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US Open : Vier Amerikanerinnen in New York

  • -Aktualisiert am

Sloane Stephens: Nur ein Käfer kann sie schrecken. Bild: AP

Im Halbfinale der US Open sind die Amerikanerinnen unter sich. Mit dabei ist auch Sloane Stephens: Sie galt vor Jahren als großen Talent. Jetzt ist sie wieder aufgetaucht.

          Es ist immer wieder spannend zu beobachten, was alles in den Menschen steckt. Welche Widersprüche sie in sich tragen, das vor allem. Gerade noch hatte Sloane Stephens im größten Tennisstadion der Welt mit Biss und Beharrlichkeit alle Herausforderungen eines langen, heißen Spiels mit der Lettin Anastasija Sevastova angenommen, da fiel sie eine Stunde später bei der Abwehr eines fliegenden Käfers vom Stuhl. Hysterisch fuchtelte sie mit den Armen in der Luft herum, versteckte sich unter dem Tisch, und man hätte meinen können, da sei ein irre gefährliches Tier unterwegs. Der harmlose Gast entkam, aber er fragte sich sicher, als er davonflog: Großer Gott, was war das denn?

          Das war und ist Sloane Stephens, 24 Jahre alt aus dem Sonnenstaat Florida, Tochter eines ehemaligen Footballprofis der New England Patriots. Sie galt vor ein paar Jahren als eines der großen Talente des amerikanischen Frauentennis, „the next big thing“. Und sie war damals ziemlich populär. Als sie bei den Australian Open 2013 mit einem Sieg gegen Serena Williams im Halbfinale landete, trudelten Glückwünsche zuhauf ein, darunter von Größen wie Dirk Nowitzki und dem früheren NBA-Star Shaquille O’Neal. Wer sie reden hörte, der konnte nur über ihre ungeheuer selbstbewussten Töne staunen, über freche Sprüche und einen mehr oder weniger leichten Hang zur Überheblichkeit.

          Das Halbfinale in Melbourne verlor sie gegen Viktoria Asarenka, doch von Australien aus startete sie in ein sehr erfolgreiches Jahr mit einem Viertelfinale in Wimbledon und den Achtelfinals in Paris und New York. Im Herbst stand Sloane Stephens in der Weltrangliste auf Platz elf, der Sprung in die Top Ten schien unmittelbar bevorzustehen. Doch es wurde nichts daraus. Sloane Stephens gewann zwar vier Titel bei kleineren Turnieren, aber auf der großen Bühne spielte sie nicht konstant, und immer wieder waren neue Trainer an ihrer Seite.

          Elf Monate Pause zum Nachdenken genutzt

          Das ging so bis zu den Olympischen Spielen vor einem Jahr. Mit einem Ermüdungsbruch im linken Fuß kehrte sie von den Spielen zurück, und es dauerte lange, bis die Verletzung ausgeheilt war. Doch in den elf Monaten der erzwungenen Pause hatte Sloane Stephens viel Zeit, sich Gedanken zu machen, verbunden mit der Chance, Dinge aus einer normalen Position zu betrachten. Sie sagt, diese Zeit habe ihr irgendwie die Augen geöffnet. Die elf Monate seien nicht leicht gewesen, aber sie habe viel mehr als früher am Familienleben teilnehmen können, und das habe sie glücklich gemacht. „Aber als ich dann endlich wieder spielen konnte, wusste ich sofort: Das ist es, was ich machen will. Das ist es, was ich liebe. Ich habe Glück, dass ich mit Sport Geld verdienen kann, aber es geht hier nicht um Leben und Tod. Ich spiele jeden Tag Tennis und schwitze dabei, verbringe Zeit mit meinen Freunden, trainiere und mache Fotos. Ich schätze, ich hab’s ziemlich gut.“

          Elf Monate Pause, das ist eine lange Zeit, und als Sloane Stephens Anfang Juli in Wimbledon zum ersten Mal danach wieder spielte, verlor sie verständlicherweise und prompt in der ersten Runde, desgleichen direkt danach in Washington. Bei den folgenden Turnieren in Toronto und Cincinnati landete sie zur eigenen Überraschung aber schon im Halbfinale, und in der Weltrangliste rauschte sie innerhalb von drei Wochen von Platz 934 auf 83. Mit dem Halbfinale von New York wird die Amerikanerin mindestens zu den besten 40 der Welt gehören, und da sie in den kommenden Wochen keine Punkte zu verteidigen hat, dürfte es in dieser Richtung weitergehen.

          Aber die Amerikaner feiern dieser Tage nicht nur Sloane Stephens. Sie staunen über eine Dominanz ihrer Spielerinnen, wie es sie bei den US Open lange nicht mehr gab, misst man die Erfolge nicht nur an den Taten der berühmten Schwestern. Serena Williams brachte bekanntlich vergangene Woche eine Tochter zur Welt, deren Tante Venus feiert das Ereignis auf ihre Art und spielt nun an diesem Donnerstag gegen Sloane Stephens zum dritten Mal in diesem Jahr im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Und das mit 37 Jahren. In Melbourne und Wimbledon landete sie auch im Finale, diesmal ist schon jetzt garantiert, dass zumindest eine Amerikanerin um den Titel spielen wird.

          Vier Amerikanerinnen im Halbfinale

          Eine? CoCo Vandeweghe holte mit ihrem Sieg Karolina Pliskova (7:6, 6:3) von Platz eins der Weltrangliste – den nimmt ab Montag die Spanierin Garbiñe Muguruza ein – und erhielt die Möglichkeit eines Endspiels im Zeichen der Stars und Stripes, noch bevor Madison Keys zum letzten Viertelfinale gegen Kaia Kanepi antrat. Keys machte am Mittwochabend mit ihrem Erfolg über die Qualifikantin aus Estlland tatsächlich die amerikanischen Vorschlussrunden-Begegnungen perfekt. Die Weltranglisten-16. gewann 6:3 , 6:3. „Das ist ziemlich cool. Ich bin glücklich, dass mein Name dabei ist“, sagte die 22-jährige Keys.

          Vier Amerikanerinnen in New York: Sloane Stephens (o.l.), Venus Williams (o.r.), Coco Vandeweghe (u.l.) und Madison Keys.
          Vier Amerikanerinnen in New York: Sloane Stephens (o.l.), Venus Williams (o.r.), Coco Vandeweghe (u.l.) und Madison Keys. : Bild: AFP

          Bei den US Open gab es das zuletzt 1981. Damals waren es Martina Navratilova, Chris Evert, Tracy Austin und Barbara Potter. Nun sind es Madison Keys, Coco Vandeweghe, Venus Williams und Sloane Stephens.

          Die erstaunliche Venus Williams ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Sloane Stephens. Wollte man die Gegensätze wirkungsvoll in Bildern festhalten, wäre das ganz leicht. Auf der einen Seite die Flucht von Sloane Stephens unter den Tisch, auf der anderen die Reaktion von Venus Williams auf die Frage, wie sie die vergangenen sechs Jahre beschreiben würde, das Auf und Ab dieser Zeit. „Wow“, sagte sie und lächelte wie Athene, die Göttin der Weisheit. „Ich würde diese Zeit als sechs Jahre beschreiben.“ Eine Antwort wie ein perfekter Volleystopp, listig und endgültig.

          Quelle: F.A.Z.

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