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Übertragungszeiten Die Verschiebung der Schwimmer

21.09.2006 ·  Der Deal scheint längst beschlossen: Damit die Amerikaner während der Olympischen Spiele in Peking die Schwimmfinals zur Prime Time verfolgen können, sollen die Athleten schon morgens um die Medaillen kämpfen - gegen ihren gewohnten Rhythmus. „Das ist happig“, sagt Schwimmer Warnecke.

Von Gerd Schneider, Frankfurt
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Im Madrider Hotel Meliá Castilla, einem riesigen Betonklotz im Finanzbezirk, wird es salbungsvoll zugehen in den nächsten Tagen. Der Internationale Schwimm-Verband (Fina) hält dort von diesem Donnerstag an seinen ersten Weltkongreß ab. Bei der Veranstaltung wollen die Fina-Oberen Aufbruchstimmung erzeugen. Man wolle, so lautet die im Internet nachlesbare Botschaft, medial und wirtschaftlich in neue Dimensionen vorstoßen mit dem Schwimmsport - selbstverständlich ganz zum Wohle der Athleten, die schließlich das Kapital der Fina seien.

Die Schwimmer selbst wissen schon, was sie von solchen blumigen Worten zu halten haben. Daß sie in den nächsten Tagen dennoch gespannt auf Nachrichten aus Madrid warten, hat einen anderen Grund. Manche von ihnen rechnen damit, daß bei dem Kongreß beiläufig eine Entscheidung bekanntgemacht wird, auf die die Szene seit Wochen wartet: Es geht um die Frage, zu welcher Tageszeit die Schwimmfinals bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking ausgetragen werden.

Schwimmfinals am Vormittag?

Normalerweise stellt sich diese Frage gar nicht. Seit je laufen alle großen Schwimmwettkämpfe nach dem gleichen - bewährten - Muster ab: am Vormittag die Vorläufe, am späten Nachmittag oder frühen Abend die Finals. Die Athleten sind darauf getrimmt, zu dieser Tageszeit ihre Höchstleistung abzurufen. Doch bei den Spielen in Peking droht den Schwimmern eine Abkehr vom gewohnten Ablauf: Es gibt konkrete Pläne, die Finals am Vormittag zu starten; die Vorläufe würden tags zuvor am Abend ausgetragen. Der Anstoß zu diesem radikalen Rhythmuswechsel kam vom amerikanischen Fernsehsender NBC. Aus der NBC-Perspektive wäre das ein einfacher, aber geschickter Dreh: Wegen des Zeitunterschiedes könnte der Sender in Amerika das Morgen-Schwimmen von Peking zur besten Fernsehzeit am Abend live übertragen; New York ist 14 Stunden hinter Peking, Los Angeles 17.

Gerade von den Schwimmwettbewerben mit Michael Phelps, dem sechsfachen Olympiasieger von Athen, verspricht man sich bei NBC hohe Einschaltquoten. Auch die Basketballspiele der Amerikaner und die Turnwettbewerbe sollen aus diesem Grund vormittags stattfinden. NBC braucht die Quoten, um hohe Werbeerlöse zu erzielen. Der Sender hat sich die Übertragungsrechte an den Spielen von Peking nahezu 900 Millionen Dollar kosten lassen - etwa doppelt soviel wie alle europäischen Sender zusammen. Quotenflops, wie sie Live-Übertragungen mitten in der Nacht erwarten lassen, wären wirtschaftlich ein Desaster für NBC.

