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US Open Kunterbunte Tennistypen

04.09.2010 ·  Das Lamentieren über fehlende Charakterdarsteller im Tennis ist nicht mehr ganz berechtigt. Es gibt sie, die Typen wie Tipsarevic, Köllerer oder auch den Deutsch-Jamaikaner Dustin Brown.

Von Thomas Klemm, New York
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Das Klischee lebt: Es gibt im Tennis keine tollen Typen mehr. Früher, da gab es Connors, Nastase, McEnroe, das waren geniale Flegel, die das Publikum in einem Augenblick begeisterten, im nächsten Moment gegen sich aufbrachten, aber zu keiner Zeit kaltließen. Aber heute, ach, da gelingen dem Magier Roger Federer zum wiederholten Male Zauberschläge, von denen andere Profis nicht einmal träumen können, da besitzt Rafael Nadal eine Energie, die noch auf dem hinterletzten Tribünenplatz spürbar ist, und da sind frühere Champions wie Andy Roddick oder Lleyton Hewitt den Fans im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen.

Aber sonst? Die anderen Profis, heißt es, die seien doch alle verwechselbar. Typen ohne Ecken, Kanten und Macken, heißt es, und alle spielten das gleiche Tennis: mit viel Power, aber wenig Finesse. Und immer von der Grundlinie. Beim flüchtigen Blick auf Deutschland kommen die Kritiker zum selben Schluss. Früher war Boris Becker eine Klasse für sich, heute ist Philipp Kohlschreiber Massen-Bester.

Wer aber die Augen offen hält, der wird sie finden, die Profis mit Charakter, Charisma und Können. Spieler wie den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga, der bei den US Open verletzt fehlt, oder dessen athletischen Landsmann Gael Monfils, über den der gealterte Bösewicht John McEnroe sagte: „Er hat Superschläge, er liefert Thrill und Drama, und er macht auch mal ein paar Faxen.“ Oder einen wie Monfils' Drittrundengegner in New York, den Serben Janko Tipsarevic, der an seinen tollen Tagen Champions schlagen kann (wie Roddick am vergangenen Mittwoch) oder sie hart an den Rand einer Fünf-Satz-Niederlage bringt (wie Federer bei den Australian Open 2008). In seinen schlechten Stunden kann Tipsarevic, der oft mit getönter Brille spielt und oft in die Gedankenwelt Nietzsches und Schopenhauers eintaucht, gegen (fast) jeden verlieren.

Kreischende Fans verraten Dustin Brown

Manchmal braucht aber nicht den geschärften Blick, sondern es genügen schon gespitzte Ohren, um eine Entdeckung zu machen: Dort, wo die Zuschauer am lautesten lachen, kreischen oder klatschen, muss gerade Dustin Brown spielen. Der Fünfundzwanzigjährige ist halb Jamaikaner, halb Niedersachse, und er ist drei Profijahre lang mit einem Wohnmobil von einem kleinen europäischen Turnier zum nächsten gereist, ehe er sein Betätigungsfeld ausgedehnt hat.

Im Zuge seiner persönlichen Globalisierung stellte Brown den Camper daheim in Winsen/Aller vor der Garage ab und stieg auf Linienflüge um. Wo immer er seither in der Welt landet und auftritt, ob in Stuttgart oder wie in den vergangenen Tagen in New York, ob auf dem hintersten Trainingsplatz in der Provinz oder wie am Freitag im größten Tennisstadion der Welt, überall geraten die Leute aus dem Häuschen. Diesen Rummel kenne er schon von den Challenger-Turnieren, sagt Brown, also von dort, wo er als Mitreisender des Tenniszirkus gewöhnlich sein Geld verdient: „Wenn ich gut spiele, kommen immer viele Leute an den Platz.“

