12.10.2009 · Fabian Hambüchen kann bei den am Dienstag in London beginnenden Kunstturn-Weltmeisterschaften nicht starten. Der 21 Jahre alte Turnstar erlitt einen Außenbandabriss. Er wird seine Lehren ziehen aus der Überbelastung der vergangenen Jahre.
Von Christiane MoravetzEs geschah im Training bei den Olympischen Spielen in Peking, die Sehne am kleinen Finger der linken Hand riss mit einem Knochenstück im Ansatz aus. Fabian Hambüchen biss die Zähne zusammen, ließ sich höchstens einmal im kleinsten Kreis vertrauter Personen anmerken, dass ihn Schmerzen plagten. Aufgeben? Keine Frage: „Ich bin nicht nach Peking gereist, um dann zu sagen, wegen einer Kapselverletzung lasse ich den Mehrkampf sausen.“
Er turnte, wurde Siebter im Mehrkampf, gewann die Bronzemedaille am Reck, belegte dreimal Platz vier (mit der Mannschaft, am Boden und Barren). Nicht einmal im Nachhinein führte er die Verletzung als Erklärung, als Entschuldigung dafür an, dass er die ganz großen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Schließlich hatte er noch nie einen Wettkampf wegen einer Verletzung abbrechen müssen. Und Fabian Hambüchen ist hart im Nehmen.
„Das war's“
Es geschah wieder im Training, am Sonntagabend auf dem Podium der O2-Arena in London - und diesmal nützte Fabian Hambüchen auch sein eiserner Wille nichts mehr. „Ich habe richtig gehört, wie es ratsch gemacht hat“, sagte er am Montag, als die schlechte Nachricht längst die Runde gemacht hatte: Der Reck-Weltmeister wird seinen Titel nicht verteidigen können, Fabian Hambüchen muss mit dem Abriss eines Außenbandes im linken Fuß auf die Weltmeisterschaften in London verzichten. An diesem Dienstag wollte er zur Qualifikation für den Mehrkampf und die Gerätefinals antreten. Der Unfall beim Einturnen am Boden, als er bei der Landung eines Akrobatikteils umknickte, zwingt ihn zum Zuschauen. Hambüchen wusste sofort: „Das war's.“ Die Röntgenuntersuchung im Krankenhaus bestätigte das Gefühl, und auf einmal hat Fabian Hambüchen Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie es nun weitergeht.
Er wird erst einmal noch ein paar Tage in London bleiben, die Verletzung, die nicht operiert werden muss, ist bei Cyrus Salehi, dem Physiotherapeuten der deutschen Mannschaft, in besten Händen. Hambüchen wird versuchen, gute Stimmung beim Rest der Mannschaft zu verbreiten - da bei diesen Weltmeisterschaften nur Einzeltitel vergeben werden, sind die anderen deutschen Turner nicht um ihre Chancen an den einzelnen Geräten gebracht. Hambüchen wird gleich wieder in einem Fitnessstudio mit Übungen, die den lädierten Fuß nicht belasten, seinen Körper in Form halten. Er wird vielleicht aber auch diese Zwangspause als einen Wink ansehen, seinen Alltag zu überdenken.
Pausenlos unterwegs
Der Turner Hambüchen hat ein Jahr hinter sich, das dem Menschen Hambüchen kaum Luft ließ. Ein kurzer Urlaub zum Jahreswechsel, sonst nur Sport. Das Erlebnis der Olympischen Spiele, als er sich selbst in die Rolle des Favoriten auf Gold gebracht hatte und dann, nach und nach, seinen Frieden mit Bronze machen musste, hatte viel Kraft gekostet. Lange grübelte er, zweifelte an sich, war sich fremd. „Das war nicht ich“, sagte er im Nachhinein, wenn er die Bilder aus Peking wieder und wieder anschaute. Immer mehr wurde aus dem einst unbekümmerten kleinen Wunderkind, das die Herzen nicht nur der Turnfans im Sturm erobert hatte, der Botschafter seines Sports, der weiß, was er seinem Publikum schuldig ist.
Und das fordert viel: Fabian Hambüchen turnte in Stuttgart, Straubenhardt, Chicago, Heidelberg, Cottbus, Mailand, Driedorf, Tokio, Achern, Berlin und an anderen Stationen, bei Bundesliga-Wettkämpfen, Weltcups, Europameisterschaften, hochklassigen internationalen Wettbewerben, bei der auch für ihn geschaffenen Champions Trophy bis hin zu Schauveranstaltungen. Nicht immer boten sich ihm dabei hochklassige Bedingungen.
Zahlreiche Belastungen
Hambüchen war beinahe pausenlos im Einsatz als das Gesicht des Deutschen Turnfestes in Frankfurt - aber das Gesicht wurde immer ernster. Private Veränderungen im Leben des jungen Mannes - Hambüchen wird in knapp zwei Wochen 22 Jahre alt - wie der Umzug aus dem Elternhaus in eine eigene Wohnung, kurz danach die Trennung von seiner Freundin, gingen nicht spurlos an ihm vorüber. Sorgen, die sich sein Vater wegen Unstimmigkeiten mit seinem hessischen Verband machte, belasteten auch den Sohn. Die Leistungen im Training schwankten, Fabian Hambüchen wusste manchmal nicht so recht, wo er steht. Es schien, als raubte der von ihm so geliebte Sport ihm im harten Alltag ein wenig Lebensfreude.
Mit dem erhofften Erfolgserlebnis bei den Weltmeisterschaften in London sollten sie zurückkommen. Zuletzt im Trainingslager des deutschen Teams in Kienbaum schien Hambüchen die Anspannung der vergangenen Monate abgeschüttelt zu haben, wirkte gelöst, fröhlich. Optimistisch, voller Vorfreude auf den großen Wettkampf, sprach er von seinen Zielen, und bei aller Konzentration hatte er wieder den einen oder anderen flotten Spruch zu bieten. Immer wieder aber auch mit der Einschränkung: „. . . wenn ich gesund bleibe“.
Er wird in rund vier Wochen wieder ganz gesund sein. Nur eine Nacht allerdings hat es gedauert, bis er die Konsequenz aus diesem Unglück gezogen hatte: Fabian Hambüchen muss nicht immer allen gerecht werden. Um seinem Körper - und seiner Psyche - die nötige Pflege zu gönnen, wird er sein Programm im nächsten Jahr reduzieren. Und in diesem Jahr wird der Turner Hambüchen gar nicht mehr zu sehen sein.