Gegenübers perfekt einstellen und diese ausnutzen kann. Kein Tiger mehr, sondern ein Chamäleon, das manchmal Gelb-Schwarz trägt und aussieht wie ein Tiger.

Und das momentan Ähnlichkeit hat mit dem russischen Großmeister Wladimir Kramnik. Gegen ihn gewann Anand den Weltmeisterschafts-Zweikampf vor zwei Jahren in Bonn. Kramnik wiederum hatte zuvor in einem Duell Topalow geschlagen – indem er strategisch anspruchsvolle Stellungen anstrebte und darauf wartete, dass Topalow ungeduldig eine Entscheidung in einer für ihn unvorteilhaften Situation erzwingen würde.

Topalow hofft nach dem ersten halben Punkt mit Schwarz

Genau das macht Anand gerade auch in Sofia. Anand spielt dieselben Varianten, mit denen Kramnik seinerzeit über Topalow triumphierte. Bislang mit dem gleichen Erfolg: Mit Ausnahme der ersten Runde hat Topalow in seinen Weißpartien vergeblich versucht, die Verteidigungslinien Anands zu überwinden. Seine Schwarzpartien waren demgegenüber ein Debakel. Zweimal verlor er gegen die Katalanische Eröffnung des Weltmeisters.

Wenigstens in dieser Hinsicht konnte Topalow seine Situation am Wochenende verbessern. Nachdem er am Freitag die weißen Figuren geführt hatte und abermals nicht über ein Unentschieden hinausgekommen war, erzielte er am Samstag seinen ersten halben Punkt mit Schwarz. Wenn er sein Rückschlagproblem nun im Griff haben sollte, hat er eine Chance, das Blatt noch einmal zu wenden. Die nächste Bewährungsprobe steht ihm an diesem Montag bevor.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Wirtschaft.

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