01.09.2009 · Das erste Spiel ist erst einmal das schwerste. Die Auftakt-Bilanz der deutschen Tennisprofis bei den US Open: eine gescheiterte Philosophin, Quälerei, Glück und Niederlagen in Spielen, die man eigentlich gewinnen muss.
Von Peter Penders, New YorkFür Sepp Herberger war einst immer das nächste Spiel das schwerste, aber der war ja auch Fußballtrainer. Bei Tennisspielern liegt der Fall etwas anders, dort ist immer das erste Spiel erst einmal das schwerste. Hauptsache erst einmal irgendwie rein finden in so ein Grand-Slam-Turnier und nicht gleich schon am ersten Tag ausscheiden. Säuberlich aufgeteilt aber ist das Teilnehmerfeld der US Open am Abend.
Auf der einen Seite die Gewinner, von denen manche so souverän in die nächste Runde eingezogen sind wie der große Favorit Roger Federer, während andere letztlich irgendwie durchkamen wie der Deutsche Tommy Haas, der sich über vier Sätze gegen den kolumbianischen Oualifikanten Alejandro Fallo quälte oder so glücklich sind wie der Kornwestheimer Simon Greul, der sich im Tiebreak des fünften Satzes gegen Giovanni Lapentti durchsetzte und nachher bekannte: „Ich glaube, mein Matchball war Aus.“
Fünf Sätze gespielt, nicht mal müde - aber ausgeschieden
Mit großen Hoffnungen aber starten sie alle, nirgendwo werden so viele Punkte vor allem für die Weltrangliste verteilt wie bei diesen Grand-Slam-Turnieren. Die vier Saisonhöhepunkte sind häufig wegweisend für das komplette Spieljahr, wer in Melbourne, Paris, London oder New York gut gespielt hat, kann davon eine Zeitlang zehren. Wer es nicht schafft, hält sich nicht in den vorderen Regionen - eine Erfahrung, die der Korbacher Rainer Schüttler gerade macht. Anfang des Jahres war er noch der höchstplazierte deutsche Spieler in der Weltrangliste, nun rutscht er langsam aus den Top 100.
Seine Grand-Slam-Bilanz? Schüttler reckt den Daumen hoch, was in diesem Fall aber kein Zeichen für ein besonders gelungenes Fazit ist. Ein Spiel gewonnen bei vier Turnieren, eine Runde in Wimbledon überstanden, ansonsten Erstrundenniederlagen in Melbourne, Paris und nun auch New York. Immer dasselbe Spiel sei es gewesen, sagt Schüttler, auch diesmal gegen den Tschechen Hernych. „Ich habe meine Chancen nicht genutzt. Und dann verlierst du.“ Schüttler ist 33 Jahre alt, aber körperlich kann er noch mit jedem mithalten. „Ich habe fünf Sätze gespielt und bin nicht einmal müde“, sagt er.
Zwerev ist sich nach dem 0:6 selbst ein Rätsel
Das hätte Mischa Zwerev auch gerne behauptet, stattdessen war für den Hamburger mit russischen Wurzeln das Gegenteil richtig gewesen. 6:2 hatte er den ersten Satz gegen den Spanier Granollers gewonnen, war der überlegene Spieler gewesen. Verloren hatte er am Ende doch wieder, wie schon so oft in dieser Saison. Er schafft es nicht, die Spiele als Sieger zu beenden, die er eigentlich gewinnen müsste. Eine Kopfsache, die irgendwann in solchen Partien auch für eine Blockade sorgt.
„Im vierten Satz stehe ich nach einem Seitenwechsel auf und bin plötzlich völlig fertig“, sagt Zwerev, „danach bin ich beim Volley in die Knie gegangen wie ein alter Opa.“ Dabei könne er eigentlich stundenlang laufen, und selbst ein Arzt hatte ihm zuletzt attestiert, dass er fit sei. „Aber ich bin es dann doch nicht“, sagt Zwerev und ist sich nach dem 0:6 im fünften Satz selbst ein Rätsel.
Für Petkovic hat die Niederlage auch was Gutes
Andrea Petkovic dagegen kann ihre Niederlage gut erklären. 0:6 hatte es in ihrer Gesamtbilanz gegen ihre deutsche Kollegin Angelique Kerber vorher gestanden, nun heißt es nach der Dreisatzniederlage 0:7. Da spielt es keine Rolle, dass sie mittlerweile kurz vor den Top 50 der Welt steht und sich ihre Freundin und in diesem Fall auch Gegnerin durch die Qualifikation spielen musste. „Sie liegt mir nicht“, sagt Andrea Petkovic. Sie haben eben extrem unterschiedliche Spielweisen, die eine spielt riskant auf Angriff und kann offenbar nur das, die andere setzt auf Konter, was mal wieder die bessere Taktik war. „Meine Zeit wird kommen, bald bin ich da, wo ich hingehöre“, sagt FAZ.NET-Kolumnistin Andrea Petkovic trotzdem.
Im Januar 2008 hatte sie sich das Kreuzband in Melbourne gerissen und das gesamte Jahr aussetzen müssen. Klingt schrecklich für eine Sportlerin, war aber im Nachhinein vielleicht hilfreich für die weitere Karriere. „Ich konnte viel aufarbeiten, Rücken, Beine, Po und so weiter“, sagt sie, und was wie nach einer Morgengruppe im Cluburlaub klingt, ist in Wahrheit fundamental wichtig. „Ich habe mir eine Basis erarbeiten können, von der aus ich nun viel härter trainieren kann, so hart wie die Spitzenspielerinnen. Das wird sich auszahlen“, sagt Andrea Petkovic, „ich bin jetzt eine Sportlerin, vorher war ich Philosophin.“ Immerhin gilt sie als der klügste Kopf im deutschen Tennis, mittlerweile hat sie nebenbei im Fernstudium Politikwissenschaften belegt. Da hat die Niederlage auch was Gutes, demnächst steht die Klausur über politischen Strukturen in Deutschland und Europa an. Ihre sportlichen Strukturen für die weitere Profikarriere sieht sie schon jetzt erheblich verbessert an, nur manchmal läuft halt noch was schief, so wie an diesem Tag. „Ich hatte zwanzig Winnerschläge“, sagt sie, „aber gefühlte 437 unerzwungene Fehler. Waren am Ende doch ein paar zu viel.“