Nur einer blieb gelassen: Als Matthias Fahrig am Abend vor dem offiziellen Beginn der Turn-Weltmeisterschaften in London am Ende eines endlos lang wirkenden Podiums-Training nach halb elf noch zur Dopingkontrolle gebeten wurde, da regte sich Unmut in der deutschen Delegation, die am Bus auf ihren letzten Turner wartete – Fahrig selbst konnte auch das nicht aus der Ruhe bringen.
Erst kurz vor halb zwei nachts war er im Hotel, kein Grund für ihn, daraus womöglich eine Ausrede für den folgenden Wettkampf abzuleiten. Er turnte seine Bodenübung in der Qualifikation am Dienstagabend wie geplant, absolvierte seine beiden schwierigen Sprünge ohne Probleme – und erreichte an beiden Geräten das Finale der besten acht, am Boden als Fünftbester, beim Sprung als Siebter.
Als einziger Deutscher wird er am Samstag und Sonntag noch einmal antreten. Marcel Nguyen aus Unterhaching bestreitet an diesem Donnerstag das Mehrkampf-Finale. Mit Rang 19 (bei 24 Qualifizierten) erfüllte er bisher allerdings nicht die Hoffnungen, die nach der Verletzung von Fabian Hambüchen allein auf ihm ruhten (Siehe auch: Turn-Kommentar: Der Star verletzt, eine Branche leidet). Und da Philipp Boy beim Abgang vom Reck stürzte und auch Thomas Taranu und Sebastian Krimmer in der Qualifikation weltmeisterlichen Anforderungen noch nicht genügten, ist Fahrig wieder einmal in den Fokus gerückt.
Lebenswandel wird zum Verhängnis
Er ist schon ein Lebenskünstler, dieser 23 Jahre alte Matthias Fahrig, der von sich selbst und allen anderen nur „Matze“ genannt wird. Einen zweiten Anlauf in seiner Karriere hat er in diesem Jahr genommen, nach harten Lehrjahren. Immer wieder war dem Sohn eines Kubaners und einer Deutschen sein Lebenswandel zum Verhängnis geworden. Mehrfach hatte er – auch bei Großereignissen – über die Stränge geschlagen, sich nicht an Abmachungen gehalten, war zu spät oder überhaupt nicht im Hotel erschienen, hatte Nächte durchgefeiert.
Nach mehreren Abmahnungen und einer ersten kurzfristigen Suspendierung blieb Andreas Hirsch, dem Cheftrainer der deutschen Turner, keine andere Wahl, als Fahrig, den EM-Dritten am Boden, nach den Europameisterschaften 2007 zu suspendieren. Ausgerechnet die Weltmeisterschaften im eigenen Land, in Stuttgart, fanden ohne einen der Publikumslieblinge statt, auch zu den Olympischen Spielen in Peking wurde er nicht mitgenommen.
Mit Fahrig kommt die gute Stimmung
Fahrig hat gelernt aus der Zwangspause, die zwei Jahre dauerte. Er trainierte weiter bei Uwe Ronneburg in Halle, er nahm seine Ausbildung als Fitnesskaufmann ernst, die er gerade abschließt, und er arbeitete an sich. Er zog eine Psychologin zu Rat, er sprach sich mit Hirsch aus. „Wichtig ist, dass ich den Leuten gezeigt habe, dass es klappt mit mir, trainingstechnisch wie auch persönlich“, sagt er. Das Turn-Team nahm ihn ohne Vorbehalte wieder auf – schließlich kommt mit Fahrig auch immer die gute Stimmung. Weder Hirsch noch Ronneburg versuchen, den jungen Mann umzukrempeln, schließlich könne ihm ein Trainer nicht einfach sein Bild von einem Turner überstülpen, sagt Hirsch.
Schon gar nicht einem Matthias Fahrig. Denn der lässt sich immer noch nicht in ein Schema pressen. Auch wenn die Zeiten offensichtlich vorbei sind, in denen er unbedingt auffallen wollte – und sei es nur durch die grell blond gefärbten Haare. Mittlerweile lässt er auch Leistung sprechen. Und da kann er sich sehen lassen. In der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften engagierte er sich zwar erst intensiv, nachdem ihm Hirsch bei einem Wettkampf in Rumänien noch die WM-Reife abgesprochen hatte, doch in London war er auf die Minute fit.
Reserven am Boden
Mit seinen Sprüngen der Schwierigkeitsstufen 7,0 und 6,6 gehört er zur absoluten Weltspitze – doch „da wurden alle Spezialisten ausgegraben, die springen können“, wie Hirsch sagte. Selbst der Rumäne Marian Dragulescu, Weltmeister am Boden und am Sprung 2006, hat seinen bereits mehrfach verkündeten Rücktritt für diese Einzel-Titelkämpfe wieder einmal zurückgenommen – und schmälert damit auch Fahrigs Chance auf eine Medaille im Bodenturnen.
In London sollte Fahrig in der WM-Qualifikation auch noch Barren turnen – doch er verzichtete, als er Sprung und Boden so erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Er hätte keine Chance auf eine Finalteilnahme gehabt, und zum Einturnen blieb keine Zeit mehr. Fahrig kam mit der Empfehlung eines zweiten Platzes (am Boden) und eines dritten (Sprung) von den Europameisterschaften in diesem Frühjahr nach London, und für das Wochenende kündigt er „ein Hammer-Finale“ an. Schließlich habe er am Boden noch Reserven, „ich habe schon bessere Übungen abgeliefert als hier in der Quali“, sagte er.
Eine Medaille bei den Weltmeisterschaften würde dem deutschen Turnen ein wenig über die Enttäuschung durch Hambüchens Bänderriss hinweghelfen. Vor allem aber würde sie Fahrig Auftrieb geben, an gleicher Stätte, in drei Jahren, sein großes Ziel zu erreichen: „Olympiasieger Sprung oder Boden“, steht auf seiner Homepage.