05.09.2010 · Andrea Petkovic hat das Achtelfinale kampflos erreicht. Die letzte Deutsche in New York spielt nun am Montag gegen Vera Zvonareva. Die russische Wimbledon- Finalistin und Achte der Weltrangliste setzte sich am Samstagabend gegen Alexandra Dulghero aus Rumänien durch.
Von Thomas Klemm, New YorkTagsüber wird Hochzeit gefeiert, nachts Tennis geguckt: Das Samstags-Programm bei Familie Petkovic aus Darmstadt war für alle Beteiligten wie in die Stein gemeißelt. Erst versammelten sie sich, um die Trauung von Tanja Petkovic zu erleben, nach der folgenden Party war für alle Gäste zu nächtlicher Stunde ein gemeinsames Mitfiebern vor dem Fernsehgerät angesagt. Auf dem Programm stand schließlich das Drittrundenmatch von Andrea Petkovic, der Cousine der Braut, die im fernen New York seit Tagen für Furore sorgt. Doch die hessische Hochzeitsfeier konnte ohne Unterbrechung bis in die frühen Morgenstunden weitergehen, denn die bekannteste Angehörige des deutsch-serbischen Clans betrat gar nicht erst den Court 11 von Flushing Meadows.
Trotzdem passte das Motto des Abends, das Andrea Petkovic als „feiern, weiterfeiern, nach Hause gehen“ bezeichnete. Denn auch ohne im windigen New York aufschlagen zu müssen, hat die 22 Jahre alte Tennisspielerin zum ersten Mal das Achtelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht. „Erleichtert, aber nicht richtig glücklich“ sei sie, sagte die Darmstädterin, nachdem ihre chinesische Gegnerin Shuai Peng wegen einer Ellenbogenverletzung nicht hatte antreten können. „Es ist natürlich nicht so eine Euphorie wie in der Runde zuvor, als ich drei Matchbälle abgewehrt habe.“
Ausdauerathletin Petkovic
Erleichtert war die 38. der Weltrangliste nicht nur, weil sie keine Bälle gegen die Böen schlagen musste, sondern vor allem deshalb, weil sie sich und ihren schmerzenden Oberschenkel für das Achtelfinalspiel gegen die russische Weltranglisten-Achte Wera Swonarewa schonen konnte. Ein wenig übereifrig, hatte sich Andrea Petkovic bei den US Open nicht nur aufs Einzel konzentriert, sondern obendrein auch im Doppel und im Mixed gemeldet. So hatte sie an vier der ersten fünf Turniertage jeweils ein Spiel zu absolvieren, drei Matches gingen gar über drei Sätze. „Ich bin hier so eine Art Marathon-Frau“, sagte die Hessin, die in die Fußstapfen der Deutschen Anna-Lena Grönefeld getreten ist: Die Nordhornerin erreichte 2008 die Runde der letzten sechzehn in Flushing Meadows.
Die Ausdauerathletin Petkovic lässt die deutschen Herren eher wie Kurzstreckenläufer aussehen, denen früh die Puste ausging. In der Stärke einer Fußballmannschaft waren sie bei den US Open aufgelaufen, doch nach nur zwei Runden hieß es für die Elf: Spielschluss. Von den vier deutschen Profis, die in New York zumindest ihr Auftaktmatch überstanden kannten, konnten sich Philipp Petzschner, Andreas Beck und Benjamin Becker immerhin zugute halten, letztlich an Weltklassespielern gescheitert zu sein. „Da muss wirklich alles stimmen, damit man die auch mal schlagen kann“, sagte Becker nach seiner 3:6, 4:6, 4: 6-Niederlage gegen den Spanier David Ferrer.
Philipp Kohlschreiber dagegen beraubte sich selbst der großen Chance, in der dritten Runde den Weltranglistenersten Rafael Nadal herauszufordern. Mit einer 2:1-Satzführung im Rücken überließ der Augsburger seinem Gegner Gilles Simon am Freitag grundlos die Initiative, baute den Franzosen dadurch auf und verlor letztlich 6:4, 3:6, 6:1, 1:6 und 3:6. Davon, dass er anders als bei den sechs vorangegangenen Grand-Slam-Turnieren sein Minimalziel dritte Runde verfehlte, gehe seine Tenniswelt nicht unter, behauptete Kohlschreiber, „dem kann man nicht nachtrauern und sich runterziehen lassen“.
Auch Patrik Kühnen war bemüht, das schlechteste Abschneiden der deutschen Herren seit zwei Jahren nicht allzu kritisch zu sehen. Was angesichts des Davis-Cup-Abstiegsspiels gegen Südafrika, das dem Teamchef mit seiner Auswahl vom 17. bis 19. September in Stuttgart bevorsteht, verständlich erschien. „Keiner ist über sich hinausgewachsen“, sagte Kühnen, der sich allerdings zumindest einen Landsmann in der zweiten Turnierwoche gewünscht hätte. Das war zuletzt Tommy Haas vor drei Jahren in Flushing Meadows gelungen.
Philipp Kohlschreiber hat sich noch nicht in eine Position bringen können, die ihm das Weiterkommen bei einem der vier bedeutendsten Tennisturniere erleichterte. Weil er sich seit Jahren rund um den dreißigsten Weltranglistenplatz eingependelt hat, muss er sich bei den Grand-Slam-Turnieren stets früh mit Spitzenspielern auseinandersetzen. „Es macht sich kein Feld auf“, sagte der Sechsundzwanzigjährige, der einen neuen Trainer sucht, mit dem er einen neuen Anlauf nehmen kann. Nach seinem Zweitrundenaus von New York bedauerte es Kohlschreiber selbst, „dass wir seit geraumer Zeit keinen in der Tiefe der Grand Slams haben“. Dazu kommt, dass die starke Andrea Petkovic die deutschen Herren noch schwächer aussehen lässt.