Jamaika brennt, Jamaika rennt. „Wir müssen an unsere Freunde zu Hause denken“, sagt Usain Bolt, während in den Ghettos seiner Heimat Staatsmacht und Bürger aufeinander schießen und bereits mehr als sechzig Menschen ums Leben gekommen sind (siehe: Dutzende Tote bei Jagd auf Drogenbaron in Jamaikaund Banden-Unruhen in Jamaika eskalieren). „Aber ich habe einen Job zu tun.“ Der schnellste Sprinter der Welt trug in Ostrau, im einstigen Kohlenrevier Tschechiens, am Donnerstagabend seinen Teil zum ambitionierten Sportfest „Goldene Spikes“ bei, indem er einen 300-Meter-Lauf bestritt. In 30,97 Sekunden gewann der 23 Jahre alte Supersprinter das Rennen zwar deutlich vor seinem Landsmann Jermaine Gonzales (32,49), verpasste die angestrebte Weltbestzeit aber knapp. Bolt war 12/100-Sekunden langsamer als Michael Johnson im Jahr 2000.
Vor den Kameras und auf der Bahn war Bolt, wie üblich, nicht zu bremsen. Doch wenn er nicht rannte, nicht Interviews gab und nicht mit den Kameras flirtete, traf er sich mit seinen Landsleuten auf einem ihrer Hotelzimmer vor dem Fernsehgerät. „Hoffentlich gibt es keine weiteren Toten“, sagt er, ganz der Botschafter, zu dem die Regierung ihn zum Dank für seine Triumphe bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaft ernannt hat. „Ich wünsche mir, dass Jamaika wieder das schöne Land sein kann, das es ist.“
Usain Bolt schaut zwar besorgt, doch mit einiger Distanz auf die Unruhen in Kingston. Seine Familie stammt, wie die seines Landsmanns und Konkurrenten Asafa Powell, aus dem jamaikanischen Hinterland, weit entfernt von Kingston und seinen Elendsvierteln. „Das ist ein Vorteil“, sagt Powell, als er in Ostrau über die Straße ins Stadion schlendert. „Meine Familie ist zum Glück weit weg von alldem.“ Er kenne ohnehin niemanden, der in die Auseinandersetzungen verwickelt ist.
Anders geht es Shelly-Ann Fraser. Die 23 Jahre alte Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Sprint schläft schlecht in diesen Tagen, sie trägt ihren Blackberry stets mit sich herum, um bloß keine Nachricht zu verpassen. Geboren und aufgewachsen ist sie in Waterhouse, wie Tivoli Gardens das, was man eine schlechte Nachbarschaft nennt in Kingston. „Dort hat es ein paar Schüsse gegeben, aber das Zentrum der Unruhen ist es nicht“, sagt sie. Shelly-Ann Fraser nennt die Vorgänge einen Bürgerkrieg. „Meine Familie und ich sind dort nach den Olympischen Spielen weggezogen“, sagt sie.
Anders als Bolt und Powell, die beide behaupten, sie wüssten nicht einmal, wie der in den Vereinigten Staaten wegen des Vorwurfs des Drogen- und Waffenschmuggels angeklagte Chef des Rauschgiftkartells „Shower Posse“, Christopher „Dudus“ Coke, dessen Auslieferung die Regierung durchsetzen will, aussehe, war der Drogen-Pate Shelly-Ann Fraser schon früher ein Begriff. „Man hört viel über ihn“, sagt sie. „Aber man weiß nie, was stimmt und was nicht.“ Ihrer Überzeugung nach haben die Kriminellen die Bürger in Kingston als Geiseln genommen.
Gelassenheit des Trainers
Jamaikaner seien es gewohnt, bei Naturkatastrophen und anderen Krisen am Telefon und im Internet Informationen einzuholen und beurteilen zu müssen, was Fakten und was Übertreibungen sind, sagt der aus Jamaika stammende Athleten-Manager Adrian Laidlaw. Er hält die Vorfälle für einen isolierten Ausbruch. „Es wäre kein Wunder, wenn Touristen in Jamaika, die nicht fernsehen, gar nichts mitkriegen von den Auseinandersetzungen“, sagt er. „Die Leute in der betroffenen Gegend bilden Bürgerwehren, die die Quelle schützen, aus der das Geld kommt.“
Ähnlich erklärt Bolt, gerade 23 Jahre alt und vor mehr als fünf Jahren nach Kingston gezogen, warum nicht nur die Bande des Drogenbarons Coke dessen Verhaftung mit Waffengewalt verhindert, sondern auch die Bürger des Ghettos. „Der Mann kümmert sich um die Leute wie ein Vater“, sagt er. „Sie haben das Gefühl, als sollte jemand wie ihre Eltern verhaftet werden. Sie glauben, dass sich danach niemand mehr um sie kümmern wird.“
„Jetzt zeigen sich die Folgen von Jahren der Inkompetenz“
Stephen Francis, der Trainer der Gruppe mit Shelly-Ann Fraser und Asafa Powell, gibt sich gelassen. Die Situation sei nicht viel anders als beim Hurrikan im vergangenen Jahr, den er mit seinen Sportlern von Europa aus verfolgt hatte. Seine Athleten leben im Großen und Ganzen weit weg vom Unruheherd in Kingston.
„Jetzt zeigen sich die Folgen von Jahren der Inkompetenz“, sagt er und verfolgt den Gedanken einer inneren Logik. „Wenn das Volk, das in Jamaika lebt, Mittelmaß von seinen Politikern akzeptiert, ist dies das, was sie dafür bekommen.“ Er hoffe, dass die Vorgänge das Bewusstsein der Wähler schärften, sagt Francis, der in kämpferischer Opposition steht zum jamaikanischen Leichtathletikverband und dessen Vertretern. „Sie werden hoffentlich realisieren, was sie von ihren Führern erwarten können.“ Dann schlurft er, inmitten seiner Athleten, zurück ins Hotel. Vors Fernsehgerät.