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US Open Finale : Die Krise fällt aus

  • -Aktualisiert am

„Nie wieder nach dem Zustand des Frauentennis fragen“: Sloane Stephens. Bild: USA Today Sports

Die Zukunft des amerikanischen Damen-Tennis ist da: Madison Keys und Sloane Stephens spielen in Flushing Meadows um den Titel bei den US Open.

          Zu den ersten Gratulanten gehörte eine Frau, die Siegerinnen erkennt, wenn sie vor ihr stehen. „Congratulations Sloane“, twitterte Oracene Price nach dem ersten Coup. „Congratulations Madison“, schrieb sie nach dem zweiten. Mrs. Price ist Mutter zweier Töchter, die auch ein wenig Tennis spielen können, die eine trägt den Vornamen Venus, die andere heißt Serena. Nachname Williams.

          Viele andere schlossen sich den Glückwünschen an, aber neben dem persönlichen Aspekt der Finalistinnen lebt diese Geschichte vor allem vom überraschenden Erfolg des amerikanischen Frauentennis. Vier Spielerinnen der Vereinigten Staaten im Halbfinale, und das ohne die junge Mutter Serena Williams, demzufolge zwei im Finale – auf diese kühne Idee wäre vor Beginn der US Open selbst der größte Optimist in Miami oder San Francisco nicht gekommen.

          Zwischen 1979 und 1985 hatte es eine solche Konstellation bei den Grand-Slam-Turnieren weltweit fünfmal gegeben, zuletzt in Wimbledon mit Chris Evert, Martina Navratilova, Zina Garrison und Kathy Rinaldi. Der zweite Erfolgswelle rollte in den frühen 2000er Jahren mit Lindsay Davenport, Jennifer Capriati und den jungen Williams-Schwestern, doch in den vergangenen Jahren sah es oft genug so aus, als werde es derartige Feiertage für den Tennisverband der Vereinigten Staaten nicht mehr geben.

          Zehn Jahre lang, zwischen 2007 und 2016, landete nie mehr als eine Amerikanerin im Halbfinale, und die hieß entweder Serena oder Venus Williams. Nach 2003, als Andy Roddick gewann, gab es bei den US Open bei den Männern keinen amerikanischen Sieger mehr, bei den Frauen war das wegen der Schwestern anders, aber zuletzt fürchteten sich viele vor dem Gedanken, Serena und Venus Williams könnten sich spontan entscheiden, den Schläger in die Ecke zu stellen.

          Der amerikanische Tennisverband macht mit den US Open jedes Jahr einen satten Gewinn, und es müsste doch irgendwie möglich sein, einen Teil des Geldes aus diesem Gewinn in die Förderung des Nachwuchses zu stecken. Nun, mehr als 60 Millionen Dollar pumpte die USTA, diesem Gedanken folgend, in ihre neues Prachtstück, das neue Leistungszentrum mit 100 Tennisplätzen, einem Wohnheim und allem Schnickschnack in Lake Nona in der Nähe von Orlando.

          Im Januar wurde das Zentrum eröffnet, und man kann sich vorstellen, welche Möglichkeiten sich da in Zukunft bieten – vorausgesetzt, der herannahende Hurricane Irma zwingt nicht zunächst zu unvorhergesehenen Wiederaufbaumaßnahmen. Die Präsidentin der USTA, Katrina Adams, versteht es jedenfalls nicht schlecht, sich selbst und damit auch den Verband in Szene zu setzen.

          Im Prinzip müsste der Verband aber auf jedem Tennisplatz des Landes Erinnerungstafeln für Oracene Prices unglaubliche Töchter an die Wand hängen. Nicht nur, weil es ohne die Schwestern in sehr vielen Jahren ziemlich finster ausgesehen hätte, sondern auch deshalb, weil die Wirkung der beiden auch viele sportbegabte Kids aus afroamerikanischen Familien erreichte. 60 Jahre nach den Siegen der Pionierin Althea Gibson, die 1957 in Wimbledon und Forrest Hills den Titel gewann, gäbe es keine passendere Besetzung des Finales als Sloane Stephens und Madison Keys.

          Wer vor zwei Wochen auf ein Endspiel dieser beiden getippt hätte, den hätte man nun als Ausdruck der Bewunderung in einer Sänfte über die Anlage tragen müssen. Aber es gab ja in der jüngeren Vergangenheit schon Beispiele für Konstellationen, die niemand auf dem Plan hatte. Das russische Finale des Jahres 2004 mit Swetlana Kusnezowa und Jelena Dementjewa etwa und vor allem das italienische Endspiel mit Flavia Penetta und Roberta Vinci vor zwei Jahren.

          Penetta erklärte damals nach dem Sieg noch auf dem Platz ihren Rücktritt – das wird diesmal garantiert nicht passieren. Sloane Stephens, die im Halbfinale in drei höchst gegensätzlichen Sätzen gegen Venus Williams gewann (6:1, 0:6, 7:5), und Madison Keys, souveräne Siegerin gegen Coco Vandeweghe (6:1, 6:2), sind gerade dabei, sich selbst und ihre Möglichkeiten neu zu entdecken. Keys, 22 Jahre alt und Nummer 16 der Welt, galt schon vor Jahren als Kandidatin auf einen Titel, ebenso die zwei Jahre ältere Sloane Stephens. Beide wurden in letzter Zeit von Verletzungen gestoppt; Keys wurde zweimal am Handgelenk operiert, zuletzt erst im Juni, Stephens fehlte nach einem Ermüdungsbruch im linken Fuß elf Monate lang.

          Das Wort zum Tage und zur Besetzung des amerikanischen Finales sprach Venus Williams: „Champions kommen von Verletzungen oder Umständen zurück, mit denen sie nie gerechnet haben. Und so etwas macht den Leuten Mut.“ Ihr selbst fehlte am Ende auch ein wenig die Kraft, aus dem Happy End mit einem dritten Grand-Slam-Finale in diesem Jahr wurde nichts. Keys oder Stephens, das ist nun die Frage. Die beiden sind eng befreundet, es wird keine Kleinigkeit sein, das im Finale zu vergessen, aber für beide ist die Chance gleich groß. „Egal, wer gewinnt“, sagt Stephens, „es soll mich aber bitte nie mehr irgendwer nach dem Zustand des amerikanischen Frauentennis fragen – zumindest in den nächsten zehn Jahren nicht.“

          Quelle: F.A.Z.

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