17.04.2005 · Die Leichtathletik liefert Realsatiren: DLV-Präsident Clemens Prokop wurde in Kevelaer mit Grummeln wiedergewählt, für den kritikfreudigen scheidenden Vizepräsidenten Theo Rous gab es Ovationen.
Von Hans-Joachim Waldbröl"Lächelnd die Wahrheit sagen": Theo Rous beherrscht diese rhetorische Kleinkunst wie kein zweiter im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) - einer der vielen Sportorganisationen, denen die Aufrichtigkeit in der Aussprache leider völlig abgeht. Selbst die Wahl des niederrheinischen Wallfahrtsortes Kevelaer und der Wortgottesdienst zum Auftakt des Verbandstages förderten die Wahrhaftigkeit nicht wesentlich, die Rous zeit seiner Funktionärstätigkeit so am Herzen und auf der Zunge gelegen hat, daß der DLV seinem scheidenden Vizepräsidenten all seine "Merkwürdigen Reden und Schriften" zum Buchgeschenk machte. "Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wer diesen Unsinn lesen will", kokettierte der Autor, "aber ich lasse mich überraschen."
Überraschen kann Rous, der sich unter Ovationen vom nordrhein-westfälischen Sportminister Michael Vesper das "Bundesverdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" anheften ließ und später - nach einer kurzfristigen Änderung der Satzung - als erster Vizepräsident in der Geschichte des DLV zum Ehrenpräsidenten erhoben wurde, doch eigentlich gar nichts mehr. Blieb ihm allenfalls die Frage, ob die sportpolitische Realsatire aus Kevelaer noch als letztes Kapitel seiner alten Amtszeit ins Buch gehört hätte - oder schon als erstes in die neue Sammlung.
Was waren das für Wahlen, bei denen die Landesverbände und deren selbstbewußte "Fürsten" überhaupt keine Auswahl hatten? Sie konnten sich nur für oder gegen jeweils alleinige Bewerber entscheiden. Aber das wußten sie ja spätestens seit der Sitzung in Sindelfingen, wo der alte und neue DLV-Präsident Clemens Prokop zwei Monate zuvor seine Mannschaft für die kommenden viereinhalb Jahre (der nächste Verbandstag findet mit Rücksicht auf das Großereignis in Berlin erst nach den Weltmeisterschaften 2009 statt) vorgestellt hatte. Und zwar ultimativ: mit genau diesem Team - oder ohne mich.
„Erpresserische Kraft der Fakten“
Widerspruch gegen diese rigorose Personalpolitik Prokops war zumindest nicht laut geworden. Bis einen Tag vor dem Verbandstag. Während einer Sitzung der Landesverbände beschlossen deren Vorsitzende, eine geheime Abstimmung über die Besetzung aller Präsidiumspositionen zu beantragen. Der Appell Prokops, man möge doch bitte bedenken, welches Erscheinungsbild ein Verband in der Leistungskrise abgebe, wenn versteckte Proteste gegen die Führung die Einheit schwächten, verhallte unbeachtet.
Schließlich erfordern offene Gegenstimmen mehr Zivilcourage, im Schutze der Anonymität geheimer Wahlen läßt sich leichter nachtreten. Hansjörg Riederer, wortstarker Präsident eines der stimmenschwächsten Landesverbände, dessen von Rheinhessen, formulierte Franz-Josef Strauß' Lehrsatz von der "normativen Kraft des Faktischen" kurzerhand um und wollte in Prokops personellen Perspektiven die "erpresserische Kraft der Fakten" erkannt haben: "Er läßt uns ja keine andere Möglichkeit als das Scheitern des Verbandstages."
Königsmörder jedoch wollten selbst die prinzipiell opponierenden "Fürsten" nicht sein; und deshalb drehten sie vor der Abstimmung noch rasch eine logische Pirouette: geheime Wahl mit Protestmöglichkeit - aber der allgemeinen Marschroute folgen, doch nach den einseitigen Empfehlungen zu wählen.
Also wurde Prokop, der seine persönliche Schmerzgrenze vor der Abstimmung, allerdings hinter vorgehaltener Hand, bei etwa 70 Prozent gezogen hatte, mit "nur" 76 Prozent Zustimmung abgestraft. Von den wichtigsten Führungskräften schnitten nur die Vizepräsidentin Dagmar Freitag, deren Leistungsstärke auf dem Gebiet des Marketings und der Veranstaltungen vielen Delegierten nicht überzeugend erschien, mit 59 Prozent Ja-Stimmen, und der Vizepräsident Anton Budde, der seine Kompetenz für Wettkampf-, Breiten- und Freizeitsport noch gar nicht beweisen konnte, mit 50 Prozent schlechter ab.
Verlierer Prokop?
Zwei andere neue Eckpfeiler stachen mit "erschreckend großer Akzeptanz" ab: Der Erste Stellvertreter für Repräsentatives, Werner Zimmer, und der für Leistungssport, Professor Eike Emrich, wurden mit 94 und 96 Prozent Zustimmung gewählt; und der als Schatzmeister zur Leichtathletik zurückgekehrte frühere Generalsekretär von DLV und Nationalem Olympischem Komitee, Heiner Henze, brachte es auf immerhin 91 Prozent.
Verlierer Prokop? "Nein, so sehe ich das nicht. Jemand wie ich, der schon vier Jahre Zeit hatte, durch Entscheidungen Widerstand zu wecken, bekommt eben nicht mehr so viel Vorschußlorbeer wie mancher Neuling." Im Angesicht eines nicht immer zwingend logisch denkenden und handelnden Parlaments mag sich der wiedergewählte Amtsgerichtsdirektor aus Kelheim an eine drastische Ermutigung erinnert haben.
Theo Rous hatte den damaligen Kandidaten und passionierten Orgelspieler Clemens Prokop auf dem Verbandstag vor vier Jahren in Wunsiedel mit diesen süffisanten Worten als geeigneten Nachfolger des heutigen Ehrenpräsidenten Professor Helmut Digel empfohlen: "Ich will keine Wahlpropaganda machen. Aber wer Sonntag für Sonntag mit soviel Pfeifen umgeht, ist prädestiniert für das Präsidentenamt im DLV."