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Ullrich und die ARD „Geschäftemacher-Mafia“

07.09.2006 ·  Wegen des Honorarvertrags mit dem unter Dopingverdacht stehenden Radprofi Jan Ullrich sieht sich die ARD massiver Kritik ausgesetzt. Programmdirektor Günter Struve räumte erstmals Fehler ein. Gegen Hagen Boßdorf tauchten neue Stasi-Vorwürfe auf.

Von Michael Hanfeld, Joachim Herr und Thomas Purschke
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In der Debatte um den Vertrag, den die ARD mit dem Radsportler Jan Ullrich abgeschlossen hat, fühlt man sich an Bavaria-Schleichwerbeaffäre erinnert. Auch von der gaben sich alle überrascht, die Intendanten und die Programmdirektion vorneweg. Bei der ARD wußte angeblich niemand was.

Das läßt sich von der "Mitwirkendenvereinbarung" Ullrichs, die ihm zwischen 1999 und 2006 maximal 195.000 Euro pro Jahr einbrachte, nicht sagen. Abgeschlossen hat den Vertrag zunächst der für Radsport in der ARD zuständige Saarländische Rundfunk, verlängert wurde er 2003 auf Beschluß aller Intendanten. Ein Fehler, wie der WDR-Intendant Fritz Pleitgen im Gespräch mit dieser Zeitung einräumt: Heute sehe er, daß der Vertrag ein "Fehler war, auch wenn wir Jan Ullrich nicht vom Fernsehmarkt weggekauft haben. Wir als Intendanten haben im konkreten Fall auch die Verantwortung für die Vertragsinhalte mitgetragen." Die Details des Vertrages habe er nicht gekannt. Solche Verträge sollten durch die Justititare geprüft werden.

Späte Erkenntnis

Das ist eine späte Erkenntnis, über die sich die Intendanten in der nächsten Woche unterhalten wollen. Erklären sollte das Ganze gestern in einer Ad-hoc-Pressekonferenz der Programmdirektor des Ersten, Günter Struve. Er muß die Suppe auftischen, die vor allem dem designierten ARD-Vorsitzenden und Intendanten des Saarländischen Rundfunks, Fritz Raff, nicht schmeckt, der als einer jener Kandidaten gehandelt wird, die sich auf die Nachfolge des im nächsten Sommer ausscheidenden WDR-Chefs Pleitgen Hoffnung machen: Die ARD, wie sie leibt und lebt.

Struve sagte, er mache es sich zum Vorwurf, daß der Vertrag 2003 verlängert wurde. Für ihn sei entscheidend gewesen, daß der Vertrag um 35.000 Euro pro Jahr gesenkt wurde. Neu in dem zweiten Vertrag sei gewesen, daß die Zahlungen an Leistungen gebunden waren. "Das war eine Schnapsidee", sagte Struve. Doch glaube er nicht, daß sich die ARD den Radsportlern zu sehr angenähert habe. Man habe umfassend über Doping berichtet und auch Ullrich nicht geschont. Ullrich habe in diesem Jahr, ergänzte der Sportkoordinator Hagen Boßdorf, nur eine von vier vereinbarten Raten erhalten. Der Vertrag ist inzwischen gekündigt. Es geben keinen anderen Vertrag dieser Art, sagte Struve. "Solche Verträge werden wir nicht mehr abschließen." Mit zwei Sportlern gebe es Experten-Verträge. Die Hauptversammlung der ARD-Rundfunkräte will sich nächste Woche der Sache annehmen.

Unruhe um Boßdorf

Eine andere Personalfrage könnte bei der ARD für weitere Unruhe sorgen: die Verlängerung von Hagen Boßdorf als ARD-Sportkoordinator. Nicht nur steht Boßdorf für die Nähe der ARD zum Radsport und zu seinem fürstlich honorierten Freund Jan Ullrich, auch seine Vergangenheit als Zuträger der Stasi holt Boßdorf immer wieder ein. Der geschlossene Vertrag mit Boßdorf und dem NDR, der ihn zum neuen Sportchef machte, wurde angesichts neuer Enthüllungen zurückgezogen. Nun ermittelt auch das Hamburger Landeskriminalamt gegen Boßdorf.

Geprüft wird, ob er eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben und Prozeßbetrug begangen hat. Seine Aussagen zu seinen Kontakten zur Stasi widersprechen denen des ehemaligen Stasi-Offiziers Jürgen Benndorf, mit dem Boßdorf damals Gespräche führte. Und dies, obwohl die Aussage Benndorfs vom Februar dieses Jahres der Entlastung Boßorfs dienen sollte. Boßdorf wird von ihm als widerständiger, kaum kooperierender Gesprächspartner dargestellt - eine Sicht, die sich in den Stasi-Unterlagen der Birthler-Behörde anders darstellt. Insbesondere neue Dokumente, die am Donnerstag von der Behörde freigegeben wurden und die der F.A.Z. vorliegen, erhärten den Verdacht, daß Boßdorf weit intensiver, als bislang scheibchenweise zugegeben, mit der Stasi zusammengearbeitet hat.

Widerspruch der Aussagen

Benndorf bewertete Boßdorf noch einen Tag vor dem Mauerfall, am 8. November 1989, als einen zuverlässigen Mitarbeiter. Für die Folgezeit wurde von der Stasi geplant, daß Boßdorf eine westdeutsche Studentin als Agentin anwerben sollte, die sich in ihn verliebt hatte und deren Briefe an ihn in die Hände der Stasi gelangten - ohne Boßdorfs Wissen und Mitarbeit, wie er behauptet. Hierauf bezieht sich der Widerspruch der Aussagen, dem das LKA nachgeht. Benndorf schrieb nämlich in seiner Entlastungsversicherung, die er, wie Boßdorf, an Eides statt abgab, Boßdorf habe sich nicht zu den Briefen äußern wollen und dies erst "nach Vorhalt" derselben getan.

Was sich mit der Behauptung Boßdorfs, ihm sei erst später bekannt geworden, daß die Stasi im Besitz der Briefe sei, nicht verträgt. Von einer "gezielt aufgebauten Beziehung des IM Werfer", also Boßdorf, zu der Studentin schreibt die Stasi. Selbst seine Urlaubsplanung hatte Boßdorf den Unterlagen zufolge mit der Stasi offenbar abgesprochen. Wann und ob in Hamburg ein Strafverfahren gegen Boßdorf oder Benndorf eröffnet wird, ist nach Auskunft der Hamburger Staatsanwaltschaft noch nicht klar.

Rückkehr zu objektiver Berichterstattung?

Scharfe Kritik an der ARD-Sportpolitik kam unterdessen - nach Äußerungen von CDU und SPD - vom sportpolitischen Sprecher der Grünen im Bundestag, Winfried Hermann. Er bezeichnete die Beteiligten an der Vereinbarung mit Ullrich als "Geschäftemacher-Mafia" und forderte eine Rückkehr des Senders zu objektiver Berichterstattung im Sport. Ob die ARD sich davon angesprochen fühlt?

WDR-Intendant Pleitgen gibt sich indes überzeugt, daß Boßdorf als Sportkoordinator bestätigt wird: "Für seine bisher bekannt gewordenen Stasiverbindungen hat Boßdorf mächtig Spießruten laufen müssen in den Medien. Er hat also büßen müssen." Er "würde ihm eine weitere Chance geben", sagte Pleitgen. "Ich hoffe, daß bei Boßdorf nichts mehr dazukommt."

Quelle: F.A.Z. vom 8. September 2006
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