05.09.2011 · Sie wurde als Geheimfavoritin gehandelt, doch Sabine Lisicki enttäuscht bei den US Open. Angelique Kerber steht dagegen erstmals in einem Grand-Slam-Viertelfinale. Bei den Herren scheidet Florian Mayer als letzter Deutscher in New York aus.
Es gibt Niederlagen, die nicht sonderlich schmerzen. Wer wie Sabine Lisicki in den vergangenen vier Monaten nach langer Verletzungspause in atemraubenden Tempo mit zwei Turniersiegen und einer Halbfinalteilnahme in Wimbledon bis auf Rang 18 der Weltrangliste gestürmt ist und damit die beste Einstufung der fünfjährigen Karriere als Tennisprofi erreicht hat, der kann eine Niederlage und eine enttäuschende Leistung verkraften - zumal wenn einem ein solcher Rückschlag gegen eine Gegnerin unterläuft, die die Hackordnung für die Zweitbeste der Zunft hält.
Auch im vierten Match gegen die Russin Vera Swonarewa zog die 21 Jahre alte Berlinerin den Kürzeren, am späten Sonntagabend bei den US Open sogar deutlich mit 2:6 und 3:6 in nur 77 Minuten. „Ich bin stolz, was ich erreicht habe. Aber heute war einfach nicht mein Tag. Aber meine Zeit wird noch kommen“, sagte die frohgemute Verliererin. Auch wenn das Turnier damit für die Berlinerin beendet ist, ist das letzte Kapitel der Geschichte des neuen deutschen Fräulein-Wunders von New York noch nicht geschrieben.
Angelique Kerber hatte wenige Stunden zuvor ihren überraschenden Siegeszug gegen eine weitere höher eingestufte Gegnerin fortgesetzt. Durch einen 6:4, 6:3-Sieg gegen die Rumänin Monica Niculescu, die 68. der Weltrangliste, steht die Kielerin erstmals im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Sie triff nun auf die Italienerin Flavia Pennetta, die als Nummer 25 weit vor der Deutschen (92) geführt wird. Am Montag hatte die deutsche Spitzenfrau Andrea Petkovic noch die Chance, sich ebenfalls für die Runde der letzten Acht zu qualifizieren. Sie geht gegen die Spanierin Carla Suarez Navarro trotz ihrer Knieverletzung als Favoritin in das Match.
Auch wenn Sabine Lisicki mit der Empfehlung des Turniersiegs von Dallas nach New York gekommen war, galt die Deutsche gegen die 26-jährige Moskauerin höchstens als aussichtsreiche Außenseiterin. Aber dass aus einer weiteren Überraschung bei diesem Turnier der Favoritenstürze nichts werden würde, deutete sich schon bei den ersten Ballwechseln an.
Nie den Rhythmus gefunden
Sabine Lisicki wirkte nervös und verkrampft. Die Frau, die mit 205 Kilometern pro Stunde den bisher schnellsten Aufschlag im Damentennis serviert hatte, brachte kaum einen ersten Aufschlag ins Feld. Am Ende wies die Statistik aus, dass sie mit ihrem ersten Service eine Trefferquote von nur 40 Prozent erreichte. Und da auch die Rechnung Gewinnschläge gegenüber vermeidbaren Fehlern mit 11:28 ein klares Minus aufwies, hatte die Vorjahrsfinalistin relativ leichtes Spiel.
„Ich habe beim Aufschlag nie meinen Rhythmus gefunden, aber Vera hat auch sehr gut gespielt“, bilanzierte die in Florida lebende Deutsche nüchtern, „aber es war auch eine chaotische Woche für mich.“ Wegen des Hurrikans Irene konnte sie erst am Montag anreisen, wenig Zeit, um sich auf die äußeren Bedingungen im „Big Apple“ umzustellen. „Ich bin körperlich und mental ziemlich fertig“, sagte Sabine Lisicki. Erst beim Turnier in Peking Anfang Oktober wird sie den letzten Saison-Abschnitt beginnen und dann noch einmal voll angreifen: „Ich will den Schwung mitnehmen.“
Genau das gelang Angelique Kerber. Sie war in Dallas erst im Halbfinale gescheitert und voller Selbstvertrauen am Samstag mit der Hoffnung in New York angekommen, dass sich jetzt für sie alles zum Besseren wenden werde. Sie hatte das Jahr als 45. der Weltrangliste begonnen und war in der ersten Jahreshälfte sogar aus den Top 100 herausgefallen - und das, obwohl sie engen Kontakt zur Weltspitze hält. „Wir sind eng befreundet“, beschrieb die Kielerin ihre Nähe zur Weltranglistenersten Caroline Wozniacki, deren Eltern wie die von Angelique Kerber aus Polen kommen. „Ich war bei ihrer Feier zu ihrem 21. Geburtstag in Monaco, wir waren zusammen in Mauritius in Urlaub - ohne Tennisschläger.“
Nichts zu verlieren
Am Sonntag verkürzte die 23-Jährige den sportlichen Abstand zu ihrer Freundin durch den Sieg gegen Monica Niculescu, die fast jede Vorhand als Slice spielt. Mit dem erstmaligen Erreichen eines Viertelfinals bei einem Grand-Slam-Turnier verbessert sich Angelique Kerber in der Weltrangliste um rund 30 Plätze. Aber wenn Andrea Petkovic Recht behält, ist damit noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: „Ich habe im Juli drei Wochen mit ihr in Offenbach trainiert. Sie wird am Ende des Jahres unter den Top 30 sein.“
Dieser vorhergesagte Aufstieg kommt nicht von ungefähr. Mit dem Trainerwechsel von Vater Slawomir Kerber zu dem 31-jährigen Benjamin Ebrahimzadeh, einem deutsch-iranischen Tennislehrer, der 2008 für das Land seiner Vorfahren im Davis Cup spielte, kamen neue Impulse. Die beiden werden sich für die nächste Partie etwas einfallen lassen müssen. Flavia Pennetta hatte mit ihrem Zweitrundensieg gegen die Russin Maria Scharapowa für den bisher größten Paukenschlag der Damenkonkurrenz gesorgt. Und da sie auch noch die bisher einzige Partie vor einigen Wochen gegen Angelique Kerber auf Sand in Bastad deutlich gewonnen hatte, kann die Deutsche die Sache ganz entspannt angehen. Sie hat, wie es so schön heißt, nichts zu verlieren.