http://www.faz.net/-gtl-753ci
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.12.2012, 20:01 Uhr

Unsere Sportlerin des Jahres Im Wellental der Gefühle

Eine Sportlerin mit einem ganz eigenen Weg über die Wellen: Kristin Boese ist die erfolgreichste deutsche Kitesurferin und als Lebenskünstlerin oft verzweifelt.

von
© Juan Luis De Deeckeren Spiel mit Wind und Wasser: „Dabei habe ich die Freiheit lieben gelernt“

Ein Traum, die Brandung von Hookipa, Überwintern auf Hawaii. Kristin Boese kennt die schönsten und legendärsten Strände. Als Kitesurferin sind es ihre Wettkampfplätze, rund um die Welt. Dennoch ist ihr bei aller wiederkehrender Normalität die Sehnsucht erhalten geblieben, nach der Natur, nach Meer, Wellen dem Wind - und damit nach Freiheit. „Es ist mein Leben“, sagt Kristin Boese.

Michael Ashelm Folgen:

Sie liebt das Abenteuer und vor allem die extremen Herausforderungen mit dem Lenkdrachen, der bei strammen Winden nicht einfach zu beherrschen ist. Ihre Mutter war wasserscheu. Auch die gebürtige Potsdamerin musste erst lernen, sich zu überwinden. Das geschah als junges Mädchen beim Windsurfen im Ostseeurlaub. Heute gehört die Fünfunddreißigjährige zu den größten Akrobaten auf dem Wasser. Kristin Boese steht mit neun WM-Titeln in fünf Disziplinen im Guinnessbuch der Rekorde, kein anderer Kitesurfer war bisher vielseitiger und erfolgreicher. Im Sommer wurde sie vor St. Peter-Ording WM-Zweite.

22550903 © Juan Luis De Deeckeren Vergrößern Ein Leben mit dem Brett: Kristin Boese

Sie ist eine Ausnahmeerscheinung ihres Sports. Der spleenige Milliardär Richard Branson lud sie schon mit anderen Weltklasse-Kitesurfern auf seine Privatinsel in der Karibik ein. Hinzu kommt seit neuestem ihr Engagement als Mitveranstalterin. Vor Hookipa fand in der vergangenen Woche das Finale der besten Wellenreiter unter den Kitesurfern statt. Mit einigen Kollegen hatte sich Kristin Boese vor einiger Zeit zusammengetan und die kleine Serie aufgezogen. Ein Zeichen, dass sie sich langsam als aktive Athletin zurückzieht, soll diese Arbeit nicht sein. „Ich kann doch nicht aufhören“, sagt sie. Auch dieses Jahr war wieder ihr Jahr.

Ihre Freundin starb beim Kitesurfen

Die ausgeprägte Leidenschaft hatte bei Kristin Boese immer viel mit Selbstüberwindung zu tun. Nicht nur bei der Gewöhnung an tiefes, wildes Wasser. Sie musste oft kämpfen, um ihren unkonventionellen Lebenstraum zu verwirklichen, dabei auch schlimme Schicksalsschläge hinnehmen. Ihre Freundin starb beim Kitesurfen auf dem Darß, als es noch kein Notauslösesystem für die im Wind so unberechenbaren Drachenkonstruktionen gab. Kristin Boese hätte damals aufhören können. Aber sie hat überlegt, sich gegen ihre schlechten Gedanken durchgesetzt und ist auch in anderen Fällen immer wieder zurückgekommen. Nach ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation verdiente Kristin Boese ihr Geld als Kitesurf-Lehrerin an Nord- und Ostsee, auf Fuerteventura und in den Urlaubgebieten Ägyptens.

Mehr zum Thema

Als sich erste sportliche Erfolge einstellten und ein paar Sponsoren Interesse zeigten, ermöglichte ihr das etwas bessere Budget auch Trainingsaufenthalte in Australien, Südafrika und auf Hawaii. Ihr Publizistik-Studium an der FU in Berlin fortzuführen, dafür war ab einem gewissen Moment keine Zeit mehr. Sie entschied sich für das Vagabundenleben an den Stränden dieser Welt - und für den Leistungssport. Der große Reichtum als Sportprofi stellte sich allerdings nie ein. Kitesurfen ist zwar Trend, aber im Sportbusiness doch nur eine Randerscheinung. „Es gab schon Momente, in denen ich komplett verzweifelt war. Da fehlte mir sogar das Geld für die nächste Mahlzeit“, sagt Kristin Boese. Nach der Lehman-Krise 2008 fuhren viele Sponsoren ihr Engagement herunter. Wieder da ist das Geld bisher nicht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Keine Leichtathleten in Rio Russland kritisiert Urteil zu Olympia-Aus scharf

Russlands Leichtathleten dürfen endgültig nicht bei Olympia in Rio an den Start gehen. Das IOC will das Urteil nun prüfen. Viel deutlicher sind die scharfen Reaktionen der Russen. Mehr

21.07.2016, 14:29 Uhr | Sport
Heftige Regenfälle Monsun setzt Teile Indiens unter Wasser

Heftige Regenfälle haben in Teilen Indiens Straßen unter Wasser gesetzt. In mehreren Orten im Bundesstaat Assam kam das öffentliche Leben durch die Wassermassen zum Erliegen. Die Regenfälle des Monsuns gelten den mehr als 260 Millionen Landwirten in Indien als Segen, für viele Millionen Inder aber bedeuten sie den Verlust von Hab und Gut. Mehr

21.07.2016, 09:32 Uhr | Gesellschaft
Nachtests des IOC Weitere 45 Olympia-Athleten unter Dopingverdacht

Das IOC kontrolliert weiter alte Doping-Proben und wird wieder fündig. Bei einer weiteren Welle von Nachtests werden insgesamt weitere 45 Teilnehmer der Spiele 2008 und 2012 positiv getestet. Mehr Von Michael Reinsch

22.07.2016, 14:06 Uhr | Sport
Marktstart in Japan Pokémon Go erreicht das Mutterland

Rund zwei Wochen nachdem der Hype um das Spiel weltweit für große Aufregung gesorgt hat, startet das Computerspiel auch in Japan. Wie sich Pokémon Go auf den japanischen Markt auswirkt, bleibt abzuwarten. Das Land gilt traditionell als verrückt nach Videospielen. Mehr

22.07.2016, 15:16 Uhr | Wirtschaft
Russisches Olympia-Geschäft Annektiert, abgekauft, abgemeldet

Russlands Leichtathletikverband hatte der Ukraine für Wera Rebrik von der Krim 150.000 Dollar gezahlt. Die Speerwerferin sollte in Rio Olympia-Gold holen. Ein ganz schlechtes Geschäft. Mehr Von Denis Trubetskoy, Kiew

23.07.2016, 13:36 Uhr | Sport

Geliebter Jockey, gelebter Wahn

Von Evi Simeoni

Wer verdient den Hut, wer das Florett? In dieser Woche erinnern wir an ein dramatisches Pferderennen – an dem auch Russen beteiligt waren. Dazu stellen wir fest: Putin glaubt nicht an das Talent der eigenen Leute. Mehr 2