„Milliarden Zuschauer wären angeschmiert“

Der Rest der Welt, einschließlich Australien, würde allerdings in die Röhre gucken. In Deutschland müßte man nachts um drei oder vier Uhr den Fernseher einschalten, wollte man die Schwimmfinals live verfolgen. „Milliarden von Fernsehzuschauern wären angeschmiert“, sagt Eberhard Figgemeier, der Olympia-Koordinator des ZDF. Noch lauter ist der Aufschrei in Australien. Die Zeitverschiebung zwischen Peking und Sydney beträgt nur zwei Stunden. Live-Übertragungen von den Olympia-Finals zur Prime Time erzielen in der Schwimm-Nation down under gigantische Einschaltquoten. „Ich denke nicht, daß wir uns an den amerikanischen Dollar verkaufen sollten“, sagt der australische Schwimmstar Michael Klim: „Die Geschichte zeigt uns, daß ihnen (den Leuten von den Verbänden) die Athleten und der Sport egal sind.“

Noch herrscht Rätselraten darüber, ob das Internationale Olympische Komitee (IOC) schon eine Entscheidung in dem heiklen Fall gefällt hat. Seit Monaten wird hinter den Kulissen gerungen. Zahlreiche Sender wie der australische Kanal Network Seven und der Europäische Senderverbund Ebu laufen gegen den NBC-Vorstoß Sturm. Erst Anfang September empfing IOC-Präsident Jacques Rogge Repräsentanten der beteiligten Medienunternehmen zu einem Gespräch in Lausanne. Dabei hatte das IOC schon Anfang August angekündigt, in der Angelegenheit "sehr rasch" eine Entscheidung zu fällen. Man sei immer noch in der Diskussion, sagte am Dienstag eine Sprecherin des IOC.

„Die Gesundheit der Athleten nicht gefährden“

Doch viele Schwimmer wie der Österreicher Markus Rogan, der als intellektueller Kopf der Szene gilt, werten die Hängepartie als Indiz dafür, daß die Sache längst abgemacht ist zwischen NBC, IOC und der Fina. Tatsächlich spricht einiges dafür. Es ist ja kein Geheimnis, daß es der amerikanische Sender NBC gewohnt ist, seine Wünsche erfüllt zu bekommen. Der Internationale Schwimm-Verband tut so, als ginge ihn die Sache nichts an. Doch in Wirklichkeit hat er die NBC-Initiative längst abgenickt, wie interne Dokumente belegen. Beim ersten offiziellen Treffen aller übertragenden Fernsehsender Mitte August in Peking stellten die Veranstalter einen vorläufigen Zeitplan vor - mit den Schwimmfinals am Vormittag. Das habe der Schwimm-Verband so vorgeschlagen, hieß es in Peking.

Auch von Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sport-Bundes, erfährt man in dieser Angelegenheit auffällig wenig. Er habe von der Diskussion gehört, aber er könne dazu nichts sagen und wolle das auch nicht kommentieren, ließ der Mann wissen, der seit vielen Jahren zum innersten Machtzirkel des IOC gehört. Nur soviel: „Mein Maßstab ist immer, daß die Chancengleichheit gewahrt ist und daß die Gesundheit der Athleten nicht gefährdet ist.“

Enttäuschte Sportler

Die Zeit drängt. Sollten die Schwimmfinals in Peking tatsächlich am Morgen - etwa gegen 10 Uhr - stattfinden, müßten die Athleten schon jetzt damit beginnen, Training und Rhythmus umzustellen. „Das ist happig“, sagt Weltmeister Mark Warnecke, „für manche von uns ist das eine Katastrophe.“ Der australische Schwimmstar Grant Hackett berichtete unlängst in der Zeitung „The Australian“ von Testrennen in Melbourne, wo jeder Athlet am Morgen erheblich langsamer geschwommen sei als am frühen Abend: „Es ist enttäuschend, daß man den Wettkampfablauf in Peking so dramatisch verändert, ohne mit uns darüber zu sprechen.“ Zudem wird darüber spekuliert, die Fina lasse sich ihre Zustimmung mit harten Dollars bezahlen. Aus Fina-Sicht sei so ein Deal eigentlich gar nicht dumm, sagt der Österreicher Rogan - „wir würden nur gern wissen, wo das viele Geld hingeht“.

Quelle: F.A.Z., 21.09.2006, Nr. 220 / Seite 31
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