Instinktspieler

Am Freitag spielte der 123. der Weltrangliste nicht gut, unterhielt viele Zuschauer aber bestens. Weil Brown in der ersten Runde den Spanier Rubens Ramirez Hidalgo geschlagen und damit bei seinem zweiten Grand-Slam-Turnier erstmals ein Match gewonnen hatte, durfte er im Arthur-Ashe-Stadium aufschlagen; nicht, weil er so eine Attraktion ist, sondern weil der Weltranglistendritte und Turnier-Mitfavorit Andy Murray sein Gegner war. Nur 85 Minuten dauerte das Vergnügen, dann hatte Brown 5:7, 3:6 und 0:6 verloren. „Es war toll, auf so einem Platz gegen einen wie Andy zu spielen“, sagte der Deutsch-Jamaikaner, „aber er war, glaube ich, am Anfang nervös, weil er nicht wusste, was ihn erwartete.“

1,96 Meter groß, dunkle Hautfarbe, lange Rastalocken, weißes Muskelshirt, eine kunterbunt-gestreifte Hose, in der sich andere Männer schon im eigenen Kleingarten mutig vorkommen würden, dazu Schweißbänder und Schnürsenkel in Leuchtfarben: allein durch seinen Anblick verleiht Brown den Zuschauern karibische Gefühle. Und wie er spielt! Egal, ob gegen Ramirez Hidalgo oder Andy Murray - er folgt weniger einer Taktik als vielmehr seiner Eingebung. Wenn er Lust hat, einen Stoppball zu spielen (und die verspürt er sehr oft), dann spielt er ihn, auch wenn er zwei Meter hinter der Grundlinie steht. Wenn ihm einfällt, es mal mit einer krachenden Rückhand zu versuchen, dann drischt er dermaßen auf den Filzball, dass die Balljungen auf der Gegenseite verschreckt in Deckung gehen. Und weil Dustin Brown auch immer wieder ans Netz vorstürmt, geraten die Zuschauer völlig in Verzückung. Rum oder Selters, das ist die Spielweise des Deutsch-Jamaikaners. „Der Gegner weiß nicht, was kommt“, sagt Brown.

Murray wundert sich

Mit seinem für alle Außenstehenden außergewöhnlichen Auftreten stieß er in den vergangenen Turniertagen in die kleine Lücke, die zwei andere Spieler gerissen hatten. Neben dem verletzten Tsonga, der aussieht und tänzelt wie der junge Muhammad Ali, mitreißend spielt und gewonnene Punkte mitreißend feiert, müssen die New Yorker auch auf den in der Weltrangliste abgestürzten Daniel Köllerer verzichten, der sich im vergangenen Jahr durch einen im Hechtsprung geschlagenen Lob gegen den späteren Turniersieger Juan Martin del Potro unsterblich gemacht hat - zumindest beim Publikum. Bei seinen Profikollegen und Ballkindern ist der Österreicher eher als Stinkstiefel verschrieen. Köllerer selbst nennt sich „Crazy Dani“ und verscherbelt Fanshirts, auf denen „I'm different“ steht.

Auch Dustin Brown ist anders, aber für alle, die ihn bei diesen US Open erlebten, war er ein Darling. „Was für ein verrückter Tennisspieler!“, rief ein Amerikaner, der so alt ist, dass er schon Connors und Konsorten persönlich erlebt haben muss. Andy Murray dagegen fand seinen Zweitrundengegner eher seltsam, weil sich Brown bei den Seitenwechseln nie auf seinem Stuhl ausruht, sondern stehen bleibt. „Ich habe noch nie gegen einen gespielt, der so etwas macht“, sagte der Schotte. Dustin Brown kennt all diese Kommentare über seinen Stil und sein Spiel. „Für andere Leute ist es sicher unorthodox, aber für mich ist es normal.“

Dass der Ruf, ein toller Tennistyp zu sein, allerdings noch längst nicht den Status eines Stars sichert, musste der Serbe Tipsarevic dieser Tage erfahren. Als der 44. der Weltrangliste, der sich das Dostojewskij-Zitat „Schönheit wird die Welt retten“ auf die Haut tätowierte, vom amerikanischen Tennisverband kein Fahrzeug zum Hotel gestellt bekam, verbreitete er auf Twitter: „Ich bin wohl nicht gut oder berühmt oder cool genug.“ Es braucht wohl noch ein wenig Zeit, bis die große Tenniswelt alle diejenigen bemerkt, die ihr das „Ah“ und „Oh“ des Spiels vermitteln.

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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