Die Unruhe ist ihm anzumerken. Es sind die letzten Tage einer endlos langen Vorbereitungszeit. Für Alex Thomson könnte es sofort losgehen. Er ist bereit. Zehn Jahre wartet der Waliser nun schon darauf, sich seinen Traum zu erfüllen: Einmal durchkommen bei diesem Rennen. Vielleicht sogar gewinnen. Er wirkt ein wenig genervt, als er an diesem Mittag auf sein Rennboot im Yachthafen zurückkehrt - von einem der zuletzt immer häufiger stattfindenden Sicherheitstreffen. Nur Theorie, aber trotzdem überlebensnotwendig. Diesmal ging es um die Eisberge im Südpolarmeer. „Manche sind so groß wie Irland. Die werden uns keine Probleme bereiten. Aber die Eistrümmer, die abbrechen und dann auch von unserem Radar an Bord nicht mehr zu orten sind, können uns den Kopf kosten“, sagt Thomson. Schlagartig ist seine Begeisterung zurück. Der Wettkampf-Freak kommt wieder durch.
Es ist die härteste Regatta der Welt. Das Vendée Globe. Eines der größten Abenteuer im Sport. Die Skipper sind alleine an Bord. Es geht nonstop um die Welt, kein Hafen darf angelaufen werden. Wer Schäden nicht selbst reparieren kann, wird disqualifiziert. Der Trip, der für manchen Teilnehmer zum Albtraum werden kann und in der Vergangenheit auch schon das Leben einiger Segler gefordert hat, dauert 90 bis 100 Tage. Aber nur für den, der durchkommt. Vor vier Jahren war es nicht einmal die Hälfte des Feldes.
Nur besonders erfahrene Einhandsegler werden überhaupt zugelassen. „Die Isolation, der physische und mentale Druck über drei Monate - es gibt keine größere sportliche Herausforderung“, sagt Thomson. Wer mitten im Ozean in Not gerät, ist wie in der Todeszone im Himalaja auf sich alleine gestellt. Deshalb nennen sie das Rennen auch den „Everest der Meere“.
Thomson ist 38 Jahre alt, Familienvater und einer der Favoriten. An diesem Samstag werden die Yachten von Les Sables-d’Olonne am französischen Atlantik in See stechen. Wer gewinnt, erhält ein Preisgeld von 160.000 Euro. Aber das sind Peanuts im Vergleich zum großen Ganzen. Hinter den meisten Teilnehmern steht eine Multi-Millionen-Kampagne. Allein das Boot kostet etwa drei Millionen Euro.
Zum Team von Thomson gehören zwanzig Experten - Bootsbauer, Wetterspezialisten, Informatiker, Elektroniker, Controller, Marketing- und PR-Leute. Der deutsche Mode-Konzern Hugo Boss sponsert ihn, dazu gibt es noch einige reiche Geschäftsleute von der Insel, die als Mäzene mithelfen. Thomson ist ein lebhafter Typ, emotional, kein Eigenbrötler, der die Einsamkeit sucht. Als Racer an der Pinne galt er lange Zeit als Draufgänger, der sein Boot gnadenlos auf Geschwindigkeit trimmte. Vielleicht manchmal zu extrem. So ist Thomson auch ein Pechvogel. 2004 und 2008 nahm er am Vendée Globe teil, musste aber jeweils wegen Materialbruchs aufgeben.
Vor vier Jahren raste er nachts in einen Fischkutter. Diesmal will er die Limits kontrollierter ausloten. Mit einem befreundeten Unternehmensberater und Banker, der bei ihm als Teamdirektor arbeitet, hat sich Thomson intensiv mit der rationalen Seite dieses Segel-Abenteuers beschäftigt. „Ich habe nun mehr Verständnis für die Risiken. Ich versuche, alles zu verstehen, was schieflaufen kann“, sagt er. Trotzdem bleibt das Rennen unkalkulierbar.
