Diese Pause haben sie sich verdient - die halbe Mannschaft des UHC Hamburg sitzt in Kapuzenpullovern und kurzen Hosen vor dem kleinen Café beim Kunstrasenplatz der Universität. Capuccino, Croissants, Tageszeitungen. Trainer Martin Schultze steht daneben, tippt auf seinem Handy herum. Niemand hat gemurrt morgens um 8.30 Uhr, als er seine Hockeyspieler zur Übungsstunde bat. Wenn es mal jemand macht, hat Schultze eine standardisierte Antwort parat: „Die Schwimmer sind um halb neun schon fertig.“
In diesen Tagen würde es jedoch keinem Spieler des Uhlenhorster Hockey-Clubs einfallen, sich zu beschweren. Es sind die wichtigsten Wochenenden der Vereins-Saison: an Pfingsten gewann der UHC die Euro Hockey League - zum dritten Mal in fünf Jahren. „In Europa zittern sie vor uns“, sagt Schultze lachend. An diesem Sonntag soll die turbulente Spielzeit gekrönt werden. In Berlin wird der deutsche Hockeymeister gesucht; für den UHC, den Vierten der Hauptrunde, geht es im Halbfinale an diesem Samstag (ab 12 Uhr) gegen den Ersten nach 22 Spieltagen, den Berliner HC.
Das Ziel: die erste Meisterschaft der Vereinshistorie
National haben die Hamburger in den vergangenen fünf Jahren andere Erfahrungen gesammelt als international: Vier Mal erreichte der UHC das Finale. Alle Endspiele gingen verloren. Das nagt. Nationalspieler Moritz Fürste sagt: „Die Meisterschaft ist uns wichtiger als der dritte EHL-Titel. Dafür werden wir noch einmal alles mobilisieren.“ Es wäre die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte.
Fürste ist ein wichtiger Teil in der gegenwärtigen UHC-Erfolgsstory. Der Mann, den Schultze für den weltbesten Mittelfeldspieler hält, war einer der drei prominenten Ausfälle, die seine Mannschaft in der Vorrunde an den Rand des Zusammenbruchs brachten. Die Nationalspieler Fürste, Florian Fuchs und Oliver Korn fehlten wegen Verletzungen. Carlos Nevado und Philipp Witte, zwei der Olympiasieger von 2008, hatten den Verein im vergangenen Sommer verlassen. Patrick Breitenstein pausierte, weil der Job vorging. Nach den ersten Spielen der Rückrunde lag der UHC neun Punkte hinter Rang vier. Doch nach und nach kamen die Verletzten zurück, auch Breitenstein spielte wieder, und die Aufholjagd begann. Ein Doppelspieltag Ende April mit Siegen bei den direkten Konkurrenten HTHC Hamburg und Crefelder HTC brachte die Wende. Schultze sagt: „Wir hatten nur noch Drucksituationen, sind damit aber sehr gut umgegangen. Das stimmt mich auch für das Wochenende zuversichtlich.“
Dass die UHC-Herren unter Druck wachsen, bewiesen sie auch an Pfingsten: Halbfinale und Finale gewann Uhlenhorst nach 0:2-Rückständen in der regulären Spielzeit letztlich im Siebenmeterschießen. In beiden Partien überragte Torwart Nicolas Jacobi. Den anschließenden Empfang im Klubhaus am Pfingstmontag sagte Schultze ab - volle Konzentration auf die Meisterschaft. Gemurrt habe niemand, kein Sponsor, kein Funktionär, behauptet der Trainer.
Es wäre Schultzes Krönung, den Meistertitel mit nach Hamburg zu bringen. „Der Wunsch, endlich mal Meister zu werden, ist groß im Klub. Eine Erwartungshaltung kann ich aber nicht spüren“, sagt Schultze. Der 40 Jahre alte Hanauer begann seine Trainer-Laufbahn in der Bundesliga einst mit 24 Jahren in Bad Dürkheim. Da waren viele Spieler älter als ihr Chef. Wer sich so früh einen Namen macht, wird auch in der Hockey-Hochburg Hamburg gehandelt. Vor sechs Jahren zog Schultze nach Bremen, kümmert sich seitdem um die Nachwuchsarbeit beim Bremer HC und um die ersten Herren des UHC.
Der Trainer: ein hockeyverrückter Familienvater
Das scheint dem hockeyverrückten Familienvater nicht zu reichen: Bei der Europameisterschaft 2011 in Mönchengladbach arbeitete er auch noch als spanischer Assistenztrainer. Der Kontakt hatte sich 2010 am Rande einer Euro-League-Partie in Eindhoven ergeben. Es war Schultzes Ziel, mit Spanien an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Vom UHC hatte er die Zusage eingeholt. Doch irgendwann gab es zu viele Terminüberschneidungen zwischen Haupt- und Nebenjob, und Schultze musste den Spaniern absagen. Das olympische Hockeyturnier wird er nun aus dem Familienurlaub in Italien vor dem Fernseher verfolgen. Aber nur die Abendspiele. Tagsüber wird das Handy dann mal aus sein oder zumindest leise gestellt - ein Wunsch seiner älteren Tochter.
Die Planungen für die UHC-Mannschaft 2012/2013 werden allerdings auch unter Italiens Sonne fortgeführt. Moritz Fürste und Florian Fuchs wechseln im Sommer nach Spanien. Sie werden Lücken hinterlassen, die schwer zu füllen sind. Der UHC hat zwar eine traditionell sehr gute Nachwuchsarbeit, sieben Spieler gehören zum deutschen U-21-Team. Bei der EHL-Endrunde kam der 16 Jahre alte Max Kapaun schon zum Einsatz. Doch Schultze hätte nichts dagegen, wenn er ein, zwei fertige Spieler im besten Alter hinzubekäme.
Meistens müssen im Hockey dafür andere als pekuniäre Argumente gefunden werden: Das UHC-Jahresbudget liegt bei weniger als 250.000 Euro. Für den Sieg in der Euro Hockey League gab es 20.000 Euro Prämie. Damit glichen die UHC-Herren ihren gebeutelten Reise-Etat aus. So richtig schlimm kann Martin Schultze das nicht finden: „Viel Geld kann auch viel verderben“, sagt er.