Home
http://www.faz.net/-gub-6ko87
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

US Open Die Show muss weitergehen

08.09.2010 ·  Die Fans bei den US Open in New York sind begeistert. Der Franzose Gael Monfils bietet immer ein Spektakel, für den großen Durchbruch reicht es bislang aber nicht. Im Viertefinale muss er sich gegen den starken Serben Novak Djokovik bewähren.

Von Thomas Klemm, New York
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Autsch, denken die Amerikaner, wenn sie Gael Monfils spielen sehen: Was für ein verrückter Kerl, der über die Hardcourts von Flushing Meadows rutscht, als würde er mit beiden Beinen über die Sandplätze daheim in Frankreich gleiten! Wow, staunen kurz darauf die selben Zuschauer, wenn Monfils wieder einen Spagat hingelegt hat, der jedem Turner zur Ehre gereicht, oder wenn er seinen von Natur aus langen Arm scheinbar noch länger reckt, um einen Ball noch zu erreichen. Yeah, schreit das Publikum, wenn dem dunkelhäutigen Franzosen wieder ein Schlag gelungen ist, den man selbst bei den US Open nicht alle Tage sieht.

Die New Yorker lieben die Show, die sie von Gael Monfils geboten bekommen, und der Franzose schwärmt von dem Spektakel, das die Zuschauer seinetwegen veranstalten: „Ich liebe die Atmosphäre. Ich liebe das Publikum. Ich liebe diese Stadt.“ Bei aller Liebe: Der Vierundzwanzigjährige ist nicht hier angetreten, um sich einen Schönheitspreis für seine aufregende Spielweise abzuholen. Er ist gekommen, um Versäumtes nachzuholen.

Vor sechs Jahren, als Monfils noch ein hochtalentierter Teenager war, gewann er die Junioren-Wettbewerbe der ersten drei Grand-Slam-Turniere: Nach den Triumphen in Melbourne, Paris und Wimbledon fehlte nur noch der Titel von New York, um die große Kollektion zu komplettieren. Doch Monfils reiste verletzt an und verlor. Die Geschichte aus dem Sommer 2004 hat sich über all die Profijahre hinweg fortgesetzt. Oft stand der Franzose vor dem großen Durchbruch, oft hat sein Körper ihn aufgehalten. Meistens waren es die Knie, die schwach wurden: „Ich bin zu schnell gewachsen, so dass ich Knieprobleme bekommen haben“, sagt der Neunzehnte der Weltrangliste.

Der letzte Schritt fehlt

An diesem Mittwoch trifft Monfils im Viertelfinale der US Open auf einen fast Gleichaltrigen, mit dem er sich schon auf Jugend-Turnieren packende Duelle lieferte. Damals hatte der Franzose die Nase vorn, mittlerweile ist ihm Novak Djokovic enteilt. Seit er vor zwei Jahren bei den Australian Open dominierte, hat der Serbe einen großen Titel schon in der Tasche. Dazu kommen sechzehn andere, die sich gewaltig ausnehmen gegenüber den zwei Turnieren, die Monfils bisher gewonnen hat. „Physisch ist er einer der stärksten Typen auf der Tour“, sagt Djokovic: „Wenn er gut ins Spiel kommt, kann er jeden schlagen, weil er so athletisch ist und eine Menge Bälle zurückbringen kann.“

Was Gael Monfils’ Fertigkeiten versprechen, hat er selten halten können. Wie sein Kumpel Richard Gasquet, den er am Montag im Achtelfinale 6:4, 7:5 und 7:5 besiegte, sowie Jo-Wilfried Tsonga und Gilles Simon gehört er zu jener Spielergeneration, von der sich die Grande Nation Großes erwartet. Sie alle waren schon einmal in den Top Ten der Weltrangliste, aber sie alle haben den letzten Schritt noch nicht geschafft. Seit Yannick Noahs French-Open-Sieg 1983 hat kein Franzose einen großen Einzeltitel gewonnen.

Tsonga, der in New York verletzt fehlt, war am nächsten dran: Er war es, der gegen Djokovic 2008 im Melbourner Finale unterlag. Natürlich würde er gerne ein Grand-Slam-Turnier gewinnen, sagte der aktuelle Elfte der ATP-Rangliste einmal, „aber wenn Richard, Gael oder Gilles es vorher schaffen, dann werde ich mit ihnen glücklich sein.“ Monfils gelangte 2008 ins Halbfinale der French Open, unterlag aber dem damaligen Weltranglistenersten Roger Federer.

Einer für alle, alle für einen

Das Motto, das der Schriftsteller Alexandre Dumas für die drei Musketiere erfand, gilt auch für die vier Tennisprofis: Einer für alle, alle für einen. Dass nun Monfils – und nicht der höher eingestufte Tsonga – als erster Franzose seit zehn Jahren im Viertelfinale der US Open steht, kommt ihm spanisch vor: „Ich bin derzeit unser Anführer, aber ich sehe mich nicht so“, sagt der Mann, den seine Freunde „Lamonf“ nennen. Als Spitzenkraft wird Monfils wohl auch ein paar Tage nach den US Open gefordert sein – wenn es im Davis-Cup-Halbfinale gegen Argentinien geht.

Der Sieger zwischen Monfils und Djokovic, der bisher alle vier Duelle auf der Profitour gewann, wird es mit dem fünfmaligen US-Open-Champion Federer oder Robin Söderling zu tun bekommen; dieses Viertelfinale hat ebenfalls seine Brisanz, schließlich beendete der Schwede bei den French Open des Schweizers Serie von 23 Halbfinalteilnahmen bei Grand-Slam-Turnieren ohne Unterbrechung. Auch Gael Monfils hat noch eine Rechnung offen mit Djokovic, besiegte ihn der Weltranglistendritte doch im vorigen Herbst im Endspiel seines Heimatturniers in Paris-Bercy. Nun, in der geliebten Fremde vor seinen amerikanischen Fans, sieht der Franzose seine Zeit gekommen: „In dieser Intensität fühle ich mich stärker.“ The show must go on.

„Europäisches“ Viertelfinale bei den US Open
Rafael Nadal (SPA / Nr. 1)- Fernando Verdasco (SPA / 8)
Stanislas Wawrinka (SUI / 25) - Michail Juschni (RUS / 12)
Gael Monfils (FRA / 17) - Novak Djokovic (SER / 3)
Robin Söderling (SWE / 5) - Roger Federer (SUI / 2)

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Improvisieren unter Zeitdruck

Von Michael Ashelm

Die Nationalelf setzt darauf, dass die frustrierten Münchner ihr neuen Anschub geben. Über genug Turniererfahrung und Reife verfügen die Leistungsträger. Zudem ist es ja nicht so, als hätten die Gegner keine Sorgen. Mehr 1