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Vendée Globe „Er sah statt des Meeres nur noch Berge“

 ·  Mehr als die Hälfte der Strecke ist beim Vendée Globe absolviert. Im F.A.Z.-Interview spricht Rennarzt Jean-Yves Chauve über Lärmstress der Segler, Halluzinationen auf hoher See und Doping an Bord.

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© AFP Vergrößern Was ist das? Wasserwellen? Andere Boote? Oder tatsächlich Berge?

Jean-Yves Chauve ist Rennarzt beim Vendée Globe. Zum siebten Mal begleitet der Franzose nun schon die Nonstop-Regatta der Einhandsegler um die Welt - von seinem Standort in der Bretagne. 24 Stunden ist er für die Teilnehmer auf hoher See ansprechbar, wenn es plötzlich zu Verletzungen oder Krankheiten kommt. In schwierigen Fällen kommt seine Behandlung über Videokonferenz an Bord.

Die Segler sind nun fast 50 Tage alleine auf See. Mehr als die Hälfte des Rennens ist absolviert. Mit welchen gesundheitlichen Problemen mussten Sie sich bisher aus der Ferne befassen?

Einige Wunden, eine Infektion - der größte Vorfall war bei Bernard Stamm, der einen abgebrochenen Zahn unter meiner Anleitung operativ behandelte, damit sich nichts entzündete.

Nach sieben Wochen mit wenig Schlaf, mitten im Eismeer - wie körperlich auszehrend ist das Rennen jetzt in dieser Phase?

Der Körper wird immer müder. Dazu kommt die Kälte, die Segler frieren eigentlich permanent und können sich nicht richtig aufwärmen. Die Energie lässt nach. Das belastet auch die Psyche. Durch die unruhige See und die Windgeräusche kommen sie kaum zu einem tiefen, festen Schlaf. Dafür steigert sich der Stress. Der Lärm unter Deck erreicht teilweise bis zu 120 Dezibel. Es ist so, als müsste man neben einem Presslufthammer oder einer Kettensäge schlafen. Das verlangt viel psychische Stärke.

Wo liegen die Risiken einer solchen Dauerbelastung?

Wer müde ist, macht Fehler, ist langsamer und neigt zu Fehleinschätzungen. Das ist natürlich gefährlich.

In der Vergangenheit berichteten Einhandsegler bei solch harten Regatten auch schon mal von Halluzinationen.

Es kann bei zu großem Schlafmangel dazu kommen. Es gibt da viele Anekdoten. Der Schweizer Dominique Wavre, der auch diesmal wieder dabei ist, sah irgendwann statt des Meeres nur noch Berge vor sich. Andere Segler sahen plötzlich Personen an Bord.

Wie sehr können sich die mentalen Probleme zuspitzen, wenn man so lange alleine auf engstem Raum und unter solch rauen Bedingungen verbringt?

Es war früher noch viel schlimmer für die Segler, als es noch keine so guten Kommunikationsmöglichkeiten nach draußen gab. Da kam schon mal die große Depression. Heute hilft es sehr, dass die Segler auch mal mit ihren Familienangehörigen telefonieren oder mailen können. Das war jetzt zum Beispiel an den Weihnachtstagen sehr wichtig. Die Segler sind zwar physisch alleine, aber haben doch zumindest psychische Unterstützung von zu Hause.

Wie sieht es aus mit Medikamenten zum Wachbleiben oder besser schlafen? Gibt es sie an Bord?

Das geht nicht. Wir unterliegen den ganz normalen Dopingregeln, auch wenn bei uns natürlich während des Rennens keine Tests stattfinden können. Es wäre völlig unangebracht, Mittel entweder zum Wachbleiben oder tiefer schlafen einzunehmen, weil dies zu viele negative Nebeneffekte hätte. Es würde die ganze Sache für die Segler nur noch gefährlicher machen. Man sollte auf die natürlichen Signale seines Körpers hören.

Gibt es denn Medikamente an Bord, die unter verbotenes Doping fallen?

Ja, die gibt es – aber nur für Notfälle. Zum Beispiel das Steroidhormon Cortison, das bei Entzündungen oder allergischen Erkrankungen zum Einsatz kommt. Aber die Segler müssen mich vorher um Erlaubnis fragen, ob sie es nehmen dürfen.

Die Fragen stellte Michael Ashelm.

Quelle: FAZ.NET
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