Und wieder war es ein Skipper weniger. In der Nacht zum Dienstag, um 1 Uhr 26, konnte Jean Le Cam gerade noch seinen Teamleiter in Frankreich anrufen, um ihn über „große Probleme“ zu unterrichten. Dann brach die Verbindung ab. Wenn ein erfahrener Segler wie Le Cam zu solchen Worten greift, dann wissen die Experten, wie ernst es ist. Zwei SOS-Signale gab Le Cam bis zum nächsten Vormittag ab.
Ein Öltanker und ein chilenisches Militärflugzeug erreichten das Boot einige Stunden später und fanden es gekentert mit dem Kiel nach oben zweihundert Meilen westlich des Kap Horn. Le Cam wurde im Innern seiner Kabine vermutet.
Sorgsam gepflegter Untertitel
Der Öltanker konnte aufgrund des rauen Seegangs jedoch kein Rettungsboot ins Wasser lassen. Zwei andere Regattayachten nahmen Kurs auf, um dem in Not geratenen Le Cam zu Hilfe zu eilen. Der von den Veranstaltern der „Vendée Globe“ sorgsam gepflegte Untertitel der „härtesten Segelregatta der Welt“ findet einmal mehr seine Bestätigung. Nach dem Ausscheiden von Le Cam, dem Drittplazierten, sind nur noch 13 der ursprünglich 30 Boote im Rennen.
Mastbrüche, Kenterungen, Zusammenstöße mit im Meer schwimmenden Gegenständen, und ein Oberschenkelbruch des französischen Skippers Yann Eliès, der von der australischen Marine gerettet werden und sein Boot aufgeben musste – das ist die Neujahrsbilanz der einzigen Segelregatta um die Welt, die den Teilnehmern solche Bedingungen stellt: Völlig allein unterwegs zu sein, niemals während des Rennens an Land zu gehen und keinerlei Hilfe von außen anzunehmen.
Mischung aus Abenteuer und Spitzensport
Dabei weist die aktuelle, alle vier Jahre stattfindende Vendée Globe noch nicht einmal die schlimmste Bilanz auf. 1996/97 erreichten von 16 Teilnehmern nur sechs das Ziel. Einer kam ums Leben, so wie schon ein Segler vier Jahre zuvor. So ist es denn auch die Mischung aus Abenteuer und Spitzensport, die sowohl die besten Einhandsegler der Welt als auch verwegene Überlebenstypen anzieht.
Seine eigene Klasse an der Spitze beweist der Franzose Michel Desjoyeaux. Der Gewinner der Vendée Globe 2000/2001, musste kurz nach dem Start am 9. November wegen technischer Probleme mit der Elektrik kehrt machen, sein Boot an Land reparieren und dann mit zwei Tagen Verspätung erneut ablegen. Doch dann segelte er an allen Konkurrenten vorbei und hat seit dem 16. Dezember die Spitzenposition nicht mehr abgegeben.
„Boss“ und „Professor“ in einer Person
Nach 56 Tagen und 15 Stunden umsegelte Desjoyeaux, den sie wegen seiner Erfolge entweder den „Boss“ oder wegen seiner technischen Kenntnisse den „Professor“ nennen, am vergangenen Montag unbeschadet das gefährliche Kap Horn. „Ich bin froh, den südlichen Ozean endlich hinter mir zu lassen. Wenn man vier Wochen lang mit mindestens 20 Knoten Geschwindigkeit segelt, hat man irgendwann genug. Man kommt niemals zur Ruhe“, gab er über Funk durch.
Wie alle Teilnehmer ist der Skipper über Satellitentelefon, Radio, E-Mail und Videokamera mit der Regattaorganisation verbunden, die die meisten Berichte gleich öffentlichkeitswirksam ins Internet stellt.
Verfolger lobt und kündigt Widerstand an
Roland Jourdain, der mit 155 Meilen Rückstand der Verfolger von Desjoyeaux ist, gestand dem Spitzenreiter zu, mit seinem eingeschlagenen Kurs bei der Kap-Horn-Umseglung „viel Mut“ bewiesen zu haben, kündigte aber Widerstand auf der letzten Etappe zurück zur französische Atlantikküste an: „Mein Boot und ich befinden sich in gutem Zustand“, sagte Jourdain.
Die ersten Boote werden am Ziel- und Startort, dem Küstenstädtchen Les Sables d'Olonne, Anfang Februar erwartet. Vor vier Jahren brauchte der Sieger Vincent Riou, der auch diesmal im Rennen ist und nun Le Cam zur Hilfe eilt, nur 87 Tage und knapp 11 Stunden. Die aktuelle Regatta ist aufgrund der von den Veranstaltern festgelegten Kurskorridore jedoch 1100 Meilen länger.
Schlafintervalle von 20 bis 30 Minuten
Neben den Spitzenseglern erweist sich auch die Leistung der „Amateure“ als erstaunlich, denn hinter ihnen stehen keine großen Konzerne mit ihren Millionenbudgets. Der einzige deutschsprachige Segler im Feld, der Österreicher Norbert Sedlacek, hat mit den geringsten Finanzmitteln und einem renovierten Boot, Baujahr 1996, jetzt mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt.
Wenn alles weiter gut läuft, kann der ehemalige Straßenbahnfahrer rund einen Monat nach dem Sieger das Ziel erreichen. „Ich rechne mit 110 bis 120 Tagen Fahrtzeit. Der Gewinner 1996, dem Baujahr meiner Yacht, brauchte 105 Tage. Das wäre also gar nicht schlecht“, sagt Sedlacek am Satellitentelefon. Weil er wie die meisten anderen Segler immer nur Schlafintervalle von 20 bis 30 Minuten einlegt, sei er „etwas ausgepowert“, doch insgesamt guter Dinge. In Bezug auf den jüngsten Unfall fügte er jedoch hinzu: „Mit jedem Ausfall wird das Nervenkleid dünner“.