Ertrunken, verschollen, gerade noch gerettet
Plötzlich auftauchende Eisschollen, verlorengegangene Schiffscontainer oder auch Wale als Hindernisse unter Wasser können ins Verderben führen. Am Bug hat die Yacht zwar zur Sicherheit eine Knautschzone. Aber die sogenannte Crash Box kann auch nur abdämpfen. Die Gefahren sind vielfältig. Im Sturm, bei besonders steilen Wellen und in einem ungünstigen Moment, kann der bald 30 Meter hohe Mast durch zu große Spannungen in der Konstruktion brechen. Kein Ingenieur kann diese Kräfte vorab berechnen. Ein abgerissener Kiel würde ein Riesenloch in den Boden der Karbonhülle reißen, das Boot würde in wenigen Minuten sinken. Alles schon passiert. Vielleicht wurde auch bei der Entwicklung an der falschen Stelle Gewicht und Material gespart. Schließlich handelt es sich bei den Booten wie in der Formel 1 um Rennboliden, bei denen es vor allem um den richtigen Speed geht.
Volles Risiko gehört zu diesem Höllenritt über die Wogen der Ozeane. Der Mythos des Rennens gründet sich auf viele Dramen. Teilnehmer wie einst der Amerikaner Mike Plant verschwinden auf mysteriöse Weise. Der Brite Nigel Burgess wird ertrunken am Kap Finisterre aufgefunden. Mehrere Monate nach einem infernalischen Sturm im Südpolarmeer werden die Wrackteile der Yacht des Kanadiers Gerry Roufs entlang der Küste Chiles gesichtet, der Segler bleibt verschollen.
Die Auflage vor vier Jahren war geprägt von spektakulären Rettungsaktionen. Als seine vom Autopiloten gesteuerte Yacht in ein tiefes Wellental fällt, verliert der Franzose Yann Eliès das Gleichgewicht und prallt hart auf das Deck. Mit gebrochenem Oberschenkel schleppt er sich in seine Koje und liegt dort fast drei Tage, bis ihn die australische Marine birgt. Sein Landsmann Bertrand De Broc biss sich die halbe Zunge ab und nähte sie sich unter Funkanweisungen des Rennarztes selbst wieder an. Er ist in diesem Jahr wieder dabei.
Alex Thomson arbeitet seit Jahren mit einem Psychologen. „Er gibt mir die Werkzeuge an die Hand, damit ich die härtesten Momente überstehe“, sagt der Brite. Der Kampf gegen die Einsamkeit, Orkane, Monsterwellen, die Kälte, Dunkelheit, der Hunger, die notorische Übermüdung - das Rennen bringt den Menschen an seine Grenzen. Es geht um höchste Disziplin und auch die Fähigkeit, in kürzester Zeit zu entspannen. Thomson schläft alle vier Stunden zwanzig bis dreißig Minuten. Das ist der Ruhe-Rhythmus. Mehr ist nicht drin, über drei Monate lang. Er liegt dann unter Deck auf einer Matte direkt neben seiner Kommunikationsstation. Füße Richtung Bug, damit er bei einer Kollision nicht mit dem Kopf voraus an die Bordwand geschleudert wird.
„Wie ein Straflager“
Dort unten sind die Satellitentelefone, Computer, Radar, diverse Navigations- und Alarmvorrichtungen. Die Energieversorgung läuft über Batterien, die durch Propeller am Heck oder einen kleinen Dieselmotor beladen werden. Es gibt 100 Liter Treibstoff an Bord. Die Koje ist eine schwarze Karbonhöhle. Wenig einladend. Auf einem Campinggaskocher brüht Thomson die Trockennahrung mit heißem Wasser auf. Die Wasserversorgung läuft über eine kleine Entsalzungsanlage.
Bei Eiseskälte und Sturm, wenn dazu viel körperlicher Einsatz an Bord erforderlich ist, vielleicht für eine Reparatur der Mast erklommen werden muss, dann verbrauchen die Segler pro Tag etwa 7000 Kilokalorien - wie die Radfahrer bei der Tour de France. Ein körperlicher Ausnahmezustand, gefangen auf wenigen Quadratmetern. „Das ist hier wie ein Straflager, in dem man 24 Stunden arbeiten muss“, sagt Thomson. Und trotzdem fiebert er dem Start entgegen.