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US Open Am Beginn einer neuen Zeit

 ·  Beim Finalwochenende der US Open fehlen die großen Stars Federer und Nadal. Die Zuschauer mögen das bedauern. Es ist aber eine Chance für die Außenseiter von gestern - und ein Blick in die Zukunft zugleich.

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© AFP Blaues Wunder: Tomas Berdych besiegt Roger Federer und steht im Halbfinale

Am südlichen Eingang zur Tennisanlage von Flushing Meadows sind sie alle verewigt, die Champions der US Open. Die größten unter ihnen sind an der Marmorwand auf Schwarzweißfotos abgebildet, die Namen aller anderen auf Bronzetafeln eingraviert.

Gut möglich, dass nach dem kommenden Sonntag, wenn - stabiles Wetter vorausgesetzt - die aktuelle Auflage des Turniers zu Ende geht, ein völlig neuer Name auf dem Walk of Fame auftaucht. Andy Murray könnte er lauten. Oder David Ferrer. Oder Tomas Berdych. Allesamt Tennisprofis, die es bisher bestenfalls in ein Grand-Slam-Endspiel geschafft haben, aber noch keinen großen Erfolg vorweisen können.

Oder wird doch wieder Novak Djokovic das Rennen machen, der sich als einziger der vier Halbfinalteilnehmer bisher in die New Yorker Siegerlisten hat eintragen können? „Es ist definitiv ein besonderes Gefühl, hier als Titelverteidiger anzutreten“, sagte der Serbe, der seine herausragende Saison 2011 mit seinem ersten US-Open-Triumph beendete. „Es ist einzigartig, und ich liebe es.“

Die Chancen, dass es in diesem Jahr einen neuen Gewinner geben wird, stehen rein statistisch bei 3:1, und sie sind damit so hoch wie seit langem nicht mehr bei einem der vier großen Turniere. In den vergangenen siebeneinhalb Jahren waren es in 29 von 30 Fällen die Herren Roger Federer, Rafael Nadal und eben Djokovic, die bis zum Ende durchhielten und die großen Titel unter sich ausspielten.

In New York ist es nun vorbei mit der Herrlichkeit der großen Drei, von denen nur noch ein Vertreter übriggeblieben ist. Erstmals seit den French Open 2004 stehen weder Federer, der im Viertelfinale an Berdych scheiterte, noch Nadal, der wegen seiner anhaltenden Kniebeschwerden monatelang ausfällt, nicht im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Der Anfang vom Ende einer großen Epoche, weil der Spanier den Kampf gegen seinen Körper verliert und der Schweizer seine Aura?

„Wenn sie nicht zu dritt gewesen wären, sondern nur einer oder zwei“, sagt Berdych, wäre es einfacher gewesen, einen großen Titel zu holen. „Aber erst gewann der eine die ganze Zeit, und wenn er verletzt oder aus anderen Gründen ausfiel, dann war da ein anderer. Drei so großartige Spieler zur selben Zeit, das wird wohl nie wieder passieren.“

Noch sind die alten Rivalen Federer und Nadal nicht Tennisgeschichte. An diesem Wochenende aber wittern der Tscheche Berdych, sein schottischer Halbfinalgegner Murray und ein wenig auch der Spanier Ferrer, der es an diesem Samstag (Beginn der Spiele 17.00 Uhr MESZ) mit Djokovic zu tun bekommt, die historische Chance, nicht mehr länger als ewige Herausforderer angesehen zu werden, die zwar eine der Großen mal ein Bein stellen können, aber anschließend von einem anderen vom Platz gejagt werden.

Vorjahressieger Djokovic, im Viertelfinale gegen den ebenfalls ambitionierten Argentinier Juan Martin del Potro 6:2, 7:6 (7:3) und 6:4 erfolgreich, weiß besser als die breite Öffentlichkeit, welche Stars im Schatten der Fixsterne funkeln. „Wir sind alle Top-Ten-Spieler“, sagte der Zweite der Weltrangliste, „jeder von uns hat den Antrieb, auf großer Bühne sein Bestes zu zeigen.“

Vor allem Murray, der seit Jahren wie ein Anhängsel des Triumvirats behandelt wurde, verbreitet seit einiger Zeit ein Selbstbewusstsein, das er jahrelang auf schnoddrige Art vermissen ließ. Die Zusammenarbeit mit Altmeister Ivan Lendl, der als Aktiver selbst vier Endspiele lang warten musste, eher ihm der erste bedeutende Triumph gelang, hat ihn offensichtlich vorangebracht. „Wenn du so jemanden in deiner Ecke hast, fühlst du dich nach Niederlagen nicht mehr so schlecht“, sagt der Weltranglistenvierte.

Trainer Lendl hat in Wort und Tat maßgeblich dazu beigetragen, dass Murray nach seinem souveränen Finalsieg gegen Federer jüngst bei den Olympischen Spielen in Wimbledon erstmals als echter Champion wahrgenommen wurde. „Ich weiß jetzt, wie ich bei großen Turnieren meine Kräfte einteile, wie ich mit der richtigen Einstellung ins Spiel gehe und in großen Matches die entscheidenden Punkte spielen muss“, sagt Murray, der bei den US Open 2008 gegen Federer im Endspiel verlor und im vorigen Jahr an Nadal im Halbfinale scheiterte.

Ferrer und Berdych, in der Weltrangliste fast unbemerkt auf den Plätzen fünf und sechs geführt, fühlen sich dagegen in ihren Rollen als Herausforderer wohl. Der tschechische Wimbledon-Finalteilnehmer von 2010 spekuliert darauf, dass er mit seiner Schlagkraft jeden Gegner in die Enge treiben kann.

Der Spanier, der im Viertelfinale den Serben Janko Tipsarevic nach 4:31 Stunden 6:3, 6:7 (5:7), 2:6, 6:3 und 7:6 (7:4) bezwang, beginnt jedes Match mit dem Wissen, dass er gerade sein erfolgreichstes Tennisjahr erlebt. Dennoch glaubt der Dreißigjährige nicht, „dass es für mich die letzte Gelegenheit ist, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen“. In jedem Fall hat Ferrer in der Ferne einen großen Fan: Sein Landsmann Nadal schickt eifrig Textbotschaften zur Aufmunterung.

Ein Finalwochenende ohne Nadal, ohne Federer - so wie in New York wird die nicht allzu ferne Zukunft des Herrentennis aussehen. Die Zuschauer in Flushing Meadows mögen es bedauern, dass sich zwei ihrer liebsten Helden rar machen. Djokovic, zum sechsten Mal im Halbfinale der US Open, hält dagegen: „Ich habe das Gefühl, dass wir ein sehr gutes Turnier erleben.“ Trotzdem - es fehlt etwas.

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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