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US Open Das Wunder vom nächsten deutschen Fräulein

09.09.2011 ·  Die Kielerin Angelique Kerber erreicht in New York das Halbfinale - als erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf 1996. Andrea Petkovic ist dagegen gescheitert.

Von Wolfgang Scheffler, New York
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© Das deutsche Damentennis am Boden – ein gutes Zeichen: Angelique Kerber nach ihrem Halbfinaleinzug

Traum oder Wirklichkeit? Angelique Kerber kommt manchmal durcheinander: „Ich bin vor dem Viertelfinale nachts um drei aufgewacht und habe wirklich überlegt, ob ich träume oder es wirklich wahr ist.“ Es war wahr. Die 21 Jahre alte Kielerin stand tatsächlich am Donnerstag in der Runde der letzten acht der US Open - und es kam noch besser. Sie besiegte die favorisierte Italienerin Flavia Pennetta, die 26. der Setzliste und Bezwingerin von Maria Scharapowa, nach 2:14 Stunden 6:4, 4:6 und 6:3. Die krasse Außenseiterin, die erst eine Woche vor den US Open dank ihrer Halbfinalteilnahme beim letzten Aufgalopp in Dallas von Rang 105 auf Rang 92 geklettert war, konnte auch 90 Minuten nach dem letzten Ballwechsel ihr Glück nicht fassen: „Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich kann es immer noch nicht glauben. Es ist ein unglaubliches Gefühl.“

Der Überschwang war leicht nachzuvollziehen: Eine vermeintliche Randfigur, die mit dem bescheidenen Ziel, „ein, zwei Runden zu gewinnen“, zum letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres gereist war, hatte sich überraschend in Flushing Meadows zur Halbfinalistin gemausert. So weit war in New York zuletzt 1996 eine deutsche Tennisspielerin vorgedrungen. Steffi Graf hatte vor 15 Jahren den letzten ihrer fünf Erfolge auf den Hartplätzen im Stadtteil Queens gegen Monica Seles gefeiert.

Es hätte an diesem Donnerstag nicht viel gefehlt, und das deutsche Damentennis hätte mit zwei Spielerinnen in der Vorschlussrunde für eine Premiere bei den US Open gesorgt. Andrea Petkovic scheiterte in ihrem Viertelfinale nach schwachem Beginn und einem energischen Aufbäumen im zweiten Satz 1:6 und 6:7 (5:7) an der Weltranglistenersten Caroline Wozniacki. Die Dänin bekommt es im Kampf um den Einzug ins Endspiel mit der amerikanischen Topfavoritin Serena Williams (7:5, 6:1 gegen die Russin Anastasia Pawljutschenkowa) zu tun, während im anderen Semifinale die deutsche Überraschungsfrau gegen die Australierin Samantha Stosur spielt, die zum achten Mal nacheinander die russische Weltranglistenzweite Vera Swonarewa (6:3, 6:3) bezwang.

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© dpa Geschafft: Angelique Kerber zieht ins Halbfinale der US Open ein

Die Vorschlussrunde der Damen wird nun wie die der Herren an diesem Samstag ausgetragen. Auch die Endspiele wurden neu terminiert: Die Damen ermitteln den Sieger am Sonntag, die Herren zum vierten Mal nacheinander am Montag. Die Verschiebungen waren notwendig geworden, weil durch den Dauerregen am Dienstag und Mittwoch nicht alle ausstehenden Matches in vier Tage reinzupressen waren - zumindest nicht, ohne einigen Spielern unzumutbare Akkordarbeit zuzumuten.

„Noch zwei Spiele und du bist im Halbfinale“

Auch Angelique Kerber musste mit den ständigen Verschiebungen fertig werden: „Am Dienstag war es noch einfach, weil alle Spiele schon um 12 Uhr abgesagt wurden. Aber der Mittwoch war schlimm. Wir waren eigentlich schon bereit, auf den Platz zu gehen, aber dann haben sie das Match doch noch gestrichen.“ Als dann am Donnerstag endlich bei Sonnenschein die Partie auf dem nur 2500 Zuschauer fassende Court 17 begann, war der Deutschen der schwierige Vorlauf nicht anzumerken. Sie gewann den ersten Satz, sie führte im zweiten Satz 4:2 und schien die Partie deutlich zu beherrschen.

„Aber da habe ich angefangen zu denken, du kannst es schaffen. Noch zwei Spiele und du bist im Halbfinale. Ich war mit meinen Gedanken woanders und habe mich gar nicht mehr auf das Spiel konzentriert“, beschrieb Angelique Kerber die Gründe, warum sie kurz vor dem Ziel noch einmal ins Schlingern geriet. Sie gab sechs Spiele in Folge ab und lag im dritten Satz 0:2 zurück. Dass sie sich aus dieser misslichen Lage befreite, spricht für ihre Nervenstärke - und dafür, dass sie den Ratschlag ihrer Kollegin Andrea Petkovic beherzte: „Spiele dein Spiel und kämpfe bis zum letzten Ball!“

Jeder weitere Sieg verdoppelt das Preisgeld

„Ich freue mich unheimlich für Angelique“, sagte Andrea Petkovic. Aber fast noch mehr jubilierte, die Hessin darüber, dass ihre Vorhersage, ihre Trainingspartnerin werde am Ende des Jahres unter den Top 30 der Branche geführt, fast schon in Erfüllung gegangen ist. Dank der New Yorker Erfolgsserie rückt Angelique Kerber auf Weltranglistenplatz 34 vor - und selbst gegen die Zehntplazierte Samantha Stosur und deren extrem gefährlichen Kick-Aufschlag hält sie die am höchsten eingestufte deutsche Tennisspielerin nicht für chancenlos, zumal Andrea Petkovic mit der Kielerin nicht nur gemeinsame Übungswochen im Juli in der Tennis-Akademie der ehemaligen deutschen Davis-Cup-Spieler Rainer Schüttler und Alexander Waske in Offenbach, sondern auch ein lange sportliche Rivalität verbindet: „Ich habe ja schon elf Mal gegen sie verloren.“

Angelique Kerber hat jetzt fünf Mal in New York gewonnen, aber sich über den finanziellen Lohn ihrer Siege noch nicht informiert: „Ich will es auch nicht wissen.“ Interessant ist es dennoch: Der Halbfinaleinzug wird mit 450.000 Dollar (umgerechnet rund 320.000 Euro) honoriert, jeder weitere Sieg verdoppelt das Preisgeld.

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Jahrgang 1948, Sportredakteur